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alten Diener, welcher in einem Vorzimmer eines derschönsten Häuser in Antwerpen mit Farbenreiben beschäf-tigt war, „öffne uns das Atelier des Meisters, wir
bitten Dich darum I"
„Ich habe versprechen müs-sen, es Niemandem zu öff-nen, meine Herren," ant-wortete Ruys, indem er denKopf verneinend schüttelte,
„und was ich verspreche, daswill ich auch halten."
„Du hältst also Dein WortAnderen gegenüber," versetzteeiner der jungen Leute mitHohn, „während man weiß,daß Du Deiner Frau alleTage versprichst, niemalswieder Bier zu trinken, aberdennoch alle Abende angehei-tert heimkommst, so daß derKopf nicht mehr gerade stehtund die Beine noch weniger."
„Genug, genugI Das sindFabeln, HerrDiepenbecke, unddann, wenn ja, was soll diesdarthun? frage ich Sie. Washaben das Bier, meine Frau,das Atelier des MeistersRubens, mein Kopf und meineBeine miteinander gemein?"
° „Geh' doch, Ruys," riefein anderer junger Mann indie Ohren des alten Dieners,
„öffne diese Thüre! Warumhast Du Furcht?"
„Furcht? Herr van Dyck!
Furcht? Ein Mann, der inseiner Jugend auf dem Meeregedient hat, wissen Sie, einMann, der alle Tage demTod in die Augen gesehen,ist kein Feigling I Ein Mann,der alle Tage mit dem TodeBekanntschaft machte, sollFurcht haben..."
„Ich werde Dir keine Kom-plimente machen über DeineBekanntschaft," erwiderte vanDyck, „wir wollen Bekannt-schaft machen mit der Ver-fahrungsweise des MeistersRubens, und zu diesem Zweckemüssen wir seine mehr oderweniger begonnenen Gemäldestudiren. Du siehst wohl ein,
Ruys, daß es für uns vongroßer Nothwendigkeit ist,uns das Atelier zu öffnen."
„Gewiß, Herr van Dyck,"antwortete der Diener ohne
sich stören zu lassen, „aber wenn Sie und dieseHerren noch so überführende und des Lobes würdigeGründe Hütten, swürde ich Ihre Wünsche dennoch nicht
kenne. Sie achten nichts, gar nichts. Gestern erst habenSie diese kleine Gypsstatue, eine griechische Venus oderrömische, oder antwerpische, ich verstehe nicht viel davon,zerbrochen, und ich mußte zu Herrn Rubens sagen, daß
neue deutsche Neichstagsgebäudr in
besser befriedigen können, und zwar darum, weil ich Sie
der Wind es gewesen sei. „Der Wind?" hat er mirgeantwortet, „die Hitze ist eine drückende gewesen, nichteinmal der mildeste Zephyr wehte." Kurz, er glaubte,daß ich sie zerbrochen habe...ich, sein Diener. Welche