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Gewappneten. Gleich darauf stand der stattliche Bruderdes Bischofs, Graf Tammo, im Thürbogen. An seinerHand führte er sein blondes Töchterlein Hathumod , einetwa elfjähriges Mägdlein. Der sonst so helle Blickdes ritterlichen Herrn war umflort, und über seinemmännlich schönen Antlitz lag ein Zug von Wehmuth.
Der Bischof sah es.
„Du bringst keine Freudenbotschaft, mein Tammo,"sagte er.
Der Eintretende senkte das Haupt.
„Viellieber Bernward, ich bringe die letzten Grüßeund den letzten Segen unserer Schwester Judith. Wirhaben sie verloren. Die Aebtissin von Ningelheim istsanft in dem Herrn entschlafen und schon zur Ruhebeigesetzt."
„Also todt! Ich wußte es," flüsterte er. „Ihropferwilliges Leben war wie das Glühen einer heiligenOpferflamme, die sich vor Gott verzehrt. Sie ist zu denHeiligen gegangen. Dort wag sie für unsere Seelenbitten, auf daß wir, wie sie, einst selig vollenden. Wiraber, Schüler des Gekreuzigten, wollen unsern Schmerzund unsere Trauer um die geliebte Schwester aufopfernam Fuße des Kreuzes, auf daß sie vereinigt werdenmit dem Leiden des Heilandes."
Der Bischof sank in brünstigem Gebete nieder vordem Kreuzesholz. Auch die Anderen knieten betend hin.
Als Bernward sich endlich erhob, heischte er vonTammo nähere Kunde über das Ableben der Schwester,von dem er erst erfuhr, da er längere Zeit durch kai-serliche Aufträge von Hildesheim abwesend war.
„Vicllieber Heribert", so wandte er sich an diesen,führe mein BruderStöchterlein Hathumod in das Vor-gewölbe und zeige ihr das Meßgewand, welches meineSchwester Judith mir einst kunstvoll verfertigte; zeigeauch dem Kinde den kanaischen Wasserkrug, so KaiserOtto uns kürzlich geschenkt hat, sowie die heiligen Ge-räthe, die Kelche und Patenen, die wir vor Kurzem voll-endeten."
Als die Beiden gegangen waren, hub Tammo an:
„Hathumod ist just in dem Alter, wie ehedem unsereSchwester Judith und wie mein holdes Weib Hildes-witha es waren, als sie den frommen Frauen zu Gan-dersheim zur Obhut anvertraut wurden. Dorthin aberwollte ich mein Kind nicht geben, sintemalen die HerrinGerberga an's Krankenlager gefesselt ist, und die edlenSchwestern, so noch in der alten Zucht aufgezogen waren,durch den Tod abgelöset sind, und weil ich der stolzenStellvertreterin Gerbergas, der Kaisersschwester Sophia,mein Kind nicht anvertrauen wollte. Reichlicher Er-wägung gemäß wollte ich meine Hathumod unserer Schwe-ster Judith im Kloster Ringelheim zum Unterricht in denWissenschaften und Künsten übergeben.
„Judith aber war, als wir nach Ningelheim kamen,der Auflösung nahe und sah der Vereinigung mit ihremHimmlischen Bräutigam entgegen. Sie segnete Hathumod und sprach schier verklärt ihre Meinung aus, daß meineHausfrau Hildeswitha das Kind alles lehren könne, wasdie Gandersheimer Frauen vermöchten. Mir war esvergönnt, für uns Alle ihren letzten Segen zu empfangen,ihr nach ihrem erbaulichen Heimgang die Augen zuschließen."
Nach einer Pause fügte er hinzu:
«Und so führe ichHathumod wieder mit mir nachHause."
Der Bischof sprach ernst:
„Du thust wohl daran. Ich sehe meines BrudersTochter lieber in dem mütterlichen Unterricht Hildes-withas, als unter Obsorge Sophias.
„Mir selber steht in Gandersheim ein schweresKreuz bevor. Die von meinem theueren Vorgänger,Herrn Othwin , nach meinem eigenen jugendlichen Planegebaute und nun vollendete Kirche soll endlich eingeweihtwerden. Zu diesem Zwecke ladet nun Frau Gerbergamich ein, am nahen Feste Kreuzerhöhung dorthin zukommen. In ihrem Schreiben verhehlt die Aebtissinnicht, daß Herr Willegis von Mainz die eigentliche Weihevollziehen soll. Ihre Stellvertreterin, die junge Kaisers-schwester Sophia, glaube erkannt zu haben, es sei besser,Gandersheim stehe unter dem Schutz des mächtigen Erz-bistums Mainz, als unter Obhut des Stiftes Hil-desheim .
„So werde ich am anberaumten Tage mich nachGandersheim verfügen, wo mich die Klosterfrauen wieeinen Fremden behandeln und mir kein Zeichen der Liebeund Ehre erweisen, wie ehedem meinen Vorgängern.Dort werde ich die Gerechtsamen meiner HildesheimischenKirche vertheidigen und die Einweihung am Kreuzerhöh-ungstage selber zu vollziehen suchen."
„Du wirst schweren Kämpfen entgegen gehen,"meinte Tammo.
„Dessen bin ich mir klar bewußt. Doch die Rechteunserer Kirche gehen mir höher als die eigene Ehre. Ichkann nicht anders handeln," versicherte Bernward .
Während also die Brüder in ernster Zwiesprachebeisammen saßen, ergötzte der Schüler Heribert sich andem Kunstverständniß und an den lebhaften Fragen derjungen Hathumod. Er schloß dem Kinde die gebräuntenTruhen und Schränke auf. Da fand das Mägdlein vielzu bewundern an kirchlichen Gewändern und an kost-baren Gerathen von Gold und Silber.
Heribert aber erfreute sich an der Lieblichkeit desKindes, dessen blonde Locken wie gesponnenes Goldschimmerten, und dessen blaue Augen vor Entzückenleuchteten.
„Dürfte ich sie malen!" dachte er. „Welch eineholde heilige Agnes würde sie darstellen!"
Als die erlauchten Brüder gar ernst und wehmüthiggestimmt aus des Bischofs Gemach kamen, da trug Heri-bert frisch und unverzagt sein Anliegen vor.
Die Herren stutzten zuerst. Der Bischof aber fandden Gedanken nicht übel, und Heribert durfte Gewähr-ung seiner Bitte hoffen.
„Lieber Sohn," sprach Herr Bernward zu Heribert,lasse alle Glocken läuten und eile zu unserm Herrn Dom-decan Thangmar, bitte ihn, die Domherren sogleich zurTodtenvesper und zur Mette für meine Schwester, dieAebtissin von Ningelheim, zusammenzurufen. Lasse auchdie Wachskerzen anzünden. In einer halben Stundebin ich im Dom in Euerer Mitte." (Forts, f.)
Goldkörner.
Ein Herz, an stete Leiden schon gewöhnt,
Bebt vor dem Tode nicht.
Sieht in der Stunde seines letzten Scheiden»
Nur eine sanfte Lind'rung langer Schmerzen.