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„Ergreift und bindet ihn! Schlagt ihn nieder!"wurden andere Rufe laut.
Ehe Klaus ahnte, daß die Rufe ihm selber galten,fühlte er sich gepackt, zu Boden gerissen und als ein demTode verfallenes Opfer fortgeschleift, bis ihm die Be-sinnung verging.
Daß Otto von Lomello mit seiner UnheilprophezeiungRecht gehabt, das sollte Kaiser Otto am selben Abenderfahren. Er wollte noch zur späten Stunde sich in denLateran zur Berathung mit dem Papste begeben, fandaber die Straßen von Rom verrammelt, ja fast dieWege zur Rückkehr auf den Aventin versperrt.
In schwerer Sorge brachte Otto die Nacht hin. Eslitt ihn nicht auf dem Lager, und beim Morgengrauenerkannte er, daß die Römer in großer Menge bewaffnetden Aventin umringten.
Just in dem Augenblick, als er Befehl gab, dieZugbrücke aufzuziehen und die Burgthore zu verschließen,da kam Herr Thangmar keuchend an. In seinen Armentrug er eimn Leblosen. Das war Klaus. Er legteihn sanft auf die Erde.
„Dal Habt Sorge für ihn. Vielleicht ist er nochzu retten," sprach er zu den Burgleuten. Dann wandteer sich zum Kaiser:
„Hoher Herr, die Römer wollen Euch gefangennehmen. Das soll ihnen nicht gelingen. Es ist gut,daß Ihr Euch verschanzt und Eure Mannen bewaffnet.Auch sollen die Dienstleute ein großes Feuer anzündenund Pech sieden. Wir wollen uns wehren, daß sieEurer nicht habhaft werden. Schlimm genug ist's frei-lich, daß Ihr Euere Kriegsmannen alle zurück in's Lagernach der Campagna geschickt habt. Die wenigen EuererMannen, die da drinnen sind", er deutete hinunter aufdie Stadt, „läßt das Römervolk nicht mehr heraus.Hingegen war ich Zeuge, wie sie mehrere aus Eueremvornehmen Gefolge, mit Namen kenne ich sie nicht, er-schlugen. In Sanct Peter hatte ich mich mit dem Ge-bete verspätet. Da kam ich gerade zur rechten Zeit, umden Klaus zu retten. Ich erkannte ihn an seinem langenHaar. Sie hatten ihn vor eine Taberne geschleift undschlugen mit Knütteln auf ihn los. Wie ein Ungewitterfuhr ich dazwischen, nahm ihn auf meinen Arm undging. Stumm sahen die Leute mir nach, sie warenverblüfft."
„Habt Dank!" sprach Bischof Bernward. Der warinzwischen nahe gekommen und reichte seinem Freundedie Hand.
Die Thore waren geschloffen. Die Mannen eilten,sich zu bewaffnen, und schleppten Haufen von Bogen undPfeilen, von Aexten und Speeren herbei.
Für ein bis zwei Tage wird unser Mundvorrathreichen," meinte der Burgwart; „dann aber müssen unseredeutschen Helven zur Stelle sein, wenn wir nicht derGefangenschaft oder dem Hungertode verfallen sollen."
Otto rief außer sich vor Schmerz:
„O, welch' ein Vorgehen meiner Römer gegen ihrenKaiser! Welch' eine Verblendung von mir, eine Wie-derherstellung des römischen Kaiserthums zu erhoffen!Durch meine hochfliegenden Pläne habe ich die Strafeverdient." Er barg sein Antlitz in den Händen.
Bernward legte seine Rechte beruhigend auf dessenSchulter.
^ „Klage Dich nicht an, mein Otto. Du bist einSohn Deiner Zeit. Unsere Chronisten schreiben in la-
teinischer Sprache unsere Dichter gießen den deutschenHeldengesang in die Form, welche wir an Virgil bewun-dern. Noswitha von Gandersbeim verfaßte ihre Schau-spiele nach dem Vorbilde des Terenz, und ich selber —nun, ich will meine christlichen Gedanken in die Formder römischen Kunstwerke kleiden, welche ich hier an-staune. Wer kann es Dir verdenken, daß Du, was wiralle auf dem Gebiete geistigen und künstlerischen Schaffenserstreben, mit kühnem Griff auf das wirkliche Lebenübertragen, daß Du auf christlichem Boden den Glanzdes alten römischen Kaiserreiches wieder beleben willst!"
Da flog zischend ein Pfeil zwischen ihnen durch.
„Hoho, der erste Gruß! Ihr Herren, da heißt's,die Kriegskleider anlegen!" rief Thangmar .
Bernward schlang seinen Arm um den geliebtenKaiser.
„Mein Otto, setze Dich nicht ohne Noth dem Undankdes römischen Volkes aus. Wir wollen Dich schützen",so sprach er und zog den Niedergeschlagenen mit sich zuden festen Mauern der Pfalz.
Das wurden schlimme Tage für die Eingeschlossenenauf der avcntinischen Burg, nicht weil die Römer allzu-sehr mit Wurfgeschossen und mit Waffengewalt dräuten,sondern weil es geschah, wie der Burgwart vorhergesagt,weil schon am zweiten Tage der Mundvorrath zu Endewart und das Gespenst des Hungers nahte. JedenSturm der in so kurzer Zeit noch nicht zum Angriffvorbereiteten Römer hätte die kleine Besatzung hintersolch festen Mauern zurückgeschlagen. Das wußten dieBelagerer. Ihre Absicht war, den Kaiser und seineTreuen durch Hunger zu bezwingen.
In der Morgenfrühe des vierten Tages stand Ottomit Bernward auf der Warte. Gemeinsam spähten sienach dem Lager in der Campagna aus, aber keine Hilfeließ sich blicken. Die deutschen Freunde wußten ja nichtsvon ihrer Noth.
„Wir müssen einen Ausfall machen", sprach Bern-ward. „Laß' zur Kapelle läuten, ich will zu unsernMannen reden."
Auf den silberhellen Ruf der Glocke Hamen Allezum Kirchlein.
Da stand Bernward , sprach von der zwingendenNoth und von Buße und Sündenvergebung. Und eswar Keiner, der auf seine ergreifende Rede vom Beicht-stuhl zurückblieb.
Bischof Bernward feierte dann festlich die heiligeMesse, reichte dem Kaiser und allen Andern die heiligeWegzehrung, auf daß sie gekräftigt dem Tode in's Augeschauen konnten und tapfer auf die Feinde einzudringenvermochten. Noch einmal nach langem inbrünstigemGebet bestieg er im Kriegskleide die Kanzel. Sein Antlitzstrahlte. In der Rechten hielt er die heilige Lanze,darin waren Nägel vom Kreuze Christi verschmolzen.Hoch hob er das heilige Kleinod und gab den Segenin Form des lebendig machenden Kreuzes.
„Mir nach, es wird gelingen!" so rief der frommeStreiter und stürmte vor. Unverzagt folgte die Schaarder Belagerten. Die heilige Lanze entsandte Blitze, aberder Träger derselben erflehte mit Inbrunst Friedenvon Gott .
Und siehe, der Friedensfürst, Gott selber, segneteBernwards Gebet und seinen Muth:
Als das Thor der avcntinischen Burg aufflog undder Bischof, mit der heiligen Lanze gerüstet, „schrecklich