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machen, nicht ihrer „Aufmerksamkeit" gewürdigt hätten.So heißt es in den magistratischen Rechnungen einmal:„Demnach in dem Schwedischen Ueberfalle allhin desFeinds Soldaten Alles was Sie vmb die Statt ange-troffen, außgeblindert vnd davongetragen vnd dahero auchbei gemainer Statt Zimmerstädten viel eifern Werk hin-weckh genommen, welches Sie hernach hin vnd wider ver-chaufft. Vnd weilen der Martin Dirth Hammerschmidam zimbliche Porzion von denen Soldaten erhandelt, alshat mans Ihm wieder gelöst, wie ers bekhommen, als:750 Wallernögl, 24 Pikhl, 170 Deichenpixen, 12 Wagen-khötten, 2 Sagen, 1 mössinger Stampf zu 96 Pfund,etliche Gaisfüs, Schanfl v. a. m., item ein kupfern Kössl,so in des Lendhüters Thurn herausgenommen worden,item ain Glockhen, ain Tischl, 4 bar eiserne Pänder, 1eiserne Hebdazen, aine Stange zum Schleifstein, 4 barWafferstift vnd mehrerer." ^)
So war also in der That nicht einmal der Nagelan der Wand vor den Schweden sicher!
Und wie die Truppen in der Stadt, hausten auchjene vor ihr im Lager.
So berichtet der mehrerwähnte Franziskaner, daßdie Soldaten aus ihrem Lager vor dem Neuhauserthoreunter Tags allerlei Sachen zum Verkauf in die Stadtbrachten: zahlreiche Rinder, viele Pferde, noch mehrSchweine, Weiberschleier, allerlei Leinwand, Flachs undGarn, Hollhäfen, Kupfer- und Zinngeschirr, gestohleneKelche und anderes dergleichen Kirchensach, Weibergürtel,Röcke, Mäntel, Pelze, Betten, Schmalz und Butter —Alles zu wahren Spottpreisen, denn „damals war aineZeit, daß ain Rind ainen Gulden, ebensovil ain PfundSchmalz gestanden hat".
Ueber Gustav Adolfs persönliche Aufführung sprechensich die überlieferten Berichte nicht ungünstig aus. Wenner auf der einen Seite auch hart und streng in seinenForderungen war, so besaß er auf der anderen dochwieder so viel Klugheit, dasjenige, wovon er wußte, daßeS die Münchener vor Allem hoch in Ehren gehaltenwissen wollten, die Ausübung der katholischen Religion,unangetastet zu lassen. Man schlug es nicht gering an,daß der Schwedenkönig die Gotteshäuser der Stadt be-suchte, ja sogar dem Himmelfahrtsfeste in der (damaligen)Stifts- (jetzt Dom-) Kirche zu U. L. Frau anwohnte.
Im Alten Hof ließ er einmal öffentliche Fechtfchulehalten, bei der die Münchener mit den Schweden ihreGeschicklichkeit versuchten und die schwedischen Generalezur größeren Aneiferung Goldstücke als Preise auswarfen.— Zu öfteren Malen, wenn er durch die Stadt rittund das Volk neugierig um ihn drängte, warf er Geldunter die Menge, die ihm dann, gedankenlos wie immer,zujubelte, vielleicht ohne zu erwägen, daß das von dem-selben Gelde sei, um das er sie selbst kurz zuvor ge-brandschatzt hatte.
Mit der Brandschatzung sah es nämlich höchst be-denklich aus. Schon ihr Betrag war ein außerordent-lich hoher, denn bei dem Umstände, daß man für einenThaler baar um 10 kr. Werthes erhielt und Baargeldsehr rar war, darf man die begehrte Summe wohl auf10,000,000 Mk. heutiger Währung veranschlagen, wobeinoch der weitere Umstand zu berücksichtigen ist, daß Mün-chen damals höchstens 20,000 Einwohner hatte.
