„Augsburgrr Postzeitung".
97. Ireitag, den 30. November 1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instiiurs von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler) .
Sernumrü von Httdesheim.
Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.
(Fortsetzung.)
Klaus drängte ungeduldig:
„Du, meine Julia, Du liebst den deutschen Künstlerohne Rang, ohne Haus und Hof; Du willst als seineGattin ihm folgen?"
„Gewiß, mein Klaus", antwortete Julia.
Da machte der lebhafte Rheinländer einen Freuden-sprung und rief:
„Dann wirst Du meine Hausfrau werden! Seiversichert, Graf Otto von Lomello giebt mir seineTochter."
Julia schüttelte bedenklich das Köpfchen. Eine ge-ringfügige Sache hatte der Römerin mißfallen.
„Warum, lieber Freund," so fragte sie ernst, „warumstelltest Du Deine Streitkraft bei der Belagerung vonTivoli Deinem Kaiser nicht zur Verfügung?"
„Warum?" Er schaute sie vorwurfsvoll an. „OJulia, Du kannst fragen, warum, und weißt doch, welchein Magnet mich hier zurückhielt. Doch" — er starrtequalvoll sinnend, mit sich selber kämpfend, vor sich nie-der — „Julia, Herzgeliebte, einmal mußt Du es docherfahren, ehe Dn mir angetraut bist," sagte er mit plötz-lichem Entschlüsse. „Julia — Du weißt es nicht —ich konnte ja nicht kämpfen, gleich den Sachscnhelden —ich bin — ein Krüppel — ich habe nur den einen, denrechten Arm."
Die Wirkung dieses Bekenntnisses war für denarmen Klaus eine furchtbare:
Bleich, taumelnd vor Entsetzen wankte die schöneJulia zurück; wie ein Marmorbild lehnte sie sich an dennächsten Pfeiler.
„Du, Klaus, hast nur einen Arm — Du bist einKrüppel? Entsetzlich! Wie konntest Du Dich mir nähern?Gehe und komme niemals wieder!"
Es war, als ob ein Fieberfrost die zarte Gestaltschüttelte, als ob Julia, völlig entnervt, mit ausgestreck-ten Händen ein gespenstig drohendes Grausen, die Ge-fahr einer Berührung von sich abwehren wolle.
Klaus sprach keinen Laut. Einen großen erstaun-ten Blick warf er auf die Erregte, dann wandte er sichum und ging. In seiner Brust aber war etwas er-stürben. Ja, es war, als ob er selber zu Eis er-starrt sei.
Betäubt ging er. Wohin? Er wußte eS nicht.Nur eins kam ihm dumpf zum Bewußtsein: Fort, fortaus diesem Hause, aus ihrer Nähe.
.So gelangte er, ohne zu wissen wie, hinab in die ewigeStadt. Hier unter den großen Trümmern, hier,wo die Tha-ten der Helden zu ihm sprachen, löste sich seine Erstarr-ung in stürmischen Schmerz auf. Er schaute an denhalbzerstörten Tempeln und Palästen des alten Forumsempor und lachte bitter. „Hier ist mein Platz. ZwischenDeine Ruinen, Du hehre Noma, Du Niobe unterden Städten, gehöre ich. Du stehst da wie erstarrt undversteinert, im Uebermaß des Schmerzes über den Unter-gang Deiner ehemaligen Größe. Auch mir ist allesGlück in Trümmer gesunken."
Und während er das Forum auf und ab stürmtezwischen den Bogen des Titus und des Severus, dawurde er allmählig ruhiger. Er schaute empor. „Woist das große freie Volk, der Senat, der Prunk auf demCapital? Wo sind die großen römischen Helden, diehier gelebt und gelitten? Begraben, begraben unter demScherbenberg, wie auch ich es bald sein werde."
Fast scheu wandte sein Blick sich nach der Gegend,wo er das Kolosseum wußte. Der Mond stand schonzu einem großen Goldschild gewachsen darüber.
„Wer die Märtyrer, welche Sprache reden sie znmir!" Er erröthete heftig. „Unmännlicher Schwächling!"so schalt er sich selber. „Wie kannst Du um eine ver-lorene Geliebte eine einzige Thräne vergießen, wenn Dnhier stehst vor diesem großen Ehrenfelde, wo glaubens-starke Helden ihr Blut und Leben in heiliger Liebe fürGott hingegeben haben! Wie erbärmlich klein ist dochmein eigenes Leid gegen die Seelenkämpfe dieser christ-lichen Heroen! Nein, nein, ich darf nicht thatlos trauern,ich muß schaffen und wirken zu Gottes Ehre in begei-sterter Ausübung frommer Kunst."
So ward in dieser großen Umgebung das todes-wunde Herz des Armen gestärkt und sein Geist neu be-lebt zu künstlerischer Schaffenskraft. Wie aus einemschweren Traume erwachend, blickte er um sich her.
Was war das? Die Menschen rannten so aufge-regt durcheinander. Ja, sie rotteten sich zusammen mitdrohenden Gebärden.
„Das ist auch einer der Anhänger des deutschenKnaben, der sich Kaiser der Römer nennt!" rief einerauhe Stimme.