Ausgabe 
(25.12.1894) 104
Seite
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O, um den Hals wär' sie mir am liebsten gefallen,wenn nicht Vater und Mutter dabei gewesen wären, aberauch so sagten mir die leuchtenden Augensterne und derwarme Druck der Hand, daß ihr kleines Herzchen in Liebeund Treue unverändert für ihren Franz schlug. Was derfrohe Willkomm versprochen, die folgenden glücklichen Tagehaben es treulich gehalten.

* *

Der heilige Abend war gekommen mit all' seinembeseligenden Zauber, mit der hoffnungsfrohen Erwartung,was wohl für neue Rosen der Engel der Liebe an demDornenstrauche des Lebens erblühen lassen werde.

Seit mehreren Tagen waren die Schneeflocken inlustigem Durcheinander zur Erde niedergefallen, gleich alsob sie den Weg bereiten wollten für den gabenschwerenSchlitten des lieben Christkindleins.

Um die scharfen Felskanten hatte sich ein reicherHermelin gewunden, von leuchtender Seide umsponnenragten an den Bergen empor die Nadelhölzer, die kleinenin einen völligen Mantel eingehüllt, die großen mitschweren weißen Rosen überfüllt. Und in all den feen-haften Winterzauber entsandte der Mond seine zitterndenStrahlen und ließen die lieben kleinenSternlein ihr glitzern-des, funkelndes Demantgeschmeide wiederspiegeln.

Auf Steinkron herrschte noch die alte patriarchalischeSitte der Christbescheerung, die sich nicht allein auf diefreiherrliche Familie und deren Dienerschaft beschränkte,sondern das ganze Dorf Steinort zu Gast lud in dengroßen Saal, wo nach einem kleinen Imbiß die Lichteran dem mächtigen Tanncnbaum angezündet wurden.

Gab's da einen Jubel, als die liebe Jugend aufein gegebenes Zeichen an die langen Gabentische heran-stürmte; von jeder Familie durfte ein Kind an dieserkeineswegs fruchtlosen Jagd nach dem Glück theilnehmen,und jedes fand seinen Theil, entsprechend seinen Verhält-nissen. Mitten unter der Kinderschaar schwebte neben demsie unterstützenden ehrwürdigen Pfarrherrn wie ein ord-nender Engel die schöne Freifrau Lucie von Steinkroneinher und schöpfte aus den dankbaren Augen der reich-lich Beschenkten den süßen Lohn ihrer arbeitsamen Mild-thätigkeit. In eine Fensternische zurückgelehnt, stand derSchloßherr Bruno und verfolgte mit einem stolzen, glück-lichen Blick seine geschäftige Gemahlin, und mochte beisich wohl denken: wie schön ist's, so viele glückliche Men-schen unter seinem Dache beherbergen zu dürfen.

Langsam brannten am Christbaum die Lichter her-nieder, noch einmal stimmte die frohe Menge eines derherzergreifenden innigen Weihnachtslieder an, dann schiedJeder, glücklichen Frieden im Herzen, von der Stättesolch christlicher Gastlichkeit, einen heißen Segenswunschfür die gute Herrschaft von Steinkron auf den Lippen.

Mich trieb's am heiligen Abend noch nicht so schnellaus dem Bereiche des Schlosses; der alte Toni lud nochmehrere seiner Bekannten auf ein Stündchen zu einemGlase Punsch ein, das die saubere Rest mit gewinnendemLächeln kredenzte.

Aber Vater, Toni, wo habt denn Ihr Euer Ge-schenk gelassen; ganz leer wird Euch der Herr, der sogroße Stücke auf Euch hält, doch nicht haben ausgehenlassen?"

Das Gesicht des Alten, der seinen Thron in demkleinen erhöhten Erkerchen wieder eingenommen hatte, ver-

zog sich zu einem freundlichen Schmunzeln, er hatte offen-bar nur auf diese Anregung gewartet, denn alsbald zoger aus der weiten Seitentasche seines Rockes eine kleineSchachtel und sagte dann mit anscheinend gleichgiltigerStimme:

Es werden halt wieder einige Nüsse sein, der gnädigeHerr weiß, daß ich sie liebe."

Die schmucke Rest lächelte verschmitzt zu mir herüber,und ich verstand, daß es mit den Nüssen doch eine be-sondere Bewandtniß haben müsse.

Nun, Toni, mir scheint, für^Eure alten Zähne seienNüsse keine rechte Arbeit mehr, laßt sehen, das Christkindhat Euch gewiß einen besseren Kern hineingelegt."

Glaub's schon, schaut her, Ihr Neugierigen."

Krack, krack, leicht platzten die Schalen auseinander,und in die vor ihm aufgehaltene Schürze der Nest rollteaus jeder Nuß ein blinkender Golddukaten hervor, welchedas flinke Mädchen mit lautem Juchhei auffing und derMutter klingend in den Schooß warf.

Der gutmüthige Alte lachte aus vollem Halse undschob vor Freude das kleine Sammtkäppchen auf demKopfe hin und her, während wir Zuschauer verwundertdreinschauten.

Ja, das sind die Nüsse vom lieben Christkind, ichkenne sie schon manches Jährlein, denn immer kommen siewieder auf's Neue und rufen dem alten Toni eine Ge-schichte in's Gedächtniß zurück, bei der auch er so einekleine Rolle mitgespielt hat."

Erzählen, Vater Toni, erzählen," klangs von denLippen aller Freunde zugleich.

Nun ja denn, komm, Nest, noch einen guten kleinenPunsch, damit die Zunge bester die ungewohnte ArbeitdeS Erzählens verrichten kann."

Der alte Toni erzählte:

In Wien war's, wohin mich der selige Freiherr da-mals mit unserm gnädigen Herrn beordert hatte, damiter dort in der feinen Gesellschaft das Leben kennenlerne und an der Hochschule studire. Nun, ich hab' immerso meine eigenen Gedanken gehabt' und so dacht' ich auchdamals, daß bei den feinen, jungen Herrchens wenigGutes zu lernen sei. Ja, wenn dort unser gnädigerHerr in Allem ein eifriger Student gewesen wäre, deralte Toni hätte es nicht bis zum Schluß ausgehaltenund süß' heute nicht als Förster auf Steinkron. Gott Dank, hielt der Freiherr etwas auf der guten altenFreifrau Wort, das sie ihm auf die Reise mitgegebenund oft in Briefen eindringlich wiederholt hatte. Soging's fchon eine Zeit lang recht gut, wenn auch manchertolle Streich, der nun einmal zur Jugend gehört, mit inden Kauf genommen wurde. Der alte Toni wußte schonnachher die Sache wieder ins Reine zu bringen.

Im Frühjahr waren wir nach der Kaiserstadt ge-kommen, und nun schrieben wir schon Dezember, ohnedaß die schlechte Wiener Luft den Herrn besonders an-gekränkelt hätte.

Da zog mit einem Mal ein neuer Cirkus, mit allemRaffinement ausgestattet, die Aufmerksamkeit der lebe-lustigen Welt auf sich. Selbstredend mußten unsere jungenCavaliere hin, und zwar vorne hin in die ersten Plätze.Vor Allem war's da eine-junge Kunstreiterin, eine kecke,herausfordernde Schönheit, die die Augen auf sich zog.Allabendlich flogen ihr von der jungen Welt die präch-tigsten Bouquets und Kränze zu, aber gleichgültig schien