Ausgabe 
(31.8.1894) 71
Seite
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Wange, die wie Milch und Blut erschien, der Schußkrachte undmitten drin war er!"

In respektvoller Bewunderung umstanden nun alledas allerliebste Diarndel, das dann im Verlaufe desVormittags auf diversen anderen Scheiben fast ausschließ-lich nur Meisterschüsse abgegeben hatte.

Wie ein Lauffeuer ging's über den Schützenplatzvom Liesel, seinem famosen Schießen, und jeder wolltesich das Wunder-Liesel 'mal angucken.

Ja, am nächsten Tage waren einige Zeitungen soindiskret gewesen, ganze lange Artikel über die moderneWilhelm Tellerin" zu bringen.

Und wieder stand das Liesel an der Seite ihresVaters, der sich nicht minder bereits als trefflicher Schützehervorgethan hatte, und sie bewies denn auch, daß dieTiroler Mädeln noch mehr als das Kühmelken und Jodelnverstehen.

Da machte sich plötzlich eine allgemeine Bewegungunter den übrigen Schützen bemerkbar, und gefolgt vondem Präsidenten, einigen Komiteemitgliedern und mehrerenanderen trat ein bereits älterer Herr, der das Band derEhrenlegion im Knopfloche trug, an den Schießstand.

Seine Durchlaucht der Herr Herzog von G., Ge-sandter von X.," so wendete sich der Präsident an dasSchützenliesel,möchte das Vergnügen haben, die aus-gezeichnete Schützin begrüßen zu können."

Was will er denn von mir? Ich kenn' ihn jagar nit."

Seine Durchlaucht haben von Ihrem Meisterschießengehört und möchten Sie persönlich kennen lernen."

Na, wenn's weiter nix is," erwiderte das Schützen-liesel;da steh' i!"

Der Herzog kniff sein Monokle ins rechte Auge,lüftete leicht seinen Cylinderhut und sagte in näselnderStimme:

Lla pstits, js suis suvstanis äs kairs votrsoonvaissauosl"

Ja," erwiderte die List,wenn Du mit mir redenwillst, nachher muaßt scho tirolerisch sprechen; denn dösKramszeug da, dadervon versieh' i ka Wört'l. Was willstdenn eigentli von mir?"

Alle Umstehenden, mit Ausnahme des Sturzvogel-wirthes denn der fand das ganz natürlich warenwie versteinert, und einige konnten das Lachen nur mitMühe unterdrücken.

Der Herzog, welcher der deutschen Sprache nur höchstunvollkommen mächtig war, hatte von ihrer Erwiderungüberhaupt nur dasDu" verstanden, und sich an seineBegleiter in französischer Sprache wendend, sagte er:

karstlsu, ich glaube gar, die Kleine da duzt mich?"

In der That, Durchlaucht!" antwortete ein junger,hübscher Aitachö, der Graf von St. Fallier;das MädchensagteDu" zu Eurer Durchlaucht."

Lla.i8 waas aber, Mademoiselle, ich findensehr komisch, daß Sie sak zu mirDu"; ich sein derHerzog von G."

Ja, wie soll i denn anders zu Dir sagen, als Du?I wüßt' wirkst nit!"

Euer Durchlaucht," sagte ein Herr vo« Komitee,die Leute im Tiroler Gebirgskunde, die sagen zu jedemDu", und selbst wenn einer beim Kaiser zur Audienzist, so sagt er schlankweg:Du, Herr Kaiser!""

Ah, charmant, charmant!" sagte der Herzog unterLachen;das ist ja sehr amüsant! Wollen Sie, L

xrop08, das hübsche Kind ersuchen, einen Schuß zu thun,damit ich mich von ihrer so gerühmten Fertigkeit über-zeuge.«

Man übersetzte die Bitte des Herzogs ins Deutsche .

Na, na, schieß nur Du zuerst," sagte sie zumHerzog;zeig' mal, was D' kannst! Zuerst kommst Dudran; dafür bist a Herzog und nachher komm i!"

Damit reichte sie ihm ihre eigene Büchse.

Seine Durchlaucht kam ihrem Wunsche nach, klemmtesein Monokle fester ins Auge, legte an und schoßder Luft ein Loch.

Gieb her die Büchsen!" sagte das Schützenliesel,und von dem anmuthigen Gestchtchen waren Unwillenund Ungeduld herabzulesen.So a Schuß is aus derBüchsen no niemals raus kommen! Muaßt das Schießenno besser lernen. Und dann horch, was i Dir sag':A rechter Schütz und Jaga, wenn er was treffen will,der darf sich nimmer so a Fensterglas ins Aug' rein-kleben, wie's Du da hast."

Sie nahm die Büchse aus seiner Hand und schicktesich an, nun ihren Schuß zu thun.

Da, wie mit magnetischer Gewalt gelenkt, wendetesich ihr Blick nach dem einige Schritte entfernt stehendenGrafen St. Fallier, welcher wie bezaubert und in Ver-zückung während des ganzen Vorganges kein Auge vonihr abgelassen hatte.

Sein feuriger^ bewundernder Blick traf sie, undeinen Moment schien sie wie gebannt von demselben.

Schnell aber faßte sie sich und reichte dem jungenManne die Büchse hin.

Probir's 'mal Du," sagte sie;vielleicht habenDeine Augen bessere Kraft, als die vom Herr Herzog!"

Ich will's versuchen," erwiderte der junge Kavalierlächelnd in ziemlich fließendem Deutsch , und dunkle Nötheüberzog seine schönen, edlen Züge.

Schiaß guat!" sagte das Schützenliesel;i denk'mir 'was dabei. Wenn st triffst, so is's richtig, das,was i mir denk'! Wennst nit triffst, dann is's haltnit richtig!«

Der junge Graf zielte zielte lange dannein kurzes Sausen undCentrum!" rief man all-seitig.

Jesus, Maria und Josef!" bebte es leise von denrosigen Lippen der Tirolerin.'s is richtig so!"

Freudestrahlenden Auges brachte der glückliche Schützedem Mädchen die Büchse zurück, und mit Spannung er-wartete man nun auch den Schuß, den das Schützenlieselabzugeben hatte.

Sie nahm den Stutzen mit merklicher Erregung zurHand, legte an die Hand zitterte das Auge warunruhig der Schuß krachte und ging fehl, weit,weit links ab von der Scheibe!

Was machst denn, Madel? Bist wohl nicht rechtg'scheit, Liesel?« rief ihr Vater erbost.Die Schand'mußt wieder gut machen. Flink nacheinander schloß drei-mal ins Schwarze, wennst nit willst, daß Dein Vaterzornig wird."

Und das Schützenliesel schoß; ein-, zwei-, dreimal-fehl!

Sie stampfte mit beiden Füßchen, und Thränentraten ihr in die engelhaft schönen Augen.

Kum, Vater," sagte sie,kum, i will's nit wiederthun. I weiß nit, was mir fehlt! I glaub, t bin abissel krank."

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