Ausgabe 
(23.11.1894) 95
Seite
742
 
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Ausnahme und Bedienung als durch die allen Ansprüchengenügende Bewirthnng sehr zu empfehlendes Gasthaus.Im Schweizerstil erbaut, mit bequem und elegant einge-richteten Zimmern, geräumigem Glaspavillon und Veranda,ist es zu längerm Aufenthalte in der reinen, würzigenund gesunden Bergluft, als auch zu Touren auf dienahen, aussichtsreichen Gipfel und eventuell zur Aus-übung edlen Waidwerks äußerst günstig gelegen. Wirvertieften uns in die Einsamkeit der nahen Tannen, wogrüne Waldesnacht das grelle Licht des Sonnenhimmelsdämpft, wo das Summen des Blätterrauschens undQuellengemurmels in melancholischem Ton die Friedens-sehnsucht, das ungestillte Nuheverlangen im Sinnen undSehnen des Menschen besänftigt und in holde Träumewiegt. Der Besuch des nahen, 1543 rn hohen Erzbergcsmittelst Förderbahn auf offenen Hunden und die Besich-tigung des frei zu Tage liegenden Betriebes desselbenist wohl eine einzig dastehende, höchst lohnende Partie,die wir am nächsten Morgen zu unternehmen vorhatten,die leider aber durch abermalige Ungunst der Witterungvereitelt wurde. Keinen letzten Scheidegruß sendeten unsbeim Erwachen die verhüllten Felshäupter; dichte, tief-dunkle Wolkengehänge senkten in langen düsterblauenStreifen ihren Inhalt auf das Tiefland. An der 1227 mhoch gelegenen Station Prebichl zeigte das ThermometerNull Grad; bedenklich blickten Gast und Gastgeber indas Unwetter; letzterer in der Hoffnung, es möge derkurze, wonnige Sommer mit seinen frisch gesunden Lüft-chen und Harzduft doch jetzt noch nicht dem hier obenfast drei Vierteljahre dauernden Winter mit den Stür-men, bet welchen man sich kaum zu halten vermag, undder bis zu 6 m tiefen Schneeschicht weichen müssen.Ungern schieden wir mit dem ersten thalabwärts gehendenZug von der tränten, zierlichen Herberge und den biederntreuherzigen Wirthen. ^

Trug die jenseitige Bergfahrt mehr den Charaktereiner sanften Idylle, so war die Thalfahrt gegen Eisenerzim Gegensatz zu ersterer wilder, das Gebirge unnahbarer.In langgeschwungenen Serpentinen klettert die Bahn dieschotterdurchfurchten Felslehnen hinab Gräben undBäche überbrückend, Bergrücken durchbohrend, jede halbweggünstige Stelle dem schwierigen Terrain abringend undvon zahlreichen Futter- und Stützmauern begleitet.

Der Regen läßt nach; durch die von einzelnenSounenblitzen getheilten Nebelschleier erscheint die Land-schaft, in engem Rahmen gedrängt, in stets wechselnderBeleuchtung und Färbung; bet Station Erzberg bewun-dern wir das volle Bild des Erzbcrges und das regeTreiben an den mächtigen Abbau-Etagert. In hohem,brausendem Falle, von der Bahn überbrückt, stürzt sichder Erzbach in die Tiefe und verschlingt in seinen braunenFluthen eine Anzahl weiß-blau schäumender Quellenund Bäche. Die Wände rücken etwas auseinander, Platzlassend für die langen Holzgebäude die Ausladehallenfür das Erz. Ein großer Felsblock an der Thalsohlein Mitte grüner Matten trägt ein Kirchlein und weisetzum Eingang von Ort Eisenerz, wo wir in Gesellschaftvon gleichfalls aus Graz kommenden Juristen die andert-halb Stunden bis zum Zugwechsel bei gutem Imbiß undin eifrigem Austausch der jüngsten Erlebnisse und Wahr-nehmungen verbrachten.

