Ausgabe 
(16.11.1894) 93
Seite
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Bilder aus SLciermark, Kärnte» und demKüsten lande Kram.

Von C. Mayer.

(Fortsetzung.)

VII.

Trieft und Umgebung.

Zwischen der Besichtigung der Adelsberger und derSt. Canziansgrotten bei Divaca schoben wir den Besuchvon Trieft ein, und es war gut, um den eigenartigenEindruck der beiden unter sich so verschiedenen Höhlen-gebiete auf sich ohne Ermüdung wirken lassen zu können.Die lebhafte, verkehrsreiche Stadt mit ihren zahllosenVillen, in Mitte üppigster, südlicher Vegetation, amphi-theatralisch am Berghange aufsteigend und in lieblichemHalbkranze an die tiefblaue, sonnenerglänzende Adriahingelagert, überwölbt vom lachenden Himmel, boteine heitere, Herz und Gemüth erfrischende Abwechslungzwischen der schauervollen Majestät und grausigen Ab-geschlossenheit der allerdings auch anziehenden und fesseln-den Schrecknisse der Finsterniß.

Die Fahrt über den Karst, der letzten Barricadegegen das adriatische Meer, vermittelt die beiden Ertremedes in seiner Mannigfaltigkeit unerschöpflichen Natur-spieles. Ein ödes Kalksteinplateau, so weit dasAuge reicht sterile Steinfelder, starre Felsklötze, Erd-sprünge und Nisse über die weite Fläche gestreut. DieDörfer, bleich und farblos, von grauen Steinen auf-geführt und mit solchen gedeckt, heben sich kaum von demsteinigen Boden ab, ebenso wenig als die spärliche Pflänz-chen abweidende Ziegenheerde mit dem Hirten in grauemFilz und Kleidung, eine ebenso traurige Erscheinung alswürdige Staffage in dem merkwürdigen, monotonen Bilde.In rascher Vorüberfahrt taucht der Blick von Zeit zuZeit in größere oder kleinere trichterartige Vertiefungen,Dolmen. Die Bora, diese Feindin der Vegetation, streiftjede Ackerkrume von der Höhe und häuft dieselbe indiesen Erdlöchern, die, vom Winde geschützt, dem Anbaugünstig sind; der Fleiß und die Nothwendigkeit, jedesbebaubare Fleckchen zu benützen, läßt am Grunde der-selben Felder und Weingärten erstehen, in denen Maisund Buchweizen zur Ernährung der Bewohner und, durchdie sengende Sonne gereift, die köstlichsten Weine erzieltwerden. Nach Station Sessano senkt sich die Bahn ingroßem Bogen an Prosccco und Nabresino vorüber andas Meer. Bei letzterer Station öffnet sich mit einemMale eine überraschend prächtige Aussicht auf die tief-blaue, leise bewegte Adria mit ihren unzähligen, weißschimmernden Segeln auf glänzender Fläche; ganz Trieftmit seinen weißen Häusern und grünen Kuppeln, demhohen Leuchtthnrm und vorspringenden Molos, an welchenstattliche Lloyddampfer ankern, liegt ausgebreitet vor uns;zu unsern Füßen bricht sich Welle an Welle an derstarren Felsenzunge, der Punta Grigano, die das reizendeSchloß Miramare trägt. Weiterhin schweift das Augeüber die Küste von Jstrien mit ihren Städten und Ort-schaften und das sich im Hintergründe erhebende Gebirge.

Wir verweilten, da es uns außerordentlich gut gefiel,einige Tage in Trieft, die meist regelmäßigen Straßenund weiten Plätze mit den imposanten, mit Balkönen,Steinbalustraden, Reliefs und allegorischen Figuren ge-schmückten Gebäuden, durchwandernd, die in Marmorund Mosaik prangenden Kirchen, die mancherlei Sehens-würdigkeiten, sowie das rege Verkehrsleben bewundernd.

Sehr angenehme und billige Privatunterkuuft fanden wirbei Silvo. Facchina im 2. Stocke der Trattoria ai dueGewellt auf der Piazetta del pozzo del mare.

