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Wie eS kam, daß Julia und Klans einige Stun-den später gemeinsam in dem von Myrthen und Lorbeerumgebenen Garten lustwandelten, das wußte Keiner vonBeiden zu sagen.
Am Abende aber, als Heribert und Klaus ihr Lageraufsuchten, sprach Letzterer:
„Ich habe sie gefunden, die mir von Anfang anbestimmt war. Ich habe Julia gefunden, von der ichseit meinem Knabenalter träumte."
Heribert erwiderte nichts. Er schlief einen festengesunden Schlaf und träumte nicht. Als aber Klausin seiner Herzensfreude ihn aufrüttelte, um den Freundmit dem ihm widerfahrenen Glück bekannt zu machen,da schüttelte der Erwachende unmuthig den Kopf.
„Wie kannst Du, ein einfacher Kunstschüler, Dichum die Hand einer römischen Grafentochter bewerben!"
Klaus lachte leise:
„Nun, was den Grafentitel und den Grafenrangbetrifft, so kann ich" — es schien ihm plötzlich etwasin die Kehle gekommen zu sein, er räusperte sich undschwieg. Nach einer Weile begann er wieder:
„Glaubst Du nicht auch, liebster Heribert. daß meineKünstlergabe eine Grafenkrone aufwiegt? Die Maid,welche mein wird, soll um meiner selbst willen und nichtum meines Ranges halber mich lieben."
„Ja", sagte Heribert und schlief wiederum ein.
Wenige Tage später standen die Schüler mit ihremMeister vor dem Portale der St. Sabinakirche auf demAventtn. Bewundernd erschauten sie hier ein Meister-werk altchristlicher Plastik. In hoher Schönheit derFormen und in feinem Geschmack zeigten die aus Cy-pressenholz geschnitzten Sculpturen der Thüre wunderbarvollendete Darstellungen aus dem alten und neuen Testa-mente, erstere als Vorbilder der Thatsachen des neuenTestamentes. Der Bischof konnte sich von dem Anblickenicht trennen.
„So oft mein Gang mich zur Stadt führt, weileich ergriffen vor diesem tief durchdachten Kunstwerk. OHeribert, wir wollen das Weltdrama der Sünde undder Erlösung in Erz darstellen. Wir wollen eine eherneBußpredigt auf den Thüren unserer Domvorhalle schaffen!"rief er begeistert aus. In ernstem Nachdenken ging erweiter. Sie schritten in der langgestreckten Thalsenkung hindurch die Ruinen des Circus Maximus , bewundertendie Prachtvollen Kaiserburgeu auf dem Palatin und schau-ten hier vom Hügel mit Künstleraugen nieder auf diePrachtstadt mit ihren Tempeln und Säulenhallen, mitihren Gärten und Seen. In diesem heitern Nnndbildefesselte ein Riesenbau von düsterer Majestät ihre Blicke.Zu ihren Füßen lag das Flavische Amphitheater, dasKolosseum. Seine mächtige Mauerkrone umschloß fastunversehrt den heiligen vom Mürtyrerblut getränktenBoden. Eine Zanbergewalt zog sie an. Unter demTriumphbogen des ersten christlichen Kaisers Konstantinhindurch gelangten sie dorthin.
Mit heiligen Schauern betraten sie die stille, vonden unermeßlichen immer kühner geschweiften Bogen desgewaltigen Mauerringes umgürtete Arena. Ueberwältigtvon ihren Gefühlen sanken sie nieder, küßten sie diegeweihte Erde. Das heilige Heer glaubensstarker Männerund begeisterter Frauen, welche von hoher Liebe ent-flammt im heißen Kampfe hier die Palme errungen,wurde lebendig und schwebte in seliger Verklärung vorihrem Geiste.
Der lebhaft empfindende Heribert rief außer sich inBeschämung:
„Mein hoher Herr, hier rede« die Geister der Heili-gen, der Märtyrer zu mir und fragen eindringlich: WaShast Du bisher gethan auf dieser Erde? Was bist Duvor Gott ?"
Der Bischof lächelte mild:
„Mein Sohn, diese Frage, so Du Dir selber stellestgilt viel vor Gott . Ich weiß, Du hast Kräfte zu Man-chem und bist Dir deren auch bewußt. Nun gibt esedele Naturen, die sind halb zum thätigen, halb zumidealen Streben ausgerüstet — auch unser Kaiser empfin-det wie Du — Und ich weiß, Ihr fühlt alles Schöneund Große gewaltig und wollt es aus Euch wieder er-schaffen, aber es gelingt Euch nicht so, wie Euer brennen-der Ehrgeiz es verlangt. Darum macht Euch zunächstalles Große, welches Ihr seht, entzückt, weil Ihr eSnachzuschaffen gedenkt, dann aber traurig, weil Ihr esdoch nicht vermögt. Lernet Euern Ehrgeiz beschränkenund wollet weiter nichts sein, als ein Werkzeug in GottesHand. So werdet Ihr auf Erden schon so glücklichwerden, wie es hienieden möglich ist."
Sie erstiegen den Berg des Capitols mit seinenPalästen und Tempeln und sahen nieder auf die nahenmit Bildwerken und Säulen geschmückten Foren. Be-sonders fesselte die sinnigen Hildesheimer das ForumTrojans, von halbzerfallenen Prachtbauten umgeben, daseinst nicht mit Unrecht ein Wunder an Schönheit ge-nannt wurde.
In dessen Mitte erhob sich noch die Triumphsäule,welche im Jahre Einhundertunddreizehn von den Römerndem siegreichen Kaiser geweiht wurde. Ein um denSäulenschaft sich schlingendes Spiralband aus Marmorschilderte in fortlaufenden Hochbildern die siegreichenFeldzüge und Großthaten des Kaisers.
Lange und aufmerksam beschauten die Hildesheimer Künstler diese eigenthümliche Schöpfung, deren Bilder-sprache in Marmor den Ruhm eines großen Cäsarenverewigte.
Der Bischof stand sinnend da. Jetzt leuchtete seinAuge auf; freudig rief er:
„Meine Söhne, wir wollen in unserm Vaterlande,wo noch vor Kurzem Götzenbilder auf Marmorsäulenverehrt wurden, dem höchsten Sieger der Welt, dem Er-löser, eine Triumphsäule aus Erz errichten. Gleichwiediese Säule mit figurenreichen Bildern aus den Kriegs-zügen eines heidnischen Kaisers umwunden ist. so wollenwir den Schaft unserer Säule mit einer Reihe vonBildern aus den Wunderthaten des Königs Christuszieren und auf ihrer Höhe das siegreiche Zeichen derErlösung, das Kreuz, aufpflanzen."
„Fürwahr, ein herrlicher Gedanke: „Sehet dasKreuz des Herrn! Fliehet, feindliche Mächte! Christussiegt, Christus herrscht!"" rief Heribert feurig.
Zögernd nur trennten sie sich von der Ehrensäule,die eine classische Form für den Ausdruck von BischofBernwards erhabenen christlichen Gedanken geboten hatte.
(Fortsetzung folgt.)
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Goldköruer.
Ein Charakter ist ein Felsen, an dem gestrandete Schifferlanden und anstürmende scheitern. Jean Paul.
Wer durch Thränen die Welt betrachtet, findet sie bewetnenS«werth.