Ausgabe 
(7.12.1894) 99
Seite
769
 
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99 . Ireitag, den 7. Dezember 1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler ).

HermvarL rsorr Hildesheim .

Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt .

(Fortsetzung.)

Die Domglocken läuteten. Herr Klans im Feiertags-kleide schritt rasch durch den Garten und erspähte dieMaid, wie sie leise zu den Blümlein sprach. Gefesseltvon dem wunderlieblichen Bilde blieb er stehen. Dannaber nahte er mit schnellem Entschluß.

Jungfrau Klothild, schenkt mir das Sträußlein,zu dem Ihr so freundlich niederschaut," bat er, und seinetiefe Stimme bebte.

Sie blickte zu ihm auf, und er empfand nicht zumersten Male, welch schöne Innigkeit aus ihren blauenAugen sprach.

Das Sträußlein war für Euch bestimmt," sagtesie einfach und heftete die Frühlingsblüthen an seinGewand.

Währenddessen schaute er zu ihr nieder, blickte erthr tief und tiefer in die blauen Augen und auch aufdie rothen Lippen, die ihm holder als die duftigstenBlumen erschienen. Und er selber wußte nicht, wie esgeschah er drückte einen Kuß auf die weichen Lippender Jungfrau und flehte:

Sei mein, sei mein. Du Herzliebe, wonnesameMaid."

Sie schmiegte sich an die Brust des heißgeliebtenMannes, und alle Seligkeit der Liebe leuchtete aus ihrenAugen, als sie die beiden Wörtlein sprach:

Ja Dein!"

Wie war mit einem Male die Welt so schön ge-worden! Der kleine, dem Lenz entgcgenknospende Gartendünkte den beiden glücklichen Menschen ein Paradies.Sie hörten kein Glockenläuten mehr und hatten den Ein-zug des Kaisers vergessen unter zärtlichen Liebesworten.

Inzwischen schritten die Hildesheimer in feierlicherProcession dem nahenden Kaiser entgegen. Voran trugein Kirchendiener das hochragende Kreuz und ein Herolddie Fahne mit dem HildesHeimischen Wappen. Dannfolgten die Bürger der Stadt, die Dom- und Kunstschillerin Festkleidern; diesen schlössen sich die würdigen Dom-herren an in reichgestickten Prachtgewändern ein ehr-furchtgebietender Anblick. Dahinter wogte auf hohenRossen der ganze Adel des Stiftes in allen Farben mitwallendem Federschmuck und glänzender Rüstung, garstattlich zu schauen.

Nicht weit vor dem Hagenthore hielt der Zug. Hiererhob sich die von einem Baldachin aus Gold und Purpurüberragte Ehrenpforte. Darunter stand ein kaum demKindesalter entwachsenes Jungfräulein. Ueber ihr flim-merndes Kleid von blendend weißer Seide fiel wie eingoldener Schleier ihr sonniges blondes Lockenhaar. ZarteNöthe lag auf dem blüthenhasten Weiß des lieblichenKindergesichtes. Ein Widerschein des blauen Himmelsleuchtete aus den großen Augen. So stand Hathumodvon Sommerschenburg da, um im Namen der Stadt denKaiser zu begrüßen.

Ist sie nicht ein verkörperter Sonnenstrahl?" flüstertejung Heribert entzückt seinem Nachbarn Dedi zu.

Der Kunstschüler nickte nur und schaute in stummerBewunderung nach dem jungen Edelfräulein Hathumod .

Schmetternde Trompetenklänge ertönten. Brausenderunbegrenzter Jubel ward laut; denn schon zeigte sich derHerrscher des Deutschen Reiches in seiner glänzenden Um-gebung von Fürsten und Edelleuten.

Kaiser Heinrich II., eine jugendkräftige Gestalt vollWürde und ungesuchter Hoheit, fern von jeder Spureitler Selbstgefälligkeit, ließ den klugen Blick mit frohemStaunen über das durch Mauern und Zinnen zur Festungverwandelte Hildesheim schweifen.

Welch' günstige Umgestaltung hat die geliebte Stadterfahren, seit ich vor mehr denn zwanzig Jahren alsDomschüler hier weilte," äußerte er zu dem wackerenEdelmann an seiner Seite, zu dem rheinischen GrafenHans von der Jsenburg. Sein Auge glitt dann freund-lich über die ihm zujubelnde, vieltausendköpfige Mengedes Volkes und blieb schier bewundernd auf der künst-lerisch schön erbauten Ehrenpforte haften.

Die liebliche Jungfrau Hathumod trat alsbald inkindlicher Unbefangenheit vor, neigte sich tief vor demhohen Herrn und sprach mit Heller, klangvoller Stimmeeine Begrüßung in classischem Latein. Es war eineHeldendichtung der edlen Roswitha, worin die Thatendes sächsischen Kaisergeschlechtes, der Vorfahren Hein-richs, vom Urahnen Heinrich I. an verherrlicht wurden.Was Roswitha vor ihrem Heimgänge nicht vollendete,das hatte deren Schülerin, das hatte jung Hathumodskluge Mutter, Frau Hildeswitha, ergänzt und vornehm-lich den Schluß gar schön auf den guten und treuenKaiser Heinrich II. abgerundet.

Der Kaiser war tief bewegt. In so sinniger gemüth-voller Weise war ihm noch kein Empfang zu Theil ge-