Ausgabe 
(4.9.1894) 72
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gerade des besten Rufes erfreut. Der letzte Einwohner ein alter geiziger Junggeselle verschwand vor eini-gen Jahren auf geheimnißvolle, unaufgeklärte Weise ausdemselben. Ob ein Verbrechen vorlag, oder ob derAlte plötzlich auswanderte, wurde nicht festgestellt, aberseitdem steht das Häuschen leer, sogar seine Nähe wirdvon Spaziergängern ängstlich gemieden."

O! das ist für mich durchaus kein Hinderniß indem Hause zu wohnen," versetzte die junge Dame un-beirrt,vorausgesetzt ist es nicht so baufällig, um unsüber dem Kopfe zusammen zu brechen, und bietet hin-reichend Schutz gegen Wind, Regen und Unwetter. MeineMutter", fuhr sie dann seufzend fort,ist leider blind;jedoch hofft der Arzt, daß bei größter Ruhe und guterPflege das Augenlicht sich mit der Zeit wieder kräftigenwird. Die Schwester ist fast beständig krank; beidewerden also die vielen Schattenseiten der Wohnung kaumbemerken."

Aber denken Sie doch an sich selbst," mahnteHerr Schellenberg jr.; denn unwillkürlich nahm er be-reits Interesse an dem Geschicke der fremden Familie.

Sie lachte belustigt. Ihre eigene Behaglichkeit wardurch die beständige Sorge um ihre Lieben ganz in denHintergrund getreten, darum entgegnete sie heiter:

Den größten Theil meiner Zeit werde ich hoffent-lich außerhalb des Hauses zubringen. Klavier- undGesangunterricht ist meine Hauptbeschäftigung. DerPfarrer Härtung hat für eine beträchtliche Anzahl Schü-lerinnen gesorgt, die sich gewiß noch vermehren wird,und auch mein Bruder sie senkte verwirrt und mitlieblichem Erröthen bei diesen Worten die Augen zuBoden wird allzu sehr beschäftigt sein, um sich darumzu kümmern, wie und wo er wohnt."

Der junge Agent durfte kein weiteres, warnendesWort sagen. Er hatte seine Pflicht vollkommen erfüllt,ja, noch mehr, er hatte sie noch überschritten; denn Hütteder Eigenthümer der Nosenvilla das Gespräch gehört, sowürde der junge Mann sich den Vorwurf nicht ersparthaben, die Miether zurückzuschrecken und ihn dadurch inseinem Vortheil zu schädigen. So ließ er es ruhig ge-schehen, daß Fräulein Willford die Schlüssel mit demVersprechen entgegennahm, morgen um dieselbe Stundewieder zu kommen, um endgültig die Angelegenheit zuordnen.

Beim HimmelI das sind ein paar Augen, wie ichsie in meinem ganzen Leben noch nicht sah," rief derjunge Mann enthusiastisch, als er sich allein sah.Einsolches liebes Gefichtchen ist genug, um mich bis anmein Lebensende zu verfolgen. Thorheit I" fuhr er dannin seinem Selbstgespräche fort,das sind keine Gedankenfür einen armen Mann, wie ich einer bin, der für seintägliches, kümmerliches Brod zu sorgen hat. Na, dakommt schon mein Vater, und ich habe noch nicht einmaldiese Rechnungen durchgesehen."

Wirklich öffnete sich die Thür des vorderen Zimmersund ein ältlicher Herr mit stark ergrauten Haaren undvon Gram durchfurchten Zügen betrat das innere Gemach.

Ist Jemand hier gewesen, Karl?" frug er nichtunfreundlich einen forschenden Blick in das freudig er-regte Antlitz seines Sohnes werfend.

Ja, der alte Meier, der Baumeister, war wiederhier, er dringt auf Zahlung der letzten Reparaturen,na, ich habe ihn auf bessere Zeiten vertröstet. Es hatauch noch nie so erbärmlich schlecht mit unserm Geschäft

gestanden, wie gerade jetzt," fuhr der junge Mann seuf-zend fort,aber endlich haben wir auch Aussicht, dieNosenvilla zu vermiethen, denke nur, Vater, die ver-rufene, morsche alte Hütte! Eine Dame war hier, um dieSchlüssel zu holen."

Eine Dame?" fragte ungläubig der alte Vater,sie will doch das jämmerliche Loch nicht selbst be-wohnen?"

Natürlich, aber nicht allein. Sie hat einen Bru-der, der Organist an der Paulus-Kirche, eine krankeSchwester und eine blinde Mutter."

Das ist sonderbar! Es finden sich Wenige bereit,in diesem abgelegenen Neste zu wohnen."

Das möchte ich auch behaupten, aber trotz alle-dem scheint Fräulein Willford eine fein gebildete, aristo-kratische Dame zu sein, die gewiß ohne eigenes Ver-schulden gezwungen wird, die Hütte zu nehmen. Sieist die reizendste Dame, die ich je in meinem Lebengesehen habe. Du hättest nur in ihre leuchtenden,dunkeln Augen schauen sollen, Vater, die so hell wie dieSterne am Himmel leuchten; dann die vollen rothenLippen, das schmale liebliche Antlitz, die silberhelleStimme und"

Na, Karl, genug davon," unterbrach scherzend derVater die enthusiastische Beschreibung.Diese Schwär-merei für eine unbekannte Dame ist mir gänzlich fremdan Dir. Kümmere Dich nicht um sie, noch um ihreSchönheit; sage mir lieber, ob sie ernstlich die Nosen-villa miethen will. Das alte baufällige Nest steht schonseit Jahren leer, und noch gestern schrieb mir der Eigen-thümer einen sehr unfreundlichen Brief, gerade als obes unsere Schuld sei, daß kein Mensch in dem Lochewohnen will."

Ich gab ihr die Schlüssel," versetzte der Sohn ingeschäftsmäßigem Tone, aus dem plötzlich jedes schwär-merische Gefühl verschwunden war,und morgen umdiese Zeit will sie wieder kommen; so sagte sie mirwenigstens oder so habe ich's verstanden."

Nannte sie keine Freunde oder Bekannte, bet denenwir über die Familie Erkundigungen einziehen können,oder gab ihre Schönheit Dir genügende Sicherheit?"

Ja, sie dachte daran, wiewohl ich offen gestehe,daß ich es vergessen hatte. Wenn der Pfarrer Härtungden Bruder als Organist angestellt hat, so können wirdoch auch wohl mit der Familie als Miether zufriedensein. xropos, der Pfarrer und besonders sein Bru-der, der Doctor Härtung, sind ja Deine besten Freunde;Du kannst Dich bei ihnen sehr gut über diese Fremdenerkundigen."

Der alte Herr lächelte wehmüthig. Die beidenBrüder waren freilich seine besten Freunde; schon wäh-rend lang verflossener Studienjahre hatte sich das Freund-schaftsband geknüpft, das im Kampf mit dem Leben nurnoch fester und inniger geworden war. Aber währenddie beiden Brüder Härtung hohe, angesehene Stellungenin der Welt einnahmen, in der Stadt allgemein beliebt,gekannt und hochgeachtet waren, mußte Schellenberg täg-lich von Neuem den Kampf ums Dasein aufnehmenund lebte mit seinem Sohn kümmerlich und verborgen,ein unbekannter, talentloser und wenig energischer Agent.Am nächsten Tage zur festgesetzten Zeit stand FräuleinWillford wieder vor der Thür des Agenten. Doch heuteerfolgte nicht das schrilleHerein" auf das leise Pochen.Herr Karl schien darauf gewartet zu haben; denn blitz-

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