Ausgabe 
(16.11.1894) 93
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war über Boschetto und den Giardino Publico zur VillaFerdinanden, Restauration Jäger. Den Gang lohnte einherrlicher Fernblick von der Höhe über die ganze Land-schaft ein tief empfundenes Bild in eigenartigerStimmung und Größe. Die warme italienische Sonneruhte mit ihren letzten Strahlen auf der wcißglänzcndenStadt, streifte die starren Formen der Berge, die sie mitdem Zauberhauch des Südens in Färbung und Pflanzen-welt überzogen hat; das Meer, in rosa, hellblau und blaß-grünen Tinten spielend, widerstrahlt aus der Fernepurpurne Gluth, in welche die untergehende Sonne taucht.

Unsere beiden Hauptausflüge zu Wasser warenMiramare und Capo d'Jstria mit Jsola. Die Be-schreibung von Miramare, des vielbesungenen Märchen-schlosses am Felsenriffe mit seinem feinsinnig aus-geschmückten Interieur und dem herrlichen, in südlicherVegetation prangenden, von Pinien und Cedern begrenztenGarten, kann ich umgehen, und füge nur an, daß derZauber dieses Feenreiches, verbunden mit dem Andenkenan den unglücklichen Kaiser Maximilian von Mexico,uns ganz gefangen nahm. Der Aufenthalt dortselbstwurde uns leider gekürzt, da ein heranziehendes schweresGewitter die Rückfahrt zu gefährden drohte. Schonthürmten sich die Wetterwolken, der Wind pfiff von allenSeiten, das Schiff hatte Mühe, aus dem kleinen elegantenHafen zu steuern, und kämpfte, auf- und niedersteigendund umschwärmt von dem unruhigen Geflatter der See-möven, mit den hochgehenden, sich überschlagenden Wellen;doch die Fahrt ist kurz und bleibt in der Nähe der Küste,so daß ich mich, auch als Neuling auf dem Meere, nichtzu ängstigen brauchte.

Andern Tags ging es nach Capo d'Jstria und Jsola.Während auf der Tour nach Miramare die Gesellschaftsich aus Vergnügungsreisenden Zusammensetzte, denen dieFahrt zu würzen und sich einiges Kleingeld zu verdienenVolkssänger die schwermüthigcn Weisen einiger vrrnMninationali in Begleitung der Guitarre vortrugen,war dieses Mal das Schiff aus allen Schichten der Be-völkerung dicht besetzt, größtentheils rückkehrende Fischerund Marklleute und andere Bewohner der Umgebung,die in Trieft ihre Geschäfte besorgt hatten, was eineninteressanten Einblick in landesübliche Gewohnheiten undVerhältnisse gestattete. Vorüber an den großartigenWerften des Lloyd und dem Quarantänehafen, verläßtdas Schiff bei Muggia den Golf von Trieft und steuertauf offenem Meere der istrischen Küste entlang. Capod'Jstria mit seinem weißen Leuchtthurm und kleinenHafen liegt auf vorspringender Insel, die mittelst einesSteindammes mit dem Festlands zusammenhängt. DenBerg krönt ein altes Castell, als Gefangenanstalt ver-wendet, von wo aus ein weiter Blick über das bläuliche,weiß schäumende Meer. Eine Wanderung durch dasuralte, echt italienischen Typus tragende Städtchen führtuns durch eine enge steile Gasse auf den Hauptplatz, andas Municipale mit Freitreppe aus Stein und reich mitRömersteinen verziert. Ebensolche finden sich am Dommit schönem gothischen Portal und alter Ornamentik.Der Historiker und Alterthumsforscher wird hier wie inTrieft viel Interessantes finden. Vorbei an einem Hausemit gothischen Fensterstöcken und Thürpfosten, an welchemmir besonders ein Thürklopfer aus kunstvoller Bronze-arbeit, Venus und Amoretten vorstellend, auffiel, kamenwir an den einzigen Süßwasserbrunnen des Städtchens,einen Ziehbrunnen mit alter Steinarbeit und von eisernem

