Ausgabe 
(31.8.1894) 71
Seite
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Dann trat sie an den Herzog heran und sagtetreuherzig:

Herr Herzog, sei nit bös, daß i Dich vorhin ver-spott' hab' wegen Deinem schlechten Schiaßen. I hab'sno schlechter g'macht als Du."

Die väterliche Liebe und Besorgniß des Vaters, seinKind sei etwa doch plötzlich krank geworden, besiegtenfeinen anfänglichen Zorn über die schreckliche Schand',und mit einemGrüaß Gott, Schützen!" ging er mitseiner Tochter ab.

Als sie bei dem jetzt etwas entfernter stehendenGrafen St. Fallier vorüberkamen, da wendete sich dasSchützenliesel unbemerkt zu ihm und sagte leise in vor-wurfsvollem Tone:

Da bist halt Du schuld, Du böser, böser Mensch,

zwcßwegen hast mich denn alleweil so ang'schautl"

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Nordwestlich von Brixen in Tirol befindet sich dersogenannte Sturzvogel.

So recht heimlich und versteckt liegt dort das herr-liche Anwesen des reichen Tobias Stahlaner, der imLeben schon mindestens fünfzigmal Schützenkönig warund mehr zum Zeitvertreibe, als aus Gewinnsucht sonebenbei eine Gastwirthschaft betreibt.

Die Schützenkönigswürde ist bei ihm die Hauptsache.

Da stand er, wie er leibt und lebt, vor der Gogel-wtrthschaft und untersuchte einen nach dem andern vonden vor ihm liegenden prächtigen Stutzen.

Denn in einigen Tagen war ja wieder großesVogelschießen in Brixen , und da mußte er doch auchdabei sein. Ging's denn ohne ihn?

Da kam plötzlich in großer Eile Loisel (Alots) derViehhirt und schrie, soweit es der Kapitalkropf, den ersein eigen nannte, zuließ:

Gogelwirth, am Jnnersturz is aner obig'fallen; ihon sei Stimm' g'hört, aber alloi kann i ihn nit ausfi-hol'n."

So geh' holt hintri in die Scheun', der Hanselsoll mit Dir geh'n, die Strick' und die Steigeisen mit-nehmen. Wenn s gar schlimm sein sollt', so tragt's ihnhalt zusamm' nach dem Kloster hin, nach Mariabrunn

wenn die Knochen aber no ganz find, dann bringt'sihn in Gottesnamen her. Es ist halt Menschenpflicht l"

Loisel that, wie ihm geheißen, und in Gemeinschaftmit dem ebenfalls kropfigen Hansel ging's eiligen Schrittesdem Jnnersturz einem gefurchtsten Bergfalle zu,dem Verunglückten Hilfe zu bringen. Denn das Tiroler-herz ist ein ungeschliffener Diamant, aber immerhin einDiamant, und wenn Loisel oder Hansel beim Kirchweih-feste im blutigen Faustkampfe einen halbtodt geschlagenhat, so wacht er denn auch Tag und Nacht beim Lagerdes Verletzten, Pflegt ihn in aller Sorgfalt und beteteinen Rosenkranz nach dem andern zur heiligen JungfrauMaria Muttergottes, damit er wieder recht bald g'snndwird und sich dann wieder von frischem raffen (raufen)kann!

's wird halt wieder so a Fremder sein," brummteder Gogelwirth in den Bart hinein;die Leut' hab'nkein Dunst vom Bergsteigen; aber auffi müssen's halt,ohne dem geht's nit!"

Der Gogelwirth hatte recht; eS war richtig einFremder, mit dem die beiden Knechte eine Stunde späterbet der Wirthschaft ankamen.

Die G'schicht wird nit schlimm sein," sagte TobiasStahlaner zu seiner Tochter, dem Schützenliesel, das so-eben von Sellach, wo Jahrmarkt war, gekommen warund der er von dem Unfälle erzählt hatte;Liefe!, mach'sFremdenlager zurechtl"

Das Schützenliesel eilte, dem Befehl ihres Vatersnachzukommen

Ich danke Euch, Ihr guten Leute, für Eure großeMühe und Aufopferung; ohne Euch wär' ich wohl elendzu Grunde gegangen," so sprach der Fremde, als eranscheinend unter großen Schmerzen auf der Holzbank,welche vor der Wirthschaft stand, Platz genommen hatteSeine Sprache klang fremd, wenngleich er sich auch imHochdeutschen ziemlich gut auszudrücken wußte.MeineKräfte drohten mich bereits total zu verlassen, und dasWurzelwerk, an dem ich mich krampfhaft hielt, schien sichbereits aus der Erde zu lockern. Hättet Ihr mir nichtnoch zu rechter Zeit die Leine zugeworfen, ich wäre tiefhinabgestürzt in die finstere Kluft und hätte meinenKopf wohl an irgend einem Felsen zerschmettert."

Ja, schau," sagte Loisel in belehrendem Tone,warum bist' denn auffi g'stieg'n?"

Na ja," ergänzte der Hansel und blähte seinenKröpf auf,wärst halt nit auffi g'stieg'n, wärst haltnit abi g'fall'n."

Nun, Euer Schade soll's ja nicht sein," erwiderteder Fremde,ich will Euch reich belohnen. Jetzt aberseht zu, daß ich mich auf Heu oder Stroh recht weichhinlegen kann; denn ich glaube, ich habe außer den vielenSchürfungen den linken Fuß gebrochen. Die Schmerzennehmen schon überhand."

Die letzten Worte hatte der Gogelwirth, welchereben aus dem Hause heraustrat, vernommen.

Wenn a Fremder beim Gogelwirth Unterkunftsucht, so braucht er grad nit immer auf Heu und Strohzu liegen," sagte er mit einem gewissen Stolz.DasFremdenbett oben is zurecht gemacht. Es wird Dirwohl nit zu schlecht sein so glaub i. Im vergangenenJahr hat der Vetter vom Kaiser, der Erzherzog Heinrich,drin g'schlafen, und am andern Morgen hat er g'sagt:Gogelwirth, z'Haus mei Bett is auch nit besser!"

Frisch überzogen iS halt auch," so ergänzte nochder Gogelwirth.Und jetzt laß Dich 'rauftragen; iwerd unterdessen nach Brixen schicken um'n Doktor, vor-her aber noch die alte Ursula aus der Sennhütte herab-holen lassen; die taugt mehr, als alle Doktoren; sie wirdDir 'was auflegen, da wo 's Dich schmerzt. BrauchstDich gar nit zu geniren vor ihr; 's is ja bloß a altesWeib und die Stucker neunzig Jahre hat's bereits amBuckel."

Dann seid auch so gut," sagte der Fremde,gebtmir ein Stück Papier , damit ich meinen Diener, welcherin Brixen im Hotel zum Erzherzog Johann auf michwartet, benachrichtige, wo ich mich befinde, und damiter mit dem Gepäck hierher kommt."

Das geschah, und der Kranke wurde sodann nachdem oben gelegenen Fremdenzimmer, welches die herrlichsteAussicht auf die mächtigen Berge und hinab in ein rei-zendes Thal gewährte, transportirt.

Ich muaß den Menschen schon wo g'sehn habentm Leben. I hätt' ihn gern g'fragt, wer er is und

woher er is.-I hätt'S auch 'than, wenn er g'sund

wär', aber an Kranken fragt der Tiroler nit um so