Ausgabe 
(31.8.1894) 71
Seite
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Wolke aufwirbelte und die Jacht eilfertig in die offeneSee htnauSdampfte.

Zurück, Herr Baron von Sturen," rief Maitland,und hören Sie ein paar Worte an l Als wir uns zu-erst trafen, fühlte ich, daß unsere Geschicke aneinandergefesselt seien. Ich hatte mit Ihnen abzurechnen undwollte Sie in meine Macht bekommen; jetzt bin ich inder Ihrigen. Wenn Sie mich über diesen Felsrandtreiben, so jagen Sie nicht nur dieses Mädchen in denTod, welches Sie liebt, sondern Sie tödten auch Ihreneigenen Bruder ja I Ihres Vaters Sohn, Herr Baron,den Bastard, dem Sie seine natürlichen Rechte gestohlenhaben."

Wolfgang war einen Augenblick starr. Die ebenvernommenen Worte bestätigten die furchtbare Wahrheitjener Vermuthung, an welche er nicht hatte glaubenwollen. Er wich, wie vor einem Gespenste, vor Mait-land zurück, und die Hand mit dem drohend erhobenenRevolver sank kraftlos herab.

Maitland stieß ein höhnisches Gelächter aus.TrögstDu Bedenken, Brüderchen," rief er,die Mordwaffe gegendas väterliche Fleisch und Blut zu erheben? Für michgibt es solche Scrupel nicht. Hinweg! sage ich Dir; hin-weg mit Euch beiden oder" Er streckte die Hand mitdem Revolver gegen Wolfgang aus, aber ehe er nochlosdrücken konnte, hatte Rölling mit einem Satze denZwtschenraum übersprungen und riß Melanie aus Mait-land's Armen. Dieser wollte der ihm entwundenen Beutenachstürzen, erhielt aber von Rölling einen solchen Stoßin die Brust, daß er unaufhaltsam gegen den Rand desFelsens zurücktaumelte. Selbst in diesem Augenblicke,der, wie er fühlte, sein letzter war, schlug noch in ihmder Fieberpuls der Leidenschaft. Blindlings feuerte erseine Waffe gegen Melanie ab. Ein Blitz ein Knall Maitland's Gestalt war kopfüber von dem Felsenverschwunden und Rölling, von dem zu hochgehendenSchusse in den Kopf getroffen, taumelte, noch im Todes-kampfe seine gerettete Herrin festhaltend, von dem Felsenzu Wolfgang's Füßen herab . . .

In den Armen FelicitaS' erwachte Melanie auseiner tiefen Ohnmacht. AIs sie sich des Geschehenen er-innerte und ihren Netter mit zerschmetterter Stirn kaltund regungslos daliegen sah, warf sie sich mit einemerschütternden Schmerzensschrei neben ihm in die Kniee.Das Hinscheiden des eigenen Bruders hatte sie nicht sozu ergreifen vermocht, als das Ende dieses Mannes,der heldenmüthig für sie in den Tod gegangen war.

Aber mitten in ihrem Schmerze kam ihr beim An-blick des ruhigen, friedlichen Todtenantlitzes ein tröstenderGedanke: nie mehr hätte er auf Erden diesen Friedengefunden. Sie wußte es nur zu gut, daß die Erinnerungan sein früheres Leben wie ein nicht zu ertödtender Wurman seinem Herzen fraß. Seine Reue konnte vor denMenschen nicht vergessen machen, was er einst gewesenund gethan; aber der Richter aller Richter, vor dem erjetzt stand, sah gnädig auf seine letzte That der Sühneund löschte die Schuld seines Lebens aus . . .

Maitland's Leiche gab das Meer nicht zurück, dochsein Geist lebt noch immer und sucht zu vernichten, wasgut und edel ist. Glücklich jeder, dem er sich nicht inder täuschenden Hülle eines Freundes naht. Wehe aberdemjenigen, der einen Maitland gar in seinem eigenenHerzen trägt!

Das Schvheulresl.

Eine wahre Geschichte. Erzählt von Robert v. Hagen.

«Nachdruck «rrbotk».)

Aha, das Schützenliesell" ruft der verehrte Leser;die kenne ich ja auch vom Schützenfeste in München her. Es war ein bildschönes, flinkes Mädel, und wemdie das Bier gebracht hat, dem hat's «och 'mal so gutgeschmeckt, als sonst."

Aber diesmal fehlgeschossen, mein lieber Schütze!Ich erzähle hier von einem anderen Schützenliesel, vomOriginal-Schützenliesel, die allen jenen, welche Anno 1868am großen Bundesschießen im Wiener Prater theilge-nommen, unvergeßlich sein wird. Wer die Geschichteaber noch nicht kennt, dem will ich sie nach Schützenartkurz und schlichtweg hier erzählen.

Also unter den Tausenden, welche zu dem Schützen-feste gekommen waren, befand sich auch der Sturzvogel-wirth Tobias Stahlaner, der beste Schütze, soweit derJnn sein liebes Tirol durchläuft. Das ist bekannt,und darüber wird nicht gestritten, und seine Tochter,das blitzsaubere Liesel, die hatte er mitgebracht. Siehatte sich's nicht nehmen lassen, ihren Vater nach Wien zu begleiten, nicht etwa aus Neugierbe, die Kaiserstadtzu sehen und dann in ihren Bergen damit prahlen zukönnen nein!I will mitschießa, Vota (Vater),"sagte sie zum Sturzvogelwirth,i will denn fein' Leut'drin zeig«, daß de Tirolermadel auch guat schieße könneund nit nur alleweil Kühmelken und Jodeln!"

Mir is scho recht," sagte der Stahlaner Tobias,kannst scho mitkomma; aber i glaub' nit, daß Dir's er-lauben werden, die andern, das Schießen; denn deG'schich't ist ja doch nur für uns Mannsleut' herg'richt'."

Sie wern's scho erlauben," erwiderte das Lreselvoller Ueberzeugung,und i werd' Dir a ka Schand nitmache, Vota, das kannst mir glauben."

Das letztere hätte sie ihrem Vater nicht erst zuversichern brauchen; denn das Liesel schoß fast ebensogutwie er, und die Büchse hatte sie seit Kindesbeinen herlieber in der Hand gehabt, als das dumme Strickzeug.Also die Sache war abgemacht: die Wirthschaft wurdeder ältesten Tochter, dem Nandl, übergeben, denn dieMutter war schon lange todt, und mit einem jauchzendenHaldari dio" nahmen Vater und Tochter kurzen Abschiedvon den geliebten heimathlichen Bergen.

Zwischen Berg und ThalDa liegt der Wasscrfall.

Haldarodio dio io! Juhl

Ein Prachtmädel, das Liesel! Das seine gesundeund runde Gesichte! I Und angethan mit dem so kleid-samen Tirolerkostüme, den kecken feschen Hut voller Eoel-weiß, die blanke Büchse über die mollige runde Achselgehängt so hätt' sie damals der Defregger sehenmüssen da wär' ein Bild draus geworden, das sichgewaschen hätt'!

Das Liefe! wurde in ihrem Vertrauen auf die Ga-lanterie des Schützen-Komitees in Wien nicht getäuscht.

In liebenswürdiger Weise wurde ihr am SchießstandePlatz gewährt. Aber sie wollte diese Vergünstigung nichtso ohne weiteres annehmen und stellte selbst die Be-dingung:

I mach' zuerst an Schuß; triff i etni ins Schwarze,so könnt's mir's erlauben; triff i nit eint auf'n erstenSchuß, so laß i's Schießen ganz bleiben!"

Und schon legte sie den Stutzen an die frische

«sAk-e»