Gitter umgeben, um den sich die Mägde und Schönendes Ortes Wasser schöpfend drängten, und zur Kapellemit dem oroos iuirLouIc>8s. Interessant ist auch dieSalzgewinnung durch Verdampfen des Meerwaffers ander Sonne. Nun beschlossen wir, nach dem 1 bis I V,Stunden entfernten Jsola zu gehen. Als Transportmitteldorthin benützen die Leute den Esel; an beiden Seitenhochbepackte Körbe überragen den Reiter in deren Mitte.Ordentlich böse war ich auf meinen Mann, daß erzögerte, mir zu dieser Partie auch einen Esel zu spendiren;als ich aber sah, wie das Langohr einen des Reitensunkundigen Reisenden schon beim Aufsitzen kopfüber ab-warf, so daß sich derselbe unter großem Gelächter undGejohle der zahlreich versammelten Straßenjungen inSand und Staub wälzte, zog ich mit meinem Begleiterschweigend und wohlgemuth meine Straße, gleichwohlvon der Bevölkerung angestaunt, der eine Fußtour inder Mittagszeit unfaßlich schien. Uebrigens war es garnicht so unerträglich heiß. Die Straße nach Jsola bleibtstets am Meeresufer, wo immer eine frische Briseweht und Kurzweil und Unterhaltung mancher Art sichbietet. Dort, wo an den uuwirthlichcn Fclsenhügclndie Sonneustrahlen sengend abprallen, drückten wir unsmöglichst schnell vorüber, mit um so größerer Wonne anden Weinbergen mit süßer, reifer Tranbenlast, an denFeigen- und Olivenhainen entlang zu schreiten. Eineinsamer freundlicher Kirchhof zwischen Scmedclla undJsola bot uns kurze Rast. Jsola ist ein Fischerdorfmit engen Gassen, die weniger für Wagen als fürEselsverkehr berechnet sind; wo eins Thüre offen stand,fiel der Blick in ein gräuliches Interieur; unter denwenig Vertrauen erregenden Gasthäusern suchten wirjenes am kleinen Fischerhaseu, neben der Gendarmerie-station, auf, ließen uns aber dann Sardonr, die schnellaus einem der niedlichen Segelboote geholt und gebackenwaren, sowie Nefosco aus versiegelten Flaschen ausge-zeichnet schmecken; überreife Ficchi, eine Menge für einpaar Kreuzer erhältlich, dienten zum köstlichen Nachtisch.

Das Etablissement am Strande, in welckem dieSardinenzubercitung uud der Versandt derselben groß-artig betrieben wird, ist bemcrkenswerth. Wohlgestärkttraten wir die Rückwanderung nach Capo d'Jstria anund erwarteten dort im hübschen Kaffeehause am Haupt-platz das Zeichen zur abendlichen Rückfahrt des Schiffesnach Trieft.

Der nächste Morgen traf uns auf der Fahrt nachdem Norden, dieses Mal über Sän Andrea-Herpelje.Hinter dem Lloyd-Arsenal verläßt die Bahn das Meer,in zahlreichen Curven die Höhe des Karstplateaus er-klimmend und schöne Rückblicke auf Stadt, Meer undKüste bietend. Die Weinberge und Olivenhaine, dielieblichen Ansiedlungen und grünumrankten Villen ent-fliehen mit der Aussicht auf das Meer; wir sehen unswieder mitten in den Zerstörungen der Vorzeit, wo alleszum Weltbau überflüssige Material zusammengeworfenscheint in der von Cyclopen besäeten, von großenKalkfelsen überschütteten Steinfläche, zwischen welcher nurarmseliges Gestrüpp am klaffenden Saum der Erdrissezu existiren sich abmüht. Bei Station Borst vermitteln dieRuinen Sän Servolo, die grau und düster den geborstenenFelsentrümmern sich anpassen, den romantischen Eintrittins Gebirge. Die Bahn macht große Krümmungen,durchbraust mehrere Tunnels, die Landschaft wechselt.Bei Doltna in Mitte reichen Obstsegens taucht ein letzter