771
Der tapfere Ritter, der sonst niemals um's Wortverlegen war und ein Mundwerk hatte, just so scharf,wie sein weithin gefürchtetes Schlachtschwert, schwieg trau-rig und schaute vor sich nieder.
Das dauerte beträchtliche Weile, ehe Meister Diethelmwiederkehrte. Als er endlich erschien, leuchtete sein gutesAntlitz vor Glück.
«Der Grund des Ausbleibens war ein freudiger,"berichtete er. «Der junge Künstler Klaus hat sich, während-dem wir den Kaiserlichen Herrn einholten, mit meinerTochter Klothild zur Ehe versprochen, und ich mußtemeinen Segen dazu geben. Nietn zukünftiger Tochter-mann wird alsogleich hier sein," schloß er bewegt.
Alle wünschten ihm von Herzen Glück.
Es wurde aber spät; der Kaiser hatte eben dieTafel aufgehoben, als freudigen Gemüthes zwar, dochschüchtern und bescheiden der Künstler eintrat.
Sowie der Bischof ihn erblickte, ging er auf ihnzu und führte den Zaghaften vor den Kaiser mit denWorten:
«Hier ist der Schöpfer unserer Domgemälde."
Heinrich blickte wohlwollend auf den Jüngling, dermit gesenkten Lidern vor ihm stand.
„Junger Freund," also redete er ihn an, „EuereSchöpfungen haben unsern vollen Beifall, wir möchtenselbige nochmals eingehend beschauen. Wollt Ihr unserEeleitsmann sein?"
«Mit tausend Freuden, hoher Herr," sprach Klausleise mit verklärtem Angesicht und schlug voll die dunklenAugen zum Kaiser auf. Dabei traf sein Blick auf denGrafen von der Jsenburg, so neben Heinrich stand.Jäh erbleichte er und wich zurück.
Der tapfere Ritter hatte währenddessen schonwiederholt die Augen gerieben und erkleckliche Zeichenmaßlosen Staunens und unterdrückter Freude wahrnehmenlassen. Jetzt platzte er los:
„Bei der Lanze des Herrn und beim heiligen Erz-engel Michael ! Klaus, mein Junge, das bist Du ja!Brauchst nicht zurückzuweichen, wie vor einem Schreckgespenst.Komm an mein Herz, Bursche, Alles ist vergeben!"
Mit derber Hand griff er nach dem jungen Künstlerund preßte ihn derart stürmisch an seine Brust» daß demfast der Athem verging.
„Hätte, weiß Gott , heute nicht an solche Freudegedacht l" Er ließ den Gefangenen los und fuhr heftigmit der Hand über die Augen. «Ist mir wahrhaftigschon eine Fliege ins Auge gekommen!"
Und dann flüsterte er, freilich so laut, daß es Allehören konnten:
„Junge, verzeih Deinem alten Vater, daß er Dichdamals so rauh in die Welt hinausstieß, als Du DeinenArm bei Ausübung der Dir verbotenen Farbenklexereiverloren hattest und zum Ritter untauglich wurdest; es warfreilich abscheulich von Dir. — Junge, sprich ein Wort,verzeihest Du?"
Da umschlang Klaus innig den Hals des Rittersund lehnte sein Haupt an dessen Brust.
„Mein Vater, wie glücklich wacht Ihr mich," sagte er.
„Wie wird die Mutter sich freuen! Sie weinte sichfast die Augen aus", rief der Graf von der Jsenburgund konnte vor Freude sich kaum fassen.
Mit Rührung waren alle Zeugen des unerwartetenAuftritts. Dem machte Graf Hans von der Jsenburgselber ein Ende, indem er rief:
«Gnädigster Herr, laßt uns nicht länger zögern,vorwärts zum Dom zu schreiten. Auch ich möchte bedacht-sam die Malereien meines Sprossen anschauen und sie vonihm selber gedeihlich erklären hören."
Es geschah, wie er bat. Klaus, der wohlverständ-licherweise nicht ganz bei der Sache war, wußte dennochden dankbaren Zuhörern seine Schöpfungen in anziehen-der Rede zu erklären, so daß alle erbaut waren.
Am Ausgange des Domes bat Herr Hans vovder Jsenburg:
„Kaiserlicher Herr, entlaßt uns auf kurze Zeit.Außer meinem wiedergewonnenen Sohne soll ich hier jaeine Tochter finden."
Die Bitte war leicht begreiflich, und Herr Heinrichgewährte sie lächelnd.
Der Kaiser schritt alsdann mit Bernward über denDowhof. Da stand vor der Werkstatt, aus der eshervorgegangen war, ein prächtiges Kunstwerk und er-regte Heinrichs Bewunderung. Es war eine vom Bildedes göttlichen Siegers, von Christus am Kreuze, gekröntemetallene Triumphsäule. Ihr Schaft war achtmal voneinem Bande mit kunstvollen Reliefs umwunden. DieBilder stellten den geistigen Kriegs- und SiegeszugChristi dar. Der Kaiser rief aus:
„Da habt Ihr fürwahr eine eherne Predigt ge-schaffen, die den Gläubigen sagt, daß der Weg deSKreuzes der einzige Weg zum geistigen Siege ist. Dasist wahrlich eine Triumphsäule des Gottmenschen l"
Bernward erklärte:
«Ich habe diese Säule dazu bestimmt, ein anderesWerk zieren zu helfen, ein Werk, das ich vor Kurzemerst begonnen habe, das ich aber, wenn Gott mir einlanges Leben giebt, zu seiner Ehre vollenden werde.Kommt, daß ich Euch dorthin geleite."
Sie schritten fürbaß.
«Wir gehen jetzt einen Weg, den ich Tag für Tagmehrmals zurücklege", sprach Bernward und leitete den Kaiserauf einen umbuschten Hügel. Hier gewahrte dieser einenBauplatz vom mächtigem Umfang und Grundmauern vongewaltiger Dicke.
„Vor zwei Jahren legte ich hier den ersten Steinzu einem Gotteshause, das sich in nicht allzu ferner Zeitmit großer Pracht zu Ehren des heiligen ErzengelsMichael erheben soll."
Bernward sprach's und zog ein Pergament hervor.
„Sehet, so habe ich den Plan zu einer dreischiffigenBasilika entworfen. Den Grundriß in doppelter Kreuz-form, im Osten, gleichwie im Westen ein Chorabschluß,so daß die Krcuzarme sich im Osten und Westen jevor dem Chöre an das Langhaus anlegen. Ich habedem Bau zu Ehren der neun Chöre der Engel neunQuadrate im Grundriß gegeben; im Ausbau sollen zuEhren der heiligen Apostel zwölf Säulen die Decke tragen."
„Hieran erkenne ich meinen geübten, geistreichenMathematiker wieder, wie ich ihn schon auf der Dom-schule bewunderte," rief Heinrich aus.
Bernward fuhr fort:
„Neben dieser Basilika, deren Aeußeres ich durchsechs Thürme majestätisch gestalten will, werde ich denSöhnen des heiligen Benedictus eine Heimstätte erbauen.Damit soll auch nach meinem Tode auf lange Zeithinaus mein Hildesheim ein sicherer Zufluchtsort derKünste und Wissenschaften und eine Pflanzschule apostolischgesinnter Männer bleiben."