Der heißen italienischen Sonne ungewohnt, zogenwir bald vor, den Tag mit Meerfahrten und im Genußder außerordentlich angenehmen Seebäder Zuzubringen.Mit Anbruch der Nacht beginnt das Leben Triest's .Eine unglaubliche Menge durchwogt die Straßen, schäkernd,singend, kaufend; es wird 2 Uhr, bis der Lärm und dasGesumse der Straße allmählig erstirbt. Die Hauptstraße,Corso, mit den hellerleuchteten Verkaufsläden vermitteltden Hauptverkehr zwischen den großen Plätzen und an-grenzenden Straßen. Bespült vom Meere, umgeben vonden Prachtbauten des Lloydpalastes und des Municipio,auf dessen Glockenthürmchen zwei Erzfiguren mit klingen-dem Hammer die Stundenschläge verkünden, in derBeleuchtung der elektrischen Bogenlampen, deren ruhigeFlamme sich dem milden Mond- und bläulichen Sternen-lichte anpaßt, gewährt die Piazza Grande einen magischenAnblick, der noch erhöht wurde durch die Veranstaltungeiner Festlichkeit mit brillanter Beleuchtung; wir erlebtenhier in Wahrheit eine italienische Nacht, von der unserekünstlichen Gesellschaftsarrangemcnts nur ein schwachesAbbild ahnen lassen. Vor den hellerleuchteten, zahl-reichen Cafes sammelt sich die elegante Welt, eine TasseMocca oder Sorbetto schlürfend; auf dem angrenzendenMolo Sän Carlo drängt sich die Kühlung und Er-frischung suchende Menge, malerische Gruppen im hellenMondstrahle oder im tiefen Schatten der dunkel empor-ragenden colossalen Lloydschiffe bildend. Sehr interessantsind: der Fischmarkt mit allen möglichen Meererzeugnissenund Seeungeheuern, der Gemüse- und Obstmarkt mitden köstlichen Südfrüchten, unter denen sich Berge grünerWassermelonen mit dem leuchtend rothen saftigen Fleischeprächtig ausnehmen, der Abendmarkt an der Piazza Grande,längs der Küste, zu welchem die Einwohner der benach-barten Uferorte auf Schiffen die Waaren beischleppen,ein Geschrei, Gedränge und Angepreise, daß einem Hörenund Sehen vergeht. In einer Seitengasse finden sichvor den Häusern, auf der Erde ausgebreitet, alle mög-lichen Gegenstände von den feinsten Möbeln und Antikenbis zum schlechtesten Krame dem Verkaufe ausgestellt.Afrikaner, Türken und Griechen in interessanten Costümen,polnische Juden mit den langen Röcken und den weißenSeitenlocken schreiten durch die Menge; dazu die hübschenTriestinerinnen mit hoch aufgestecktem Haar und kleinenLöckchcn an den Schläfen, vom dunkelsten Teint bis zurzartesten weißen Hautfarbe, am Arme ihres Galans, derihnen zärtlich in die glänzenden tief schwarzen oder feurigblauen Augensterne blickt. Die schneeweiße, fuchsienartigeTuberose ist die Modeblumc Triests, mit der sich Jungund Alt, Hoch und Nieder schmückt. Durch die steilen,mit weißem Granit gepflasterten, im Sonnenbrand er-glühenden Straßen der unregelmäßig gebauten Altstadtgelangt man hinauf zur Kathedrale S. Giusto und zudem Castell, von wo man einen prächtigen Blick überStadt und Meer genießt. In der Trattoria Bissaldi inder Poststraße am Canale Grande fanden wir trefflichenLandwein, Prosecco, Terrano vom Karst, sowie spezifischitalienisch bereitete Kost; sucht indeß ein guter Bayertrotz aller Feuerweine Abends ein Glas Bier, so findeter dasselbe unter andern Restaurants vortrefflich beiDreher in der Nähe des Tergesteum.

Der hübscheste Spaziergang, den wir unternahmen.