Der fertig gestellte Zug führt uns weiter; wirkommen vorüber an Leopoldstein, dem Schlosse desPrinzen Arnulph von Bayern , mit feudalen Thürmen

und Mauereinfassung in herrlich romantischer Lage, undgelangen an ungeheure Felsenmauern und hochabstürzendeschwarze Steilwände, an den großartigen Bergkesscl beiHieflau , dem merkwürdigen Eingänge in das berühmteEesänse. Der Erzbach, inzwischen zum reißenden jungenBergstrom gewachsen, stürzt über ein hohes Wehr undvermählt bald darauf seine dunkeln Wasser den grünenWellen der Enns . Dieser, die aus den vielzackigen,zerrissenen und zerklüfteten Felsenmaffen hervorbricht,eilt das Dampfroß auf schmaler, vielfach dem Felsenabgerungener Spur entgegen.

Dichte Wolkenballen hatten sich abermals zusammen-gezogen, nur hie und da den Schleier lüftend über denfinstern, von Schneestreifen durchfurchten Wänden; derWind peitschte die zahllosen Stromschnellen der sich über-stürzenden, brausenden Enns ; nadelscharfe Schneeflockenbegannen in dichter Fülle hernieder zu wirbeln. Wirpassirten das großartige Niesenthor, das aus dem nacktenGeklüft der Steinmassen des Gesäuses in die breiten,grünen Auen des von stattlichen Thürmen überragtenKlosters Admont führt. Doch auch hier, obwohl daSSchneegestöber mit dem Austritt aus dem Gesäuse sichverlor, hatte der rauhe Winter sich neben den Reichthumdes Sommers gebettet: Schnee auf den grünen Fluren,auf den rothglühenden Vogelbeer-Alleen, auf den auf-gethürmten Kornmandcln, die der Laudmann gesenktenHauptes und thrünenumflorten Blickes erschaute; Schneeüber den gesegneten Gefilden von Schladming , Nadstadtund Eben, Schnee bis hinan zu den aus Nebclgardincnblinkenden Tauernspitzen. Dumpfe Trauer über denplötzlich eingetretenen Frost hatte sich auf Gemüth undAngesicht der Bevölkerung gelegt, hoffentlich nur vonkurzer Dauer, wie die Eintagsfliege; hoffentlich küßt dernächste Tag in sonniger Wärme die Spuren des Winter-kindes hinweg.

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Herbst war's geworden, als wir in Salzburg an-langten, und der Kontrast zwischen der Einwirkung derhöhern Berg- und wärmern Thalluft fast unvermitteltund scharf; schon entführt der Wind das zarte Gewebeder Wolfsspinne. Doch wonnig schöne Herbsttage sind's,die auf Berg und Flur liegen; prangen Baum undStrauch auch nicht mehr im satten Grün, so berührtder bräunliche Bronzeton, der auf ihnen lagert, nichtminder angenehm; keine sengenden Sonnenstrahlen,sondern sanfte Wärme, die den Aufenthalt im Freiengar wonnig macht, durchstießt die Glieder; Freude undWehmuth umfloren den Blick; sehnsüchtiges Verlangenschwellt das Herz, die Natur, die man nie auskosten kann,in der kurzen, vom Urlaub übrig gebliebenen Zeit nochzu genießen, und so erfreuten wir uns denn so langeals möglich der schönen, reizvollen alten Bischofs- undHerzogsstadt und traten so manchen kleinen Streifzug anden Ufern der Salzach an. Es liegt etwas wunder-bar Kräftigendes in schönen Herbsttagen; man fühlt sichmit erhöhtem Lebensmuthe begabt, wie zur Zeit deSknospenden Frühlings, und berührt auch der Herbstder Jahre unsern Scheitel dies Gefühl, es zieht inunsere Herzen ein, unbekümmert um den Wechsel derMonde, um Sturm oder Windstille, um glühenden Sonnen-brand oder eisige Winterstarre, wie es des Lebens Wechsel-fülle streut. Ob auch von Tag zu Tag mehr der gelbenBlätter zu Boden rascheln, ob der Wind den lieblichen