Ausgabe 
(23.11.1894) 95
Seite
737
 
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HZ 95.

Augsburger PostMung".

Ireitag, den 23. November

1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).

Dermvarü von Mdesheim.

Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt .

(Fortsetzung.)

In der Nacht, die jenem Abende folgte, trug sich'szu, daß Clothild sich weinend an Frau Giselas Brustwarf mit dem Rufe:

O Mutter, Mutter, wie soll ich's ertragen?"

Frau Gisela aber verstand nicht gleich, was dasblonde Töchterlein wollte. Dann aber durchzuckte undschüttelte es sie wie ein Frost.

Du armes Kind!" sprach sie traurig.Wie kannstDu Dein Herz an einen Krüppel hängen?"

Clothild lächelte in unsäglichem Leid.

Für mich ist er der Schönste, Herrlichste, den dieWelt trägt. Mutter, ich liebe seine Seele." Thränenerstickten ihre Stimme.

Frau Gisela wurde milder.

So sei stark und verwinde die Trennung. Er kehrtja wieder," suchte sie zu trösten.

Clothild sprang auf.

Du hast recht, er kehrt wieder. Aber," sie rangdie Hände,er geht in's Wälschland, Mutter; und dieFrauen sind dort so schön und voller Tücken."

Bete, mein Kind, bete, daß die Engel ihn gelei-ten," sprach die Mutter.

Als dann am zweiten Tage des Windmonats HerrBernward aufbrach und in großer Gefolgschaft dasMünster verließ zum herzlichen Leid des Domcapitelsund des Volkes, und als Alle ihm eine Strecke Wegesgen Süden das Geleite gaben, da vermochte Clothild,dem Scheine nach gefaßt, Herrn Klaus vom Nheine einfreundlichesGott behütet" mit auf den Weg zu geben.

Der Bruder des Bischofs, Tammo von Sommer-schenburg, ritt an der Spitze des Zuges, der Domdecan,Herr Thangmar , an der Seite des Bischofs. Graf Bardovon der Mundburg, so Bischof BernwardS SchwesterThietburg angetraut war, Graf Altmann von Olesburgund viele Edle des Sachsenlandes mit ihren Kriegs-knechten folgten.

IV.

In der ewigen Stadt.

Das Jahr Eintausend, von den Menschen mitFurcht und Bangen durchlebt, war vorüber. Die Weltbestand noch, die Völker athmeten auf.

Am vierten Tage des Wintcrmonats Eintausendund eins näherte sich Bischof Bernward mit seinen Be-gleitern der ewigen Noma. Von Gottes Gnade geführet,waren sie hoch zu Roß unter vielen Abenteuern undSchwierigkeien über den Brenner und durch das Thalvon Trient gezogen und kamen so, daß Alles nach Wunschging, zu der Hauptstadt der Christenheit.

In zart röthlichem Dust verschwamm die weite Cam-pagna und die weichen Linien des schönen Albaner-Gebirges ; schärfer aber hoben sich vom Abendpurpur abdie kriegerischen Mauern und Thürme, die glänzendenKuppeln und Zinnen der befestigten uralten Kaiserstadt.

Wie schlug Allen das Herz in freudiger Rührungbeim ersehnten Anblick der heiligen Noma!

Bald ritten sie über die Tiberbrücke und dann durchein festes bethürmtes Thor in die ewige Stadt hinein.Säulenhallen, Marmorgebilde von Pracht und Schönheitumgaben sie. Majestätisch stieg vor ihren bewunderndenBlicken die Niesenbasilika auf, zu deren Errichtung Kai-ser Constantin einst selber den ersten Spatenstich gethanhatte. Ihr Dach strahlte in goldenem Schimmer.

Sehet die Ruhestätte des heiligen ApostelfürstenPetrus!" sprach der Bischof. Sein mildes Auge leuchtetein begeistertem Glänze.

Wir wollen eintreten und an dieser erhabenenStätte uns Kraft und Muth zu allem Guten erflehen."

Sie stiegen von den Rossen.

Noch aber hatten sie die Vorhalle des Gotteshausesnicht erreicht, siehe, da nahte gar eilig ein prachtvollerZug. Der jugendschöne Mann, so an der Spitze desZuges auf goldenem Prunkwagen selber das Vierge-spann der weißen Rosse lenkte, war in altrömische Ge-wandung, in eine sternenbesäete Tunika und eine pur-purfarbene mit goldenen Adlern, mit Edelsteinen undPerlen gezierte Toga gekleidet. Sein mit goldenemStirnreif geschmücktes blondes Lockenhaar flatterte beider Schnelle, mit der er fuhr, im Winde.

Mein Otto!" rief Bernward freudig.

Der Kaiser, er war's, sprang vom Wagen, umarmtestürmisch den geliebten Freund und Lehrer und rief mitFreudenthränen:

Willkommen, o tausendmal willkommen in Rom,mein theurer Vater! Ich brannte vor Verlangen, Euchwiederzusehen, und mußte Euch aus meinem Palaste ent-gegeneilen, sobald ich die Nähe Euerer Ankunft erfuhr.Mein Vater, wie glücklich bin ich!"