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Herzen, daß ich der Güte und Gnade Gottes nicht würidgbin. Aber es ist vorüber, mein süßes Mädchen — esist vorüber, und die Hölle hat keine Macht mehr übermich; Du hast sie ihr genommen. Doch laß uns überunserem Glücke nicht diejenige vergessen, der wir es zudanken haben. Wenn es gütige Feen gibt, so ist Melanieeine von ihnen!"
Er wandte sich der Stelle zu, wo er Melanie zu-letzt gesehen hatte, aber sie war verschwunden.
Obwohl sie weniger an sich selbst als an anderedachte, obwohl das Glück des liebenden Paares ihremAuge Thränen edler Rührung entlockte, so glaubte siedoch, ihr heftig klopfendes Herz müsse ihr zerspringen.Leise schlich sie sich davon und wandelte langsam dieGartenterrasse hinab.
Auf diesem Wege entwarf sie ihren künftigen Lebens-plan. Sie wußte, daß ihr das Loos der Entsagung zu-gefallen und daß es ihre Bestimmung war, auf das eigeneGlück zu verzichten und dafür dasjenige anderer zu be-gründen. Nicht umsonst hatte sie in der Schule der Ar-muth die Nachtseiten menschlichen Daseins an sich selbstkennen gelernt. In dem schönen, stillen „Villenhofe"wollte sie ihre künftigen Jahre verbringen; jede Hüttedes Dorfes sollte ihren Schritt kennen, und so weit ihreMacht reichte, wollte sie Freude und Sonnenschein umsich verbreiten.
Ganz in diese neue Welt künftiger Pflichten ver-senkt, war Melanie eben an einer Gruppe Pinien ange-kommen. Mit dem würzigen Harzdufte, den diese ver-breiteten, mischte sich ein unangenehmer Theer- undSteinkohlcngeruch, den der Wind von der nahen BuchtHerauftrieb. Plötzlich sprang hinter den Bäumen diehohe Gestalt eines Mannes hervor, der in einen langendunkeln Mantel gehüllt war und einen Calabreserhuttief ins Gesicht gedrückt hatte. Melanie stieß einen lautenSchrei des Entsetzens aus, aber blitzschnell hatte der Mannsie mit starken Armen umfaßt, um sie nach der Buchthinabzutragen.
Daß es sich um einen Banditenstreich handle, warMelanie's erster Gedanke.
„Um des Himmels willen, lassen Sie mich los!"rief sie flehend. „Sie sollen so viel Lösegeld haben, alsSie verlangen!"
„Lösegeld," erwiderte der Fremde mit einer Stimme,welche ihr bekannt erschien, „eine halbe Welt soll Sienicht auslösen, bis Sie ein Geschöpf geworden sind, dassich selbst haßt und verabscheut. In Deutschland wiesenSie meine Liebe mit bitterer Verachtung zurück, aber jetzthabe ich Sie in sicherer Gewalt."
Was ihr die bekannte Stimme nicht gleich verrieth,erschlossen ihr die eben vernommenen Worte: sie befandsich in der Macht des Mannes, der sie einst mit un-würdigen Anträgen verfolgt, der wie ein finsteres Schick-sal verderbendrohend eine dämonische Herrschaft über ihrenBruder geübt und mit dieser Macht ihren eigenen Willenzu lenken versucht hatte, und der nun, da diese Mittelihm nicht mehr zu Gebote standen, sich mit gewaltthätigerHand ihrer Person versicherte.
Ihre furchtbare Lage erkennend, wollte sie einenverzweifelten Hilferuf ausstoßen, aber er preßte das eineEnde feines Mantels auf ihren Mund und trug sie mitraschen Schritten weiter und weiter hinab.
Wolfgang und Felicitas hatten Melanie's Schrei
vernommen, welchen ihr der Schrecken beim ersten An-blick ihres Entführers entlockt hatte.
Wolfgang vermochte genau zu unterscheiden, daß derSchrei von der Richtung der Bucht herkam, und sofortfiel ihm wieder jene Schattengestalt ein, die er gesternhinter dem Orangengebüsch beobachtet hatte. Er wollteeben hinabeilen, als Nölling herbeigestürzt kam.
„Wo ist meine Herrin?" fragte er hastig, indemer angstvoll umherblickte. „Ich glaubte, sie sei hier beiIhnen."
„Sie war hier," antwortete Wolfgang, „aber siehat sich unbemerkt entfernt."
„Dort — dort!" rief Rölling und deutete mitbebender Hand nach den Terrassen, „von dort kam derSchrei!"
Beide Männer theilten die gleiche Befürchtung, siehatten einander im Nu verstanden und rannten in wil-dem Laufe den nach der Bucht sich hinunterziehendenTheil des Gartens hinab, während Felicitas ihnen mitzitternden Gliedern folgte.
Bald sahen sie vor sich im hellen Mondeiflichte dieGestalten des Entführers und seiner Beute, die sich ver-zweiflungsvoll in dessen Armen wand. Der Räuber hattefast die Bucht erreicht, in welcher eine schlanke Dampf-Nacht lag. Ein Brett bildete eine Brücke zwischen demStrande und dem Fahrzeuge und auf dem letzteren stan-den mehrere Männer mit rothen genuesischen Mützen be-reit, das Brett wegzuziehen, sobald der Erwartete mitfeinem Raube an Bord sei. Nur wenige Secunden hättees hierzu noch bedurft, aber Nölling schnitt mit einigengewaltigen Sprüngen dem Räuber den Weg ab, unddieser, die herkulische Kraft seines Verfolgers kennend,wandte sich seitwärts um und lief den Strand entlang,seinen gedungenen Mithelfern auf dem Schiffe mit lauterStimme einige italienische Worte zurufend. Auf diesesZeichen stürzten sich drei Männer von der Dacht aufRölling. Zwei davon packte der Riese sofort beim Kragen,und mit jeder seiner nervigen Fäuste einen emporhebend,schmetterte er beider Köpfe mit so furchtbarer Wucht gegeneinander, daß die Angreifer besinnungslos zu Bodenstürzten. Während er sich der Revolver bemächtigtewelche die Betäubten im Gürtel trugen, feuerte derDritte auf Nölling einen Schuß ab, der jedoch nichttraf, und floh nach der Jacht zurück.
„Hierher! hierher!" hörte Nölling die Stimme desBarons. Dieser war inzwischen dem Entführer Melanie'sgefolgt, welcher, besorgt um seinen Raub, in blinder Hasteinen über das Meer hinausragenden Felsen erstiegenhatte, an dessen weißer Wand sich rauschend die Wellenbrachen.
„Hier steht der Schurke!" rief Wolfgang, an demFelsen emporkletternd. „Ich kenne ihn nur zu gut!"
Oben auf dem äußeren Felsende stand Maitland,den linken Arm krampfhaft um Melanie geschlungen, inder rechten Hand drohend eine Schußwaffe haltend.
Nölling war inzwischen herangekommen und hattedem Baron einen der erbeuteten Revolver in die Handgedrückt; aber keiner der beiden Männer wagte auf Mait-land zu schießen; aus Furcht, Melanie zu treffen.
Maitland's hohe Gestalt war klar und deutlich imMondlichte sichtbar, und Wolfgang und Nölling konnten,da sie keine fünf Schritte von ihm entfernt waren, sogarseine Züge und den Ausdruck wilden Grimms darin unter-scheiden, als von der Bucht her zischend eine weiße Dampf-