Ausgabe 
(31.8.1894) 71
Seite
550
 
Einzelbild herunterladen

5S0

etwas, a Kranker g'hört der Menschheit an, ob er deroder der Nation ang'hört ob er Bettler oder Kaiser is!"

Der Kranke war bereits zwei Tage in der Gagel-wirthschaft. Bei allem Unglück hatte er doch Glück ge-habt; denn der Arzt konstatirte, daß von einem Bein-bruch keine Spur, sondern einzig der linke Fuß ausge-renkt gewesen und, da die Wiedereinrenkung nicht hattesogleich vorgenommen werden können, so heftige Schmerzen,eine hohe Geschwulst und bedeutendes Fieber entstandenseien.

Es war gerade am Palmsonntag.

Geh' rauf, Liesel, zu dem Fremden,- befahl derGogelwirth seiner Tochter,nimm's Gebetbüchel mit,sag' ihm's Vaterunser und 's Ave Maria vor und aGebet zu seinem heiligen Schutzpatron. Er soll wissen,daß er in an christlichen Haus is."

Aber, Vater,- wendete das Schiitzenliesel ein, «wirstdo nit verlangen, daß i zu ein' fremden Mannsbild insZimmer geh'? Die selige Muatter hat's mir scharf ver-boten und i hab's immer so g'halten."

Die alte Ursula is oben bet ihm zur Pfleg'aber sie kann ja nit lesen, und 's Vaterunser kann sieauch nit mehr fehlerfrei aufsagen. Also, marsch 'rauf Dein Vater befiehlt's!"

Das Schiitzenliesel hatte heut ihr FeiertagS-Staats-gewandel an und sah sehr hübsch und appetitlich aus.

Sie ging 'rauf. Eigentlich war sie schon laugebegierig, den Fremden zu sehen, aber sie hatte sich gesagt:Was sich nit schickt, das schickt sich halt nit," und sohatte sie bisher ihre Neugierde in Bann gehalten.

An die Thür' erst anklopfen? Ach was, dasbrauch i nit. Das Haus g'hört ja uns,- sagte sich dasLiesel nach kurzer Ueberlegung,und überdies könnt'sihn ja derschrecken." Und demgemäß öffnete sie ohneweiteres die Thür zum Fremdenzimmer und trat ein.

Gelobt sei Jesus Christus," sagte sie dabei, undin Ewigkeit, Amen," Hütte die alte Ursula antwortenmüssen, wenn sie nicht eingeschlafen gewesen wär' imalten Großvatersessel.

Der Vater hat mi 'raufgeschickt i soll Euchdas Vaterunser vorsagen,- so begann das Liesel, einwenig verlegen und die Augen zu Boden geheftet.Dennheut' iS der Palmsonntag. -

Der Kranke wendete sein Antlitz der Eingetretenenzu, starrte sie eine Weile an und seine vom Krankenlagergebleichten Wangen belebten sich in Purpurröthe.

Schiitzenliesel! Schützenliesel!- ertönte es von seinenLippen.

Sie sah auf vom Boden sah ihn an, den Kranken,und rief erregt:

Ja, träum' i denn oder is es die pure Wahrheit?

I kenn' Dich ja-ja, ja, Du bischt's, Du bischt

der Schütz, der in Wien beim Schützenfest aus mein'Stutzen den feinen Schuß gethan!"

Ihr Gesicht glühte.

Ja, ja, ich bin's, Schützenliesel, ich habe Siegesucht in ganz Tirol. Ich bin gefahren und gewandertdurch's Jnnthal, durch's Etsch - und Eisak- und durch'sPusterthal. Ich habe keine Ruhe gehabt seit jenem erstenMoment, wo ich Sie am Schießplatz in Wien gesehenund gesprochen und ich mußte Sie wiederfinden-

Und weswegen denn? Was wolltest Du dennvon mir?"

Jch wollte Sie fragen,- antwortete der jungeMann und seine Augen hingen in verzehrendem Feueran der holden Gestalt des Schützenliesel,ich wollte Siefragen, was es zu bedeuten hatte, als Sie, bevor ichdamals meinen Schuß abgab, zu mir sagten: Schieß'gut! Ich denke mir etwas dabei; triffst Du, so ist esrichtig das, was ich mir dabei denke; triffst Du nicht,dann ist es nicht richtig!"

Sie wurde blutroth.

Nix war's, gar nix war's," antwortete sie,vor Scham vergehend,a Dummheit war's weiternix. Doch jetzt muß i thun, wie rnir's der Vaterg'heißen hat!" Und zu dem über dem Kopfbettende ander Wand befindlichen hölzernen Kreuze des Erlösershinausblickend, sprach sie langsam im echten TirolerischdasVater Unser" und das ,,^-vv Llaria".

Und wie heißt Dein heiliger Schutzpatron?" sofragte sie dann den Kranken.

Es ist der heilige Nikolaus".

Das Schützenliesel ging hin zu dem alterthümlichen,reichgeschnitzten Schrank und entnahm einigen dort auf-gestellten Büchern das größte. Es war die Geschichteder Heiligen. Sie schlug jene des heiligen Nikolaus aufund entnahm derselben das Gebet dieses Schutzpatrons.Und da sie zu der Stelle kam, wo es heißt:O Herr,laß Wahrheit sprechen meine Zunge alle Zeit und meinHerz nicht werden zur Mördergrube" da, beidiesen Worten, die sie heruntergelesen, hielt sie plötzlicherschrocken inne und das arme kleine einfältige Ding,das es viel ernster meinte mit seiner Religion, als diehochgebildeten Stadtleut', sie brach in Thränen aus,und mit den Worten:Nein, nein, i darf nit weiterlesen i kanu's auch nit mehr; denn g'rad vorher hatmei Zung' die Unwahrheit g'sprochen und aus meim Herze!hab' i a Mördergruben g'macht" lief sie aus demZimmer!

Wenn das Schützenliesel traurig war, das hatt' nochnie lange gedauert. Zum Kopfhängenlassen war sie geradenicht geschaffen.

Der Graf war so weit hergestellt, daß, wenn er'Seilig gehabt,-er die Gogelwirthschaft ganz commod schonhätte verlassen können. Aber er hatte eS eben nicht eilig,im Gegentheil, es gefiel ihm hier, in fortwährender Nähedes geliebten Gegenstandes, den er so lange emsig gesuchtund dessen Wiedersehen er quasi bald mit seinem Lebenerkauft hätte, und er dachte vorläufig gar nicht daran,das heimlich traute Fleckchen Erde zu verlassen.

Da trat eines Tages der Gogelwirth an ihn heranund sagte:

Weißt' was, Herr Graf? Jetzt bist' scho volledrei Wochen bet uns Dein Haxen (Fuß) is g'sund,und so glaubet i halt, daß 's Zeit wär', wcnnst' Dirunser Tirol wieder a mal von aner andern Seiten an-schauen würdest. -

Mein ferneres Verweilen an diesem Ort, welchenich so sehr lieb gewonnen habe, wäre Euch unangenehm,Gogelwirth?" so fragte in höchster Bestürzung der jungeGraf.

Ja," sagte Liesel'S Vater mit mürrischem Tone.

Und warum das? Bin ich nicht bereit, Euch reich-lich zu entschädigen für alles, was Ihr mir geboten?-

Geld," antwortete der Alte,spielt beim Gagel»

i

4 '-.

l-