Ausgabe 
(25.12.1894) 104
Seite
809
 
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iv4.

L8V4.

Auasburger Postzeilung".

Dinstag, ven 25. Dezember

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Drillt und Verlag des Literarilcheu Instituts von Haas k. Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Map Huttler).

Erwartung.

Weihnachtszeit, Weihnachtsbaum,

Fest der Kleinen, der Großen Traum,

Kommet, kommt doch balde!

Stille, ganz stille, noch dunkelt das Zimmer,

Bald aber leuchtet ein Glanz und ein Schimmer,Daß die Augen übergeh'n.

Selber in unser trauriges Dunkel

Dringet ein Strahl dann vom Weihnachtsgefunkel,

Und das Herz fühlt himmlisches Weh'n.

Weihnachtsbaum, den nie wir geschaut,

Bist wie ein Freund uns bekannt und vertraut.Hört ihr der Tanne heimliches Beben?Waldcsdüfte die Räume durchschweben,

Hände, betastet, was Liebe gebaut!

O du fröhliche, selige Zeit,

Weckest die Liebe, linderst das Leid.

Ach wir ahnen, was nimmer wir sehen.

Weihnachtszeit, Weihnachtsbaum,

Fest der Kleinen, der Großen Traum!

Stündlein, mußt hurtiger gehen!

(A. d. MelodramWeihnachtsabend unter Blinden" ,ged. v. Adolph Müller, comp. v. Hitzelberge.)

- ---S-88MS--

Aes atterr Toni Weihnachts-Aeschichte.

Nacherzählt von Jos. Elm. Grunau.

(Nachdruck verboten.)

Wer der alte Toni war? Im Gebiet des Laubahn-thales, driunen im Tirolerland, brauchte man nicht langeUmfrage nach ihm zu halten, die Kinder auf der Land-straße, welche das enge Thal durchzieht, konnten denFragesteller zu dem Försterhüuschen weisen, das etwasden Berg hinauf den Eingang zu dem mit aller Romantikumgebenen Herrenschloß Steinkron bewachte.

In dem schmucken, kleinen Gebäude, wo Toni West-holter regierte, konnte es einem schon gefallen, denn allesmachte den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit, dievon sorgsamer Pflege wohlthuend unterstützt wurde.

Vorn im Wohnzimmer, wo ein kleiner Erker nachdem zum Schlosse führenden Hauptweg ausgebaut war,

stand der bequeme Lehnstuhl des alten Toni, den er stetsinnehatte, wenn er daheim war. Von dort aus hatte erdas große, kunstvoll geschmiedete Gitterthor und die Haupt-wege, welche in den rings das Schloß umgebenden Forstführten, vor Augen.

Besonders am Abend, wenn es keine Amtspflichtmehr gab, verließ er das liebgewonnene Plätzchen kaum,sondern erzählte von dem etwas erhöhten Sitze aus gernseiner Familie und den vielen Freunden aus dem nahe-liegenden Dorfe Steinort von seinen Erlebnissen, zumalvon der schönen Kaiserstadt Wien, wohin ihn vor Jahrender alte Freiherr zur Begleitung seines Sohnes Brunogeschickt hatte.

Schon damals war er, der seit Kindesbeinen imDienste der Familie Steinkron gestanden, in gereiftercnJahren, eine ehrliche, verständige Haut, wenn ihr auchvielleicht der großstädtische Schliff abging.

Heute, wo wir bei dem guten Toni Einkehr halten,haben sein Haar schon die silbernen Ehrenfüden durch-zogen, und neben seiner im gleichen Alter stehenden Gat-tin Gertrud ist schon ein schmuckes Dirnderl, die Nest,ihm aufgeblüht, mit der Mutter in edlem Wettstreit, demVater das Leben nach Möglichkeit angenehm zu gestalten.

Vor einem Jahr stark, in den Herbstferien, war ichauf meinen Wanderfahrten zum ersten Mal zu diesemreizenden Lhälchen gekommen und fand in dem Förster-hause, obwohl ein Fremdling, gastliche Aufnahme. Mancheherrliche Partie, wahre Gotteswunder der Natur, hattemein Stift dem Skizzenbuche einverleiben können. Dochdas schönste Bildchen malte ich mir in's Herz hinein,und das war die schwarzlockige Rest, des Försters mun-teres Töchterlein, das mir nicht aus dem Sinne mehrwollte, auch als ich längst von ihr Abschied genommen.

Ach, es war ein schwerer Abschied für uns beide,und dem immer fröhlichen Försterstöchterlein standen einpaar glitzernde Diamantperlen in den schönen großenAugen, als sie mir sagte:

Gelt, Franz, Du schreibst und kommst wieder?"

Ja, Rest, ich schreib' und komm' wieder, und einRinglein bring' ich mit/'

Nun war ich wiedergekommen kurz vor der heiligenWeihnacht, nachdem ich meine Studien an der Maler-Akademie beendet und an der Schwelle des praktischenLebens stand. Im Föisterhause traf ich Alles zum Besten;der alte Toni empfing mich mit offenen Armen und seinegute Frau Gertrud nicht minder und die Resi?