Ausgabe 
(7.1.1896) 2
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gemacht, weil ſie immer ſo abſtoßend gegen ihn iſt, obgleich er es gut mit ihr meint.

Ich bitte Dich, Vetter, unterbrach das Mädchenin unverkennbarer Verwirrrung die Alte,ſprich nichtmehr davon! Wir haben ſchon eine Wohnung gemiethetund ziehen die nächſte Woche ins Städtchen hinab.

Aber ſo ſagt mir doch ums Himmels willen,drängte Georg ungeduldig,was Leßlie gegen Euch hat.

Heirathen möchte er die Lene, ſagte die Alte,und ſie will nicht, das iſt Alles!

Was? entgegnete Georg, vom Seſſel aufſpringend.Leßlie, der fünfzigjährige, trübſelige, unausſtehlicheMenſch, Dich heirathen? Daraus wird nichts!.Welche Zumuthung, fügte er mit einem Blick in dieAugen des Mädchens hinzu, der mehr als das wohlwollende Intereſſe des Jugendgeſpielen verrieth,Deinjunges, blühendes Leben an ſein düſteres Daſein zuketten! Iſt der Kerl denn verrückt?

Gerade darum, erklärte Magdalene mit ſanftemExröthen,weil ich auf die Anträge des Schloßhauptmanns niemals eingehen kann, müſſen wir die Burgräumen.

Freilich, fing die Alte wieder an,wir müſſenfort, und zwar ganz allein deswegen, weil Lene ſich inder letzten Zeit gegen Leßlie wirklich unartig benahm.Denke Dir nur, Georg, er hatte Beſuch von einem feinen,vornehmen Herrn, wie mir der Schloßvogt ſagte, einemOfficier im Wallenſteiniſchen Heer. Mit dieſem wollteer der Lene ſeine Aufwartung machen, aber das einfältige Ding wies ihn ab. Man könnte faſt meinen,die Lene ſei eine Prinzeſſin, ſo ſtolz thut ſie!

Georg, deſſen Mienenſpiel bei den eifrigen Wortender Alten eine augenſcheinliche Genugthuung ausdrückte,wollte antworten, da ging die Thüre auf, und ein alterehrwürdiger Herr im Prieſterrock trat in das Gemach.Ein freudiges Erglühen flog über des jungen MannesGeſicht. Er eilte auf den Greis zu und führte deſſenHand ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen.

Pater Vincenz, bat er,verzeiht, daß ich Euchnicht zuerſt begrüßt habe. Ihr wißt ja, daß dieſes Zimmer von jeher mein Lieblingsplatz war. Auch heutekonnte ich dem Drange nicht widerſtehen, ſofort nachmeiner Ankunft hierher zu eilen.

Der alte Herr lächelte gütig.Gott ſegne DeinenEingang in dieſes Haus. Was führt Dich zu uns?

IIch bin vom Herzog geſandt, um für ihn undgroßes Gefolge Quartier zu beſtellen.

Der Herzog kommt! rief Pater Vincenz überraſcht;es freut mich, den Herrn vor meinem Ende noch einmal zu ſehen. Auch Euch, wandte er ſich an die Alteund Magdalene,habe ich eine gute Nachricht zu bringