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Welche Überraschung wurde dem Demüthigen zuTheil, als er gleich darauf den Pforten der Kaiser-burg nahte!
Da trat an der Seite des Kaisers ihm der Mannentgegen, vor dem der christliche Erdkreis sich neigte,dessen Haupt die dreifache Krone schmückte, Papst Syl-vester II . Der eilte auf ihn zu, umarmte und küßte ihn.
Der Statthalter Christi war eine hohe schlankeGestalt mit scharfen geistreichen Zügen und Hellem durch-dringendem Adlerblick. Er verrieth schon in seineräußern Erscheinung den Träger großer Eigenschaften.Barg seine hohe bleiche Stirn doch weltgestaltende Pläne:Nom sollte die Hauptstadt der Welt werden, das ganzeAbendland mit Ausschwung des geistigen Lebens und dergesummten Cultur unter kirchlicher Oberhoheit stehenund die Kraft des geeinigten Europas gegen den Islamsich richten.
Ja, Sylvester II. rief zuerst die Christenheit zurBefreiung Jerusalems aus den Händen der Ungläubigenauf und regte den Gedanken eines Kreuzzuges an.
Bischof Bernward, diesem Nachfolger Petri so geistes-verwandt, hatte denselben einst als Prälaten Gerbert gekannt und hochgeschätzt, ja ihn als den hervorragend-sten Geist des Jahrhunderts dem jungen Otto zum Lehreranempfohlen. Heute stand der Bescheidene erglühend inDemuth ob der unverhofften Ehre vor dem Oberhaupteder Christenheit.
Der Papst Sylvester aber verfuhr mit ihm wie mitdem vertrautesten Freunde. Von Papst und Kaiser ehrenvoll geleitet, hielt Bernward von Hildesheim seinenEinzug in die kaiserliche Burg auf dem Aventin.
Dieser Prunkpalast mit seiner mächtigen Ausdehn-ung und seiner zauberischen Pracht hätte dem Schön-heitsfreunde Bernward ungeteilte freudige Bewunderungabgerungen, wenn sein Geist nicht so ganz von den An-gelegenheiten deS Reiches und denen seines eigenenSprengels erfüllt gewesen wäre. Briefe aller BischöfeDeutschlands trug er mit sich.
So besprachen die drei hervorragenden Geister inzündender Unterredung alle Zustände und Bedürfnissedes Reiches.
Ueber die Unordnung in Gandersheim hatte BischofBernward nicht nöthig, die Einzelheiten auseinanderzu-setzen, das Gerücht war ihm vorausgeeilt. So gab er aufFragen nur kurz und bündig dem Papste und dem KaiserAufklärung.
Die beiden hohen Herren beschlossen, in nächsterZeit über die Streitsache eine Synode in Rom zu hal-ten. Sie versicherten alles zu thun, um die Hildcs-heimer Rechte auf Gandersheim zu schirmen.
Der Kaiser duldete nicht, daß der geliebte BischofBernward wieder in seine erste Gastwohnung zurückkehre.Er ließ ihn nicht mehr von seiner Seite und gab ihmneben seinen eigenen Gemächern im Palaste das glän-zendste Unterkommen.
Das ward eine Zeit voll anregendsten Wechselver-kehrs; das waren Stunden und Tage gemeinschaftlichenNachdenkens, gemeinsamen Strebens. Bald in der Wohn-ung des Kaisers, bald in den Gemächern Bernwardstauschten sie ihre Gedanken aus, besprachen sie die An-gelegenheiten des Reiches. Otto war glücklich, bei demväterlichen Freunde Rath und Belehrung für alles zufinden, was noch unklar in seiner Seele lag.
Wie manchmal weilten sie mit einander in den
schattigen Laubgängen des Aventin, zu ihren Füßen denSchauplatz, auf dem sich das retch bewegte Leben deralten Völker abgespielt hatte, mit den gewaltigen Ucber-resten geschwundener Größe. Und neben den mächtigenTrümmern aus der heidnischen Zeit erhoben sich diehehren Tempel, welche die Christenheit über den Grä-bern der Märtyrer errichtet hatte. An Stelle der altenrömischen Weltherrschaft regierte eine neue christlicheGeistesherrschaft.
Aber Otto wurde nicht müde, seinem Lehrer inschwärmerischer Begeisterung von seiner Aufgabe zu spre-chen, wie er auch das Weltkaiscrihum in Nom erneuernwolle. —
„Lieber Sohn, die Römer von heute sind wanke!müthig und charakterlos: ich fürchte, daß Du Deinphantastisches Gebäude auf schwankendem Grunde er-richtest," warnte Bernward .
Der Kaiser neigte schwermüthtg das Haupt. Erwußte selber allzu gut, daß seine Macht in Italien austhönernen Füßen stand. Hatten doch unlängst die Tibur-tiner im nahen Tivoli seinen Freund, den Herzog Matho-liuus, den er als Statthalter dorthin gesetzt, erschlagen.Und gerade in diesen Tagen, die ihm durch die Anwesen-heit Bernwards trostreich wurden, hielt er durch seineSoldaten jene aufrührerische Stadt belagert und engeeingeschlossen. Trotzdem er zahlreiche Bclagerungswerk-zcuge in Bereitschaft hatte setzen und Gräben von unge-heuerer Größe ziehen lassen, um den Bürgern das Wasserabzuleiten, wollte die so heftig bedrängte Stadt sich nichtergeben.
Die sächsischen Ritter, so als Begleiter des Bischofsgekommen waren, wie Tammo von Sommerschenburg,Altmann von Olesburg, Bardo von der Mundburg,hatten sich auf die erste Kunde von der Belagerung denkaiserlichen Mannen vor Tivoli zugesellt.
Die jungen Kunstschüler aber waren auf BernwardsWunsch in seiner Nähe geblieben. Sie sollten, gleich ihm,der in der Blüthe seiner künstlerischen Schaffensfreudig-keit stand, sollten unter seiner Leitung die classischenMeisterwerke Roms kennen lernen, auf daß sie zu neuemWirken angeregt würden.
Die beiden Jünglinge Heribert und Klaus warennamentlich zum Entzücken des letzteren in den nahenPalast des Grafen Otto von Lomello untergebracht worden.
„Hier ist's wirthlicher, als auf unseren ranheudeutschen Burgen. So fühlt Unsereiner sich endlich instandesgemäßer Umgebung, scherzte Klaus übermüthig.Er schaute sich zufrieden in der von schlanken Marmor-säulen getragenen, von edlen Bildsäulen belebten Halleum, so den jungen Deutschen zum Aufenthalt dienensollte."
Als Klans vorn Nheine dann aber bei der gemein-samen Mittagstafel im Palaste Lomello der erlauchtenTochter des Grafen, der schwarzäugigen Julia, gegenübersaß, da gab es für ihn mehr zu bewundern als Marmor-bilder und kalte Steine.
Die stille Jungfrau Cloihild hatte nicht mit Unrechtin dem feurigen Sohne des Rheiulandes ein leicht ent-zündbares Herz geahnt.
An freundlichen Blicken aus den dunklen Augenließ die römische Grafentochter es wahrlich nicht fehlen.Der schöne schwarzlockige Künstler aus der Fremde erregteihre Theilnahme in hohem Maße.
Klaus war nicht unempfindlich für solcheAusmerksamkeit.