Ausgabe 
(23.11.1894) 95
Seite
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Kindern Flora's die Blüthenkrone zerstäubt, im Herzenblüht der Abglanz des Lenzes mit allen Wonnen unge-schmälert fort, und ihm, der mir diese Lebensfreudigkeit,diese Leidvergessenheit im reinen, erhabenen Naturgenussebis dahin erhalten hals, ihm gilt mein Schlußgedanke:

Ich danke Dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben;

Ich war wohl klug, als ich Dich fand.

Doch ich fand nicht, Gott hat Dich mir gegeben,

,, So segnet keine andere Hand!"

Nasch fliegen die wechselvollcn Bilder des Chiem-gau's, die Thürme der Hauptstadt, die fruchtreichen Land-striche der Hollertau an unserm gesättigten Auge vorüber;wir kehren wieder zurück an den Strand der blauenDonau , zum altgewohnten, längst vertraut und liebgewordenen Berufsleben.

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Hochzeiten am Zirreuhose einst und jetzt.

Die allrussischen Hochzeitsgebräuche, die bei Hoseherrschten, wenn der russische Zar eine Tochter, einenSohn öder eine nahe Anverwandte verheirathete, nahmenunter Peter dem Großen ein ganz anderes Gepräge an.Die Hochzeitsfeier Anna Joanuownas mit dem Herzogvon Kurland war die erste, bei der diese Abweichung vonden alten Formen zur Geltung kam. Diese Feier bestandin einer ganzen Reihe der glänzendsten Festlichkeiten zuWasser und zu Lande. Eine große Menge Pulver wurdedabei verbraucht, denn nach jedem Toaste erdröhntenKanonenschüsse. Einige Tage vor der Hochzeit ward dasEreigniß auf die feierlichste Art dem ganzen Landekundgethan. Und am Hose selbst hatte man wochenlangnach jeder Richtung hin die großartigsten Vorbereitungengetroffen. Am Hochzeitstage begab sich um 10 UhrMorgens der Herrscher persönlich als Obermarschall derHochzeit, welchen Titel er sich selbst beigelegt hatte, zurBrautmutter, der Zarin Praskowja. So suchte der großeReformator verschiedene Titel und Abzeichen, die er denSitten und Gebräuchen westeuropäischer Staaten entlehnte,auch hierbei einzuführen. Den Zaren begleiteten dievornehmsten Magnaten des Landes, und die ganze Ge-sellschaft fuhr in Schaluppen zum Hause der Braut, voranein MufikkorpZ, das fast nur aus deutschen Musikern be-stand. Im mittleren Boote saß Peter in einem purpurnenRock, mit einem silbernen Porteepe und mit dem OrdendeS heiligen Andreas. Er trug keinen Hut, sondern nureine Perrücke und in der Hand einen großen Marschalls-stab, der in einem Quast aus bunten, mit Gold undSilber verzierten Bändern endete. Unter den Hochrufender zuschauenden Volksmassen setzte sich der Zug in Be-wegung. Im Hause der Zarin erwartete man bereitsden kaiserl. Marschall. Alle Hofdamen trugen Kostümenach westeuropäischer Mode. Nach verschiedenen Be-grüßungszercmonien begaben sich alle Anwesenden in einemgroßen Zuge zu den Schaluppen, worin sie nach einerfestgesetzten Ordnung Platz nahmen, und erwarteten sodie Ankunft des Bräutigams und seines Gefolges. Alsdieselbe erfolgte, setzte sich die ganze Flottille nach demHause des Fürsten Mentschikow auf Wassili Ostrow inBewegung, was nach einem feierlichen Zeremoniell vorsich ging, ebenso wie das Heraussteigen aus den Scha-luppen. Die Braut trug ein weißes Sammetklcid mitGoldbesatz und einen langen Mantel aus rothem Sammetmit Hermelinbesatz, auf dem Kopfe eine reiche Königs-krone. Der Bräutigam hatte einen weißen golddurch-

wirkten Rock an. An der Einfahrt des Hauses Men-tschikow war eine Ehrenwache vorn PreobraschenskischenRegiment aufgestellt, die die Ankommenden militärischbegrüßte. Nachdem alle ins Haus getreten waren, ordnetesich der Zug nach Vorschrift und begab sich in die Feld-kirche des Fürsten Mentschikow , die in einem Saale seinesHauses errichtet war. Die Trauung vollzog der Archi«mandrit Feodosst JanowSki. Er erklärte dem Bräutigamin lateinischer Sprache die Bedeutung der Feier undsprach den Segen über das Brautpaar unter Fortlassungder sonst bei Personen der kaiserl. Familie üblichen Ge-bräuche. Gleich nach der Trauung begab sich die ganzeGesellschaft zur Tafel, die in zwei aneinander stoßendenSälen gedeckt war. Ueber den Häuptern der Neuver-mählten hingen während des Essens Lorbeerkränze. DieDamen saßen von den Herren getrennt, und das ganzeEssen leitete der kaiserliche Hochzeitsmarschall. Als letztererendlich die Tafel aufhob, begann der Ball, der erst um3 Uhr Morgens sein Ende erreichte. Bis zur Thür desSchlafgemachs wurden die Neuvermählten vom Zarenselbst und von der Zarin Praskowja geleitet. Am nächstenTage fand wieder ein feierliches Essen statt, dem Abendsein Ball folgte. Während des Essens riß der Herrschereigenhändig den Kranz herunter, der über dem Hauptedes Bräutigams hing, und das Gleiche mußte der Herzogthun mit dem Kranze seiner Braut. Letzterer war aberso befestigt, daß es ihm nur mit Hilfe eines Messersgelang. Dieses Essen verging nicht ohne Ueberraschnngen.U. A. erhoben sich auf den zwei Haupttischen ungeheureTorten; als daS Mahl zu Ende und das Geschirr ab-geräumt war, zerschnitt der Kaiser die Torten und zumallgemeinen Erstaunen und Entzücken sprangen herauszwei geputzte Zwerginnen, die auf Befehl des Kaisersein Menuett tanzten.

Ein etwas anderes Bild stellt die Hochzcitsfeierdar, die die Kaiserin Elisabeth Pctrowna für ihrenThronfolger Peter Feodorowitsch und Katharina Alesejewua(die spätere Katharina II.) veranstaltete. Bei derselbenwurden vor allem die kirchlichen Gebräuche aufs Strengsteinnegehalten. Eine Woche vor der Hochzeit mußtenBraut und Bräutigam fasten und dann daS heil. Abend-mahl in der Kasanskischen 'Kathedrale einnehmen. AmVorabend zur Hochzeit siedelte das Brautpaar in ge-schlossenem Wagen von dem Sommerpalais ins Winter-palais über. Nach ihrer Ankunft erhielt die Braut Be-fehl, sofort ein Bad Zu nehmen und allein in ihremZimmer zu Abend zu speisen. Der zukünftige Herrschermußte ein gleiches thun. Für die Nacht wurden einegroße Anzahl von Wachen aufgeboten, die jegliches Ge-räusch von der Umgebung des Palastes fern zu haltenhatten. Am Morgen stellte man dann militärische Wachenvom Palaste bis zur Kasanskischen Kathedrale auf,zwischen denen sich der Hochzeitszug bewegte. An derSpitze ritten Gardisten und ein Musikkorps. Dahinterfolgte eine endlose Reihe von Wagen, die nach Würdenund Aemtern der Insassen geordnet waren. Es waren21 Hof- und eine Menge Privatwagen. Haiducken,Schnellläufer, Mohren, Pagen und Husaren umringtendieselben, und das Ganze bot einen in Rußland nochnie gesehenen Anblick. Der kaiserl. Wagen mit demBrautpaar war mit 8 Pferden bespannt. Vor ihnenfuhren der Oberzeremonienmeister und der Oberhofmar-schall mit ihren Stäben in offenen Wagen, die von be-rittenen Hofbeamten in großer Anzahl umgeben waren.