Ausgabe 
(4.9.1894) 72
Seite
553
 
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Nugsburger Postzeitung".

^L72.

Dinstag, den 4. September

1894.

??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Znsiiruts von Haas >L Grabderr in Augsburg tVorbesitzer Dr. Mar Huttlcr).

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Aer Organist.

Novelle von C. Borges.

lNachdruck verboten.^ -

1. Kapitel.

Herein!"

Auf diesen Zuruf öffnete sich die Thür des Arbeits-zimmers, auf der in großen schwarzen Buchstaben dieWorte:Johann Schellenbcrg und Sohn. Wohnungs-Vermittelungs-Bureau" zu lesen standen. Die Eintre-tende war eine junge Dame; sie war groß und schlank,ihre Gestalt graciös und anmuthig. Dunkles, kurz ge-locktes Haar umgab wellenförmig ihre hohe Stirn, unddie hellleuchtenden Augen blickten erstaunt, ja fast neu-gierig in das große, menschenleere, nur dürftig ausge-stattete Gemach und nach der offenstehenden Thür eineszweiten Zimmers, aus welchem zweifellos die Auffor-derung einzutreten ergangen war.

Herein!" wiederholte die Stimme jetzt lauter undenergischer, und dem Rufe folgend betrat die jungeDame das zweite Gemach. Ein junger, stattlich aus-sehender Mann saß emsig schreibend vor seinem hohenPulte; tief neigte sich das stolze Haupt über die gro-ßen Folianten, die vor ihm ausgebreitet lagen, ohnedie Blicke von der Arbeit zu erheben. Doch nur einenAugenblick. Kaum fiel sein Auge auf die Dame, diejetzt schüchtern auf der Schwelle stand, als 'er hastig vonseinem Sitze aufsprang und sich tief verneigend demunerwarteten Gaste näherte.

Ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hattekeine Ahnung, daß eine Dame Einlaß begehrte," stam-melte er verwirrt und um einigermaßen seine momen-tane Verlegenheit zu verbergen, schob er einen bequemenSessel für die unbekannte Fremde herbei.

Die Dame lächelte über diesen Eifer, dann begannsie mit sanfter, melodischer Stimme:Ich bin hierhergekommen, um von Ihnen eine Wohnung zu miethen.Sie haben ein kleines, weit in der Vorstadt gelegenesHäuschen augenblicklich leer stehen; können wir es be-kommen und kann es sofort bezogen werden?"

Von welchem Hause reden Sie? Wir haben sehrviele Wohnungen auf unserer Liste, in der Stadt sowohlwie außerhalb," versetzte der Gefragte und wunderte sichnicht wenig, daß eine schöne junge Dame in solch einemAuftrage zu ihm in's Bureau komme.

Das Häuschen liegt ziemlich weit in der Vorstadt

dicht an der Landstraße am Saum des Waldes undträgt den hochpoetischen Namen Rosenvilla!"

Die Rosenvilla! Unmöglich!" kam es von denLippen des jungen Mannes; jedoch sich seiner Pflichterinnernd, fuhr er zögernd fort:Ja, so heißt dasHäuschen, oder richtiger gesagt die erbärmliche, elendeHütte, die nur aus Ironie ihren Namen trägt. Abervermuthlich haben Sie dieselbe noch gar nicht gesehen?"

Nur von außen, aber ich hoffe bestimmt, daß unsdas Logis zusagen wird."

Hm!" machte der junge Agent,es ist wenig an-ziehend, daher meine Frage, ob Sie das Häuschen ge-sehen hätten. Aber wenn es Ihnen zusagt natür-lich, es ist ja Ihre Sache."

Ich muß selbstredend die inneren Räumlichkeitensehen, ehe ich mich entscheide. Sie haben gewiß dieSchlüssel, bitte, geben Sie mir dieselben, damit dieSache schnell erledigt wird, auch bitte ich um die Be-dingungen."

Herr Karl, wie er kurzweg als einziger Sohn desalten, finsteren Agenten Schellenbcrg genannt wurde,willfahrte gern ihrer Bitte und übergab der jungenDame die betreffenden Schlüssel und nahm hingegenihre Karte in Empfang, auf der in feiner Zierschriftder NameHelene Willford" zu lesen war. Sie erzählteganz unbefangen, daß sie mit den Ihrigen erst kürzlichaus England gekommen sei und jetzt beabsichtige, fort-an hier in Deutschland zu leben, da der Vater erstkürzlich gestorben und die Mutter eine Deutsche sei.Ihr einziger Bekannter und Freund sei der PfarrerHärtung an der Paulus-Kirche, durch seine Vermittlungsei ihr Bruder als Organist angestellt; sie würde pünkt-lich den Miethzins zahlen, wenn sie mit ihrer Mutter,der Schwester und dem Brnder die Rosenvilla beziehenwürde.

Ich befürchte, das Logis wird in keiner Weiseentsprechen," warnte jetzt Herr Karl schon zum zweitenMale.Es liegt freilich in unserem eigenen Interesse,das Haus sobald wie möglich zu vermiethen, und wirdürfen gewiß keinen Miether davon zurückhalten; aberdennoch halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen,daß der bauliche Zustand der Hütte sehr viel zu wün-schen übrig läßt. Der Eigenthümer bekümmert sich herz-lich wenig um seine kleine Besitzung, dafür ist aber auchder Miethpreis ein sehr geringer. Außerdem muß ichSie darauf aufmerksam machen, daß sich das Haus nicht