Ausgabe 
(16.11.1894) 93
Seite
723
 
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Kowm mit in mein Haus zum Imbiß.*

Der leistete der Mahnung gern Folge. Er hattesich überall in den Werkstätten umgesehen und verspürtenun gesunden Appetit.

Sie schlugen also miteinander ihren Weg ein. Derbrachte sie alsbald vor ein stattlich Fachwerkhaus; überdessen Eingang war in Latein der Spruch zu lesen;«Gott gebe dieser Wohnung seinen Frieden."

Aus dem Hause heraus tönten volle weiche Musik-klänge.

Meister DiethelmS Auge leuchtete auf.

Das ist meine Tochter Clothild. Sie weiß, daßihr Saitenspiel mein Herz erfreut. Darum nimmt siestetig die Harfe, wenn sie denkt, daß der Vater heimkehrt."

Rasch trat er ein.

Grüß Euch Gott miteinander, Weib und Kind!Seht, hier bringe ich Euch einen Gast, einen Schülerder Malkunst, der soll von nun an bei uns wohnenund unsere Mahlzeiten mit uns theilen."

Seine Hansfrau Gisela, eine ernste, züchtig ein-gehüllte Matrone, bot dem vom Ehcherrn mitgebrachtenFremdling die Hand.

Seid willkommen!" sprach sie.

Die Jungfrau lehnte ihr Saitenspiel an die Wand,erhob sich und neigte sich sittig vor dem Fremden. Da-bei zuckte der helle Blick ihrer großen blauen Augeneinen Moment forschend über den neuen Hausgenossen hin.

Sie hatte ein rosiges, ausdrucksvolles Angesicht.Die ganze Erscheinung des Mägdleins mahnte den jungenMaler an die erste der klugen Jungfrauen, deren Bilder heute im Dommünster gesehen hatte.

Die Thörichten auf diesem Bilde sind mir lieber",hatte er dabei zu seinem Führer gesagt.

Wie dem auch war, Klaus vom Nheiue fühlte garbald, daß er bei liebevollen Menschen friedsam gebor-gen sei.

Clothild langte von einem SimS, das reich mit Kru-gen und Schüsseln besetzt war, noch einen Zinnteller und -einen Löffel herab und rückte einen Stuhl an den schwerenEicheutisch, worauf der fahrende Schüler mit wohligemHeimathsgefühl sich zu den Andern ansetzte.

Frau Gisela fragte ihn theilnehmend nach seinerFahrt, und wie es ihm in Hildeshcim gefalle.

Er gab redselig Bescheid über Alles.

Das war des fremden Schülers Eintritt in dasHanS Diethelms.

Der Tag ging allgemach vorüber.. Lang war erHeribert geworden. Um die Abendstunde da wanderteer schnellen Ganges hinüber zu dem Domfrieden nachder festen Bischofsburg. Die war mit den Gebäulich-keiten der Domschule, allwo auch Heribert seine Zellehatte, verwachsen.

Er trat, wie Bernward ihn geheißen, in dessengewölbtes, säulengetragenes Gemach ein.

Der Bischof saß mit schier verklärtem Ausdruck,doch mit gesenkten Wimpern an seinem Arbeitstisch, sovertieft, daß er Heriberts Kommen nicht vernahm.

Ein zitternder Strahl der untergehenden Sonne fieldurch das Bogenfenster und übergoß das bleiche stilleAntlitz mit rosigem Schimmer.

Fast andächtig erbaute Heribert sich an dem fried-vollen Bilde. Er blieb stehen, denn er scheute sich denSinnenden zu stören. AIS er endlich doch lauten, hell-fröhlichen Gruß rief, da hörte der Bischof ihn nicht.

Der Ueberangestrengte war nach des Tages Last undMühen am Arbeitstische eingeschlummert.

Vor ihm aber lag von seiner Meisterhand gebildetein vollendetes Kunstwerk, ein großes, goldenes Kreuz.Selbiges hatte er gar herrlich mit kostbaren Steinen,Gemmen und Perlen geschmückt, so daß Heribert sich vorBewunderung kaum zu fassen vermochte. Daneben lagenin goldener Schale drei schlichte braune Holzsplitter.

O, Heribert kannte dieses braune Holz. Das warvom Kreuze des Herrn und Heilands. Kaiser Otto III.hatte es einst seinem geliebten Lehrmeister Bernward ge-schenkt, als dieser ihn verließ, um über die Hildes-heimische Heerde den Hirtenstab zu führen. Zu Ehrendes lebendig machenden Kreuzes hatte der Bischof schoneine Mannigfaltig ausgczierte glänzende Kapelle außer-halb der Stadt errichtet und den Theil des Krenzes-holzcs in einem kostbaren Behältniß dort beigesetzt. Dochdas bisherige Gefäß genügte, so dünkte es Heribert,dem frommen Künstler nicht. Jbn verlangte es, mitseinen eigenen Händen ein Behältniß in Kreuzesform zuschaffen und mit allen Edelsteinen zu schmücken, die erjahrelang gesammelt hatte. Und das war ihm wunder-bar gelungen. Mit namenlosem Entzücken, ja geblendetschaute Heribert auf das Kunstwerk, daS im Abend-sonnenschein Flammen zu sprühen schien, und das be-stimmt war, die heilige Reliquie zu umschließen.

Da schlug Bernward die Augen auf. Verwundertrichtete er den Blick auf Heribert.

Du hier?" sagte er leise.Ach, wie ist mirdoch? Ich trachtete, die Reliquie in Kreuzform diesemGerüste einzufügen. Allein der Span litt nur eine Zer-splitterung in drei Theile; ein Splitter fehlte mir: undwährend ich bekümmert darüber nachsann, wie er zu be-schaffen sei, übermannte mich ich weiß nicht wieder Schlaf.

Da hatte ich einen wunderschönen Traum: Es wardhell, ein Engel, sonnenlicht und klar, erschien mir undlegte den fehlenden Theil in meine gefalteten Hände."

So sprach er, noch in der Erinnerung verklärt,löste die Hände, und siehe da der fehlende Splitterlag darin.

ES ist Wahrheit, kein Traum! Mein Heribert,ich halte die Partikel in meiner Hand!" Er blickte zumHimmel, seine Augen füllten sich mit Thränen.DankDir, o großer Gott!" rief Bernward außer sich infrommer, freudiger Begeisterung.

Ohne Verzug faßte er alle vier Theilchen in demverfertigten Kreuzgerüste also ein, daß selbige in Formeines Kreuzes durch den Edelkrystall in der Mitte, dawo die Kreuzesbalken sich schnitten, hervorschienen.

Heribert stand tief in der Seele durchschauert vonheiliger Ehrfurcht. Ihm fehlte der Ausdruck, seiner Be-wegung Worte zu verleihen. Jetzt sank er auf die Knieeund küßte das Kreuz, so der Bischof ihm mit den Wor-ten vorhielt:

Siehe da daS Holz des Kreuzes, an dem das Heilder Welt gehangen."

Noch waren die Beiden in andachtsvolles Betenversenkt zu ihm, der am Kreuzesholze sein Leben hingab,da erklang vom nahen Thurme des Domes dasAve",die EngelsbotschaftGegrüßt seist Du, Maria!" sowiederholten Beide den Gruß des Engels mit einer In-brunst, wie nie zuvor im Leben.

In diesem Augenblick erdröhnte der Schritt eines