Ausgabe 
(23.11.1894) 95
Seite
738
 
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Der Bischof erwiderte die stürmische Zärtlichkeit desjungen Kaisers mit ruhiger inniger Herzensfreude.

Heil Bischof Bernward!" riefen die erkorenen Be-gleiter Otto's zum Gruße.

Bernward neigte sich dankend.

Die Sachsenhelden aber, so sich um ihn schaarten,riefen nun, fast beschämt, daß sie es versäumt, ihrHeildem Kaiser Otto!"

Mein Vater, ich sah es, Ihr wolltet den Eintrittin die ewige Stadt mit einer Andacht am Grabe desersten Bischofs von Nom in Sanct Peters Dom feierlichbegehen. Folget Eurem Herzen, ich begleite Euch,"sprach Otto, der vor Glück sich kaum zn fassen vermochte.

Gemeinsam stiegen sie die Stufen zum säulenum-grenzten, mit rauschendem Springbrunnen geschmücktenVorhofe empor.

Weihevolle Stimmung empfing sie allsogleich beimEintritt in das wunderbare Gotteshaus, zu dessen Aus-stattung Päpste, Kaiser und Könige in Freigebigkeit ge-wetteifert hatten, und welches Denksteine fast aller wich-tigen Ereignisse aus dem Leben der Kirche und aus derWeltgeschichte hatte. Vier mächtige Säulenreihen theiltendas Langhaus in fünf Schiffe. Ja sechsundneunzigSäulen trugen die flache Decke. Sie alle waren auskostbaren Steinen geschnitten und waren aus altrömi-schen Göttertempeln zum Schmucke der Grabkirche Petriherbeigeschafft. Mosaikbilder und Fresken überkleidetendie hohen Oberwände deS Mittelschiffes, so durch rund-bogige Fenster durchbrochen wurden. Am oberen Endeder riesenhaften Basilika führte ein Triumphbogen, vonzwei mächtigen Säulen gestützt, in das Heiligste desTempels ein. Allhier über dem Grabe des Apostels er-hob sich auf sieben Stufen der Hauptaltar; er war ganzmit Goldblech bekleidet. Ein Baldachin aus reinemSilber und Gold wölbte sich darüber hin. Die Wänderings umher strahlten im Schmuck leuchtender Mosaik, undeine Inschrift verkündete:

Dir, dessen Hand im Triumphe die Welt zu den Sternen

emporhob,

Hat den erhabenen Tempel geweiht Constantinus der Sieger."

Ein Strahl der Abendsonne verklärte das gold-schimmernde Kreuz über dem Grabe des am Kreuze ge-storbenen Apostelfürsten. Ein heiliger Glanz füllte dieheilige Stille.

Tief ergriffen, überwältigt von ihren Empfindungensanken Alle auf die Knie, küßten alle die Stufen desGrabaltars. O, mit welcher Inbrunst beteten sie andieser Ruhestätte l

Der Erste, welcher sich der weihevollen Andachtentriß, war Bischof Bernward. Er wußte, daß er denkaiserlichen Gastherrn nicht harren lassen durfte.

In der That, der feurige junge Kaiser konnte dieZeit kaum erwarten, bis er dem geliebten Gast denEhrenplatz auf seinem Prunkwagen anbieten, bis erBernward in die auf das sorgfältigste für ihn herge-richtete Gastwohnung in einem der herrlichen Kaiser-paläste geleiten durfte.

Es war rührend, wie der Kaiser für den Unter-halt des theuren Freundes und dessen Begleitung ge-sorgt hatte. Mit Zartsinn hatte er sogar die Speisen,von denen er wußte, daß der Bischof sie daheim genoß,herbeischaffen, hatte er als gütiger Wirth die deutschenGetränke Meth und Bier zu der Ankunft des geliebtenGastes bereiten lassen und ihn mit glänzendem Tafel-geschirr und Wachslichtern für den Tisch versorgt.

Lange, lange, bis tief in die Nacht saßen Ottound Bernward an diesem ersten Abend in vertraulicherZwiesprache beisammen, und Bernward that einen tiefenBlick in das Herz seines Lieblings.

Q, mein Vater, begreift Ihr nicht, schon nachdemIhr aus der Ferne auf allen Höhen die alte Herrlich-keit erschaut, begreift Ihr nicht, daß ich im ewigen Nomnach Thaten ringen muß! Hier sehen mich die Tempel,das Kolosseum, das Capital, die Triumphbogen vor-wurfsvoll an, sie drängen und erheben mich. Die Geisterder Märtyrer, der Helden, der alten Cäsaren gehen mirnach und fragen: Wer bist Du, was hast Du bis heutegewirkt? Mir ist es nicht genug, mit Verwunderungum die Zeugen der alten Thaten herumzuschleichen.Nehmt hier mein festes Wort und schließt es in EureBrust: Meine Thaten sollen mächtig wirken, daß meinweites Land blühe, mein Heer triumphire und dieMacht des heiligen römischen Reiches deutscher Nationausgebreitet werde, auf daß ich ruhmvoll in dieser Weltleben, ruhmvoller aus den Banden dieses Fleisches michzum Himmel aufschwingen und im höchsten Ruhme einstjenseits mit dem Herrn herrschen könne!" Der Kaiserhatte in Begeisterung mit erhöhter Stimme gesprochen.

Bernward aber wiegte ernst das Haupt.

Mein Otto", so sprach er bedächtig,vertraueDich nicht sorglos Deinen schwärmerischen Gedankenund Vorstellungen von irdischer Größe an. Du möchtestvon der schwindelnden Höhe, auf die sie Dich verlocken,jählings hinabstürzen und Alles verlieren, weil Du zuviel begehrst."

Auf diese Worte hin bemächtigte sich des leichtbe-weglichen, zartbesaiteten kaiserlichen Jünglings ein tiefesGefühl von der Eitelkeit aller weltlichen Macht. Justso überschwänglich, wie er eben seine irdische Hoheit auf-gefaßt hatte, ergriff Otto auch rückhaltlos den Gedanken,der Welt zu entfliehen. Bischof Bernward hatte wahr-lich Mühe, den Kaiser wieder zum Bewußtsein seinesWerthesund seiner Pflichten als Herrscher emporzuheben.

So trennte Otto sich spät in der Nacht von demväterlichen Freunde mit den Worten:

Auf Wiedersehen in der Morgenfrühe auf demAventinl"

Nach der ersten in Nom durchlebten Nacht folgteBernward der Einladung in die Kaiserburg. Er stiegmit wenigen Begleitern unter hohen Pinien zwischendunklem Lorbeer, weißblühenden Myrten- und Orangen-büschen den aventinischen Hügel hinan.

Da dehnte sich zu seinen Füßen aus die wunder-bare Siebenhügelstadt mit ihren Tempeln, Palästen undSäulenhallen, mit ihren holden Gärten, dunklen Lorbeer-hainen und rauschenden Springbrunnen. Von Hang zuHang zog sie sich in reizvoller Pracht. Wer zählte ihreThürme und Kuppeln! Gerade gegenüber erheben sich aufdem Palatin kühn und stolz die mächtigen uralten Kaiser-zinnen. Die ewige Stadt war vom Glanz italischenAethers übergössen, und die Schatten der Vergangenheitschwebten vor Bernwards Geist darüber hin. Weiterschweifte sein Blick durch die stille Campagna. Dortfunkelte in vielfachen Windungen, einer gelben Riesen-schlange gleich, der Tiber . Goldenes Licht floß vonden Höhen von Tuskulum und von Tivoli in die weitegrünende Ebene.

Das ist groß," sprach Bernward aufathmend; seinAuge schimmerte in feuchtem Glänze.