Ausgabe 
(4.9.1894) 72
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schnell stand er an der Thür, die er eilfertig öffnete.Er hatte sich nicht getäuscht. Vor ihm stand die jungeDame, die unwillkürlich wachend und träumend seineSinne gefangen hielt.

Fräulein Willford!" rief er mit gut gespieltemErstaunen freudig aus, dann führte er sie galant zueinem Sitze.Was denken Sie jetzt von der Rosen-villa, nachdem Sie die innern Räumlichkeiten gesehenhaben? Sie sind gewiß in Ihren Erwartungen ge-täuscht," begann er, nachdem er ihr gegenüber Platz ge-nommen hatte.

Durchaus nichtI Die Räumlichkeiten sowie dieeinsame Lage des Hauses entsprechen ganz und garmeinen Wünschen," versetzte sie ganz entschieden.

Beabsichtigen Sie denn wirklich, selbst dort zuwohnen?" fragte der junge Agent erstaunt.

Ja! es wäre mir sogar lieb, wenn wir noch heuteeinziehen könnten. Wir wohnen bis jetzt im Hotel, unddort findet meine arme Mutter nicht ihre behaglicheBequemlichkeit. Es steht dochunserer Absicht nichts hinderndim Wege?"

Nicht im Geringsten. WennSie diesen Contract unterzeich-nen, so ist die Sache erledigt."

Helene Willford setzte mitfester Hand ihren Namen unterdas dargereichte Schriftstück undwar von jetzt an Inhaberin derRosenvilla.

2. Kapitel.

Es war am Nachmittag des-selben Tages, zur Zeit da dervielbeschäftigte Arzt DoctorHärtung die Runde bei seinenzahlreichen Patienten machte,als sich geräuschlos die Thüreines Schlafzimmers im obernStockwerk des Hauses öffneteund Martha, das jüngste Töch-terlein, in einen langen, schwar-zen Mantel gehüllt, einen dich-ten Schleier, der gänzlich ihrhübsches Gesichtchen vor neu-gierigen Blicken verbarg, fest umgebunden, unbemerkt dieTreppe hinabstieg. Vorsichtig spähte sie nach allen Seitenumher, und ein Seufzer der Erleichterung entschlüpfteihrer geängstigten Brust, als sie ungesehen das Hausverlassen konnte.

An der nächsten Straßenecke benutzte sie den bereit-stehenden Omnibus, der nach kurzer Zeit vor einemgroßartigen Gebäude anhielt. Es war der Kaiserhof,ein beliebtes Restaurant, verbunden mit Conditorei, dasvon den Bewohnern der Großstadt gern und häufig be-sucht wurde. Die junge Dame schien hier vortrefflichbekannt zu sein; denn dienstfertig trat ihr sofort derGar^on entgegen um sie in ein kleines Gemach zu führen,in dem nur wenige Gäste, plaudernd oder in ihren Zeit-ungen vertieft, versammelt waren.

In diesem Augenblick trat ein junger Mann auseiner Fensternische. Er hatte augenscheinlich die An-kommende erwartet; denn er führte sie schweigend, aber

mit glücklichem Lächeln auf seinem ehrlichen, offenenAntlitz auf den soeben verlassenen Platz zurück.

GeliebteI" flüsterte er ihr kaum hörbar zu, festihre kleine, weiße Hand in der seintgen haltend,wielange hast Du mich heute warten lassen! Ich fürchteteschon, Du würdest gar nicht kommen, und ich machte mirum Deinetwillen große Unruhe."

Du konntest doch wohl denken, daß ich mein Ver-sprechen halten würde, Franz," lautete die ebenso leisegegebene Antwort,aber ach! ich fürchtete, man würdebald entdecken, daß wir verlobt sind, und was würdedann mein Vater sagen!? Meine älteste Schwester Mariebeobachtet mich ohnehin scharf genug, und es wird mirimmer schwerer, das Haus heimlich zu verlassen."

Fürchtest Du, daß Deine Liebe zu dem Ex-Orga-nisten schon bekannt ist? Nun wohl, ich verstehe DeineGefühle; Dein Vater, und ganz besonders Dein Onkel,dem ich meine Entlassung zu verdanken habe, halten michja viel zu gering, um meine Augen zu Dir zu erheben.

Diese Heimlichkeiten sollten auchsofort aufhören, wenn ich offenvor Deinen Vater hintretenkönnte mit dem Beweis, Direine sorgenfreie Existenz zubieten."

Martha blickte erschreckt indas erregte Antlitz ihres Ge-liebten ; sie war leichenblaß ge-worden, Thränen erstickten ihreStimme, und um ihre Lippenzuckte es bedenklich.ZweifelstDu etwa an meiner treuenLiebe?" fragte sie tonlos undbebend.

Kleine Thörin! Wenn dortjener junge blasse Herr mitden entstellenden blauen Brillen-gläsern uns nicht so anstarrte,so würde ich Dich statt allerAntwort in meine Arme schlie-ßen. Kennst Du den Fremden?Er scheint unsere ganze Unter-haltung angehört zu haben."

Martha schaute besorgt nachder bezeichneten Richtung, aberder Fremde wandte sich um, ergriff eine Zeitung undsetzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers.

So, nun ist er fort; wir wollen uns nicht mehrum ihn bekümmern," tröstete Franz das zitternde Mäd-chen.Nun höre meinen Plan, Martha. Ick bin festentschlossen, schon bald nach England zu reisen undwill mir dort durch List oder Gewalt Zutritt bei meinemOnkel zu verschaffen suchen. Es wird freilich nichtganz leicht sein: denn mein Vetter, Edmund Normann,schrieb mir, daß meine Tante den guten alten Mannmit Argusaugen bewacht, daß Niemand allein zu ihmdarf, daß selbst sein Anwalt ihn nur in ihrer Gegen-wart besuchen darf; aber trotzdem will ich doch einenVersuch machen."

Kennt Dich Deine Tante persönlich?"

Nein; ich glaube es wenigstens nicht. Sie hatmich bei meinem guten Onkel aus meinem Rechte ver-drängt ; als ich vor einem Jahre von einer längerenReise aus dem Orient zurückkehrte, hielt ich mich nur

vr. Kourp, Difchof von Fulda .