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worden. Er beugte sich nieder und drückte einen Kußauf die reine Stirn der Maid. Dann sprach er mitweithin schallender Stimme begeistert seinen Dank aus.
Huldigend umritten die Herren vom HildeshcimischenAdel den Kaiser. Darauf bewegte der Festzug sich unterTrompetenschall in die innere Stadt, dem Dommünsterzu. Der fromme Kaiser hatte in seinem Schreiben gebeten,daß man ihn zunächst an diese heilige Stätte leiten möge,auf daß er sogleich beim Einzug in den ehrwürdigenOrt seine Andacht in Sanct Mariens Dom verrichten dürfe.
Vor dem Portale harrte ehrfurchtgebietend, mitallen Abzeichen bischöflicher Würde geschmückt, der hoheFürst des Stiftes, Bischof Bernward, um seinen Kaiserzu emvfangen.
Bei diesem Anblick stieg Kaiser Heinrich vom Pferdeund beugte sich demüthig vor dem Bischof, um seinenSegen zu erbitten.
Tiefe Rührung, warme Liebe spiegelten sich in dencdelgeformten Zügen Bernwards wieder, als er denehemaligen Mitschüler in Hildesheim als Kaiser einziehensah. Er segnete Heinrich und sein Gefolge mit demZeichen des Kreuzes; dann breitete ex stumm die Armeaus, und Kaiser Heinrich, von gleichen Gefühlen beseelt,sank, von Bewegung übermannt, wortlos an des Treuen Brust.
Alsdann richtete Bernward sich auf und hielt eineherzliche Begrüßungsrede an den Kaiser.
Während der Kirchenfürst sprach, hafteten HeinrichsAugen mit steigender Bewunderung auf den erzgegossenenFlügelthüren,*) so die Vorhalle von dem Innern desDomes trennten. Sinnreiche Darstellungen aus demalten und neuen Testamente in hocherhabener Arbeitschmückten selbige.
Kaum hatte Bischof Bernward seine feierliche Anredebeendet und der Kaiser geziemend seinen Dank ausge-sprochen, da rief Herr Heinrich lebhaft und deutete aufdie ehernen Thorflügcl:
„Welch' großartige Schöpfung! Sie entstammt offenbarEurem Geiste und ist aus Eurer Kunstschule hervorgegangen."
Bernward sprach ernst:
„Den Plan zu dieser plastischen Bußpredigt faßteich in Nom vor den Thüren von Sancta Sabina. Ichwollte das Drama von Eden und Golgatha in einerReihe bildlich ausgeführter Gedanken meinen armenBüßern vorführen, so in der Vorhalle harren müssenund an der Feier des heiligen Meßopfers noch nichtwieder theilnehmen dürfen. Durch die Bilder von derSünde und von der Erlösung sollen die Harrendenerschüttert, aber auch wieder getröstet werden."
Er hatte nicht nöthig, dem fromm-gelehrten Kaiserden tiefen Gedankeninhalt der Bilder, den Sinn undZusammenhang eingehend zu erklären. Heinrich verstandohne Worte die Gedanken des großen Meisters.
„Fürwahr, da habt Ihr eine Bußpredigt für ewigeVeiten in Erz gegossen. Zu späten Geschlechtern nochwird Euere Mahnung vernehmlich reden," sprach er bewegt.
„Sehet dort die Meister, die mich in der Ausführungunterstützten, ja mit gewandter Kunstfertigkeit mir dieselbenur ermöglichten," erklärte Bernward und deutete aufDiethelm und Heribert. Er winkte den Künstlern, nahezu kommen.
*) Wahrscheinlich fällt die Vollendung der Thürflügel erstin das Jahr 10 5. Den vielleicht begangenen Anachronismuswollte man der dichterischen Freiheit zu gute halten.
Der Kaiser reichte den beiden, so sich tief verneigten,die Hand. — „Ich danke Euch!" sprach er.
So traten sie wohl vorbereitet zur Andacht in daserhabene Domwünster ein.
Der Kaiser staunte aufs Neue: Wand- und Decken-gemälde in prächtiger und doch zart empfundener Aus-führung zierten das Gotteshaus. Wie ernst und einfachhatte Herr Heinrich aus seinem Knabenalter her dasMünster in Erinnerung!
Vor dem der Himmelskönigin geweihten Hochaltarekniete er mit seiner ganzen Gefolgschaft und mit allenTheilnehmern des Festzuges nieder. Nach inbrünstigemGebet erhob Bischof Bernward die goldstrahlende Monstranzund ertheilte den göttlichen Segen mit dem Allerheiligsten.
Das war der Empfang, worauf nach also verrich-teter Andacht die hohen Gäste Bernwards sich in dieBischofsburg begaben.
Während sie beim Mahle saßen, sprach der Kaiser:
„An den Gemälden des hohen Domes, so mir aus-nehmend gefallen haben, will ich, ehe denn ich andereStätten besuche, mich nochmals erbauen. Wer istder Meister?"
Es antwortete der Bischof:
„Mein junger Schüler, Klaus vom Rhein genannt,Ihr sollt ihn sehen, und er mag selber Euchbei Eurer genauen Besichtigung seine Gemälde erklären.Befremdlich war's mir fast, den lebhaften, begeistertenJüngling nicht beim Festzug zu erblicken."
Er ertheilte einem Diener die Weisung, den Kunst-schüler Klaus unverzüglich hierher zu entbieten.
„Erlaubet," sprach Meister Diethelm rasch — alsHildesheimischer Rathsherr saß auch er an der Kaiscrtafel —„erlaubet, daß ich selber gehe; ich möchte sehen, was esin meinem Haufe gebe. Ich sorge, daß absonderlichesdort vorgefallen sei, sintemalen ich weder Klaus, nochJemanden von den Meinen gesehen habe." Er ging.
„Herr Graf, Ihr schaut ja so nachdenklich drein,als ob Ihr ein verzweifelt Problema lösen müßtet," alsowendete Kaiser Heinrich sich lächelnd an den derbenDegen, den Ritter von der Jsenburg, so mit ihm ge-kommen war und an seiner Seite saß.
„Weiß Zott, gnädigster Herr, nachdenklich bin ichworden. Hab', meiner Treu, heute einen andern Begriffvon Kunst gekriegt. Alle Achtung vor der Kunst, so ichhier gesehen, vor der Kunst, so im Dienste Gottes stehtund vor allem dessen Verherrlichung bezweckt!"
„Gut!" sprach der Kaiser. „Doch warum sagt Ihrdas wehmüthig und mit sichtlicher Kümmerniß aufEurer Stirn?"
„Weil die Erkenntniß mir nichts mehr frommt,hoher Herr, und weil ich meinen einzigen Sohn undErben, der durchaus ein Farbenklexer werden wollte undkeinen Sinn für ritterliche Waffenübungen bezeigte, zornigverstieß, auf daß er meinem Namen keine Schande mache.Ja, wenn der Bube solches hätte malen können, wie wires hier im Münster sahen!"
„Das glaube ich wohl, Herr Graf; dann hättetIhr Euch mit seiner Kunstliebe ausgesöhnt, wenn erals Meister zur Welt gekommen wäre", meinte derKaiser und fügte sehr ernst hinzu: „Aber schlimm war'svon Euch, Jsenburger, daß Ihr den einzigen Sohn ver-stießet, der doch kein anderes Unrecht that, als daß erdem inneren Dränge folgte und sich ganz der Kunsthingab, statt das Kriegshandwerk zu erlernen".