Ausgabe 
(7.1.1896) 2
Seite
9
 
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Unterhaltungsblatt

zur

Augsburger Poſtzeitung.

2. Dienstag, den 7. Januar 1896.

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg.Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas& Grabherr in Augsburg Vorbeſitzer Dr. Max Huttler).

Der Jakobs-Stern.

Es wird ein Stern aus Jakob aufgeh'n,und ein Scepter aus Israel kommen.

Als uns die Jungfrau hold den HerrnIn Bethlehem zur Welt gebracht,

In jener Zeit erſchien ein Stern

Und ſtrahlte leuchtend durch die Nacht.Zu ihm empor flog mancher Blick,Und manche Frage ſtieg hinauf;

Doch keine Antwort kam zurück,

Der Stern zog ſeinen ſtillen Lauf.In fernen Landen aber ahnten

Drei Weiſe dieſes Sternes Kunde,Sie hofften auf den GottgeſandtenUnd wußten nahe nun die Stunde,Und folgten gläubig aus der FerneDem wunderbaren Jakobs⸗Sterne.

Den Arberfürſten trägt ſein RoßVoran der Diener ſtolzem Troß,Dem weitausſchreitenden KameeleFliegt ſehnſuchtsvoll voraus die SeeleDes jungen Aethiopen⸗​König;

Ihm deucht des Adlers Flug zu wenig.Und Balthaſar ſogar, der greiſe,Beſchleunt voll Ungeduld die Reiſe.

Doch ſiehe, nah' bei Salems Thoren,Da haben ſie den Stern verloren;Der Tempelzinnen gold'ne Pracht,Der Königsveſte ſtolze MachtHat ihren Blick auf ſich gebanntUnd ihn vom Sterne abgewandt.Dort muß der neue König ſein!So denken ſie nach MenſchenartUnd zieh'n in Salems Thoren einUnd glauben ſich am Ziel der Fahrt.Sie fragen nach dem Königsſohn,Erregen Furcht und ernten Hohn;Und ihre Seele iſt verwirrt,Dem Wand'rer gleich, der ſich verirrt.

Doch ſieh, kaum haben ſie verlaſſenJeruſalems entweihte Gaſſen,

Da leuchtet hell und freundlich wiederDer wunderbare Stern hernieder

Er führt ſie hin durch Bethels Auen

Bis zu der ſtillen Gnadengrotte,

Läßt ſie im Kind die Gottheit ſchauenUnd gläubig opfern ſie dem Gotte!

O folg' auch Du dem Gnadenzuge

Stets unentwegt in raſchem Fluge!

Laß von der Welt Dich nicht verblenden,Den Blick vom Sterne abzuwenden.

Nicht wo der Staub in Goldesſchein

Sich gleißend hüllt und lockt und täuſcht;Nein, wo vom Kreuz ein SplitterleinEntſagung oder Demuth heiſcht,Dorthin führt dich der Jakobs⸗Stern

O folg' und opfere dem Herrn!

Gerhauſer.

Die Aſtrologen.

Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.Von Max Benno.

(Fortſetzung.)

Aber dann verſtehe ich nicht, entgegnete Georg,was Euch veranlaßt den Wohnſitz zu wechſeln. Durchdas kleine Jahrgehalt iſt das Auskommen für Euch Beidegeſichert; Ihr genießt freie Wohnung und auch ſonſt iſtEuch noch mancher Vortheil gewährt...

Nur noch kurze Zeit, fiel Magdalene ein;derSchloßhauptmann hat uns erklärt, daß wir ausziehenmüſſen!

Müſſen! eiferte Georg.Leßlie will die Pflege-tochter des Mannes, durch deſſen Vermittelung undFürſprache er ſeine Stelle bekam, und die alte blindeLeibdienerin ſeiner ehemaligen Herrin aus dem Hauſetreiben? Das darf nicht ſein! Ich trage die Sachedem Herzoge vor und bin überzeugt, daß er den hartenBefehl des Schloßhauptmanns rückgängig macht!

Nein, mein Kind, thue das nicht, bat ängſtlichdie Alte.Leßlie iſt wohl nicht ſo böſe, wie Du meinſt;er hat auch nicht gerade davon geſprochen, daß wir dasHaus räumen müſſen, wenigſtens habe ich nichts davongehört. Magdalene allerdings behauptet, ſie habe esdeutlich verſtanden. Sie hat ihn eben etwas verdrießlich