Man strengte zur Aufbringung der Brandschatzungdie äußersten Kräfte an, ging von Haus zu Haus, von
°) Obcrbayer. Archiv IV. 68-89.
Wohnung zu Wohnung und suchte an Geld und an ver-arbeitetem Silber und Gold so viel zu erholen, als manvermochte, und in wenigen Tagen war doch an baaremGelde die Summe von 104,340 st. und an Geschmeidealler Art bei 40,500 fl. beisammen. Allein selbst dieseSumme konnte nicht in ihrem vollen Betrage zur Ranzionverwendet werden, vielmehr mußten hievon auch noch denschwedischen Generalen „Geschenke" im Anschlage von ca.50,000 fl. gemacht werden, und so groß die Summein Anbetracht der damaligen Verhältnisse war, war siedoch eigentlich unbedeutend. Man suchte nun ander-wärts ein Anlehen aufzunehmen und schickte deshalb eineaus Hofbeamten und Deputirten der Stadt bestehendeCommission nach Augsburg , allein alle Mühe zur Er-haltung eines Darlehens war vergeblich, ungeachtet manselbst einen offenen Creditbrief von dem Landesherrnhatte. Die kurfürstlichen Räthe, der Magistrat und dieBürgerschaft stellten dem Schwedenkönig diese Lage auchin einem Bericht vom 3. Juni ausführlich dar und er-öffneten ihm, daß alle Kräfte bereits völlig erschöpft seien,so zwar, daß, wie sie sagten „sie mit Wahrheitsgrundbehaupten dürfen, daß leider in gar vielen Häusern nitein einziger Heller, wohl auch nit ein Bissen Brod mehrzu finden sei, daß also bey allhiesiger Stadt anderes nitübrig, als daß nach und nach die unschuldigen Bürgervor Hunger verschmachten und sterben müßten." Daseinzige noch übrige Mittel bestände darin, jene Bürger,welche bei Annäherung der Schweden sich entfernt hätten,wieder zur Stadt zu bringen, welche dann wohl in kurzerZeit 60,000 bis 100,000 Thaler (ü nominell 1 fl. 30 kr.)erlegen könnten.
Allein darauf ließ Gustav Adolf °) sich nicht ein, son-dern verlangte bis zur fälligen Abtragung der Ranzion dieStellung von 44 Personen sowohl geistlichen als welt-lichen Standes, welche mit der Armee wegzuführen seien.Blutenden Herzens kam die Stadt diesem Befehle nachund erwählte 44 solche Personen, von denen mit Rücksichtdarauf, daß zwei weltliche krank waren, nur folgende42 als Geiseln fortgeführt wurden:
Geistlicher
lnton Mandt, vr. tbso!., CanonicnS und Stistspfarrer beiU. L. Frau.
Neorg Bauer, regukirter Chorherr vom Kloster JnderSdorf.Zeorgb GttstE ) Eistercienser vom Kloster Fürstenfeld.Wann Lang
Joachim GorthardAndreas BrmmerChristes ClezlinChristes WidmannAdam Schiffer!Benedict HagnVincenz Getzlerchberat HärterFulgenz Kirchinaicrßaul AlblKaspar MairFranz SigN)
Jesuiten.
Franziskaner.
») Derselbe hatte vom 26. Mai bis 2. Juni einen Abstecher nachAugsburg gemacht, von zvo er auf dir Nachricht, daß im Lagerwegen feiner Abwesenheit eine Revolte ausgebrochen sei, zurück-kehrte, jedoch nicht mehr in der Residenz — wohl ein Beweisfür ihre Verwüstung — sondern beim Wirth Freihammer amMarkte (jetzt Maricnplatz Nr. 5) Quartier nahm.
») Franz Sigl schrieb eine „Geschichte der Münch'nerGeiseln in schwedischer Gefangenschaft", welcher wir die obenfolgenden Daten entnehmen.
k. BlasiuS Rechpacher, apostasirt 4. Mai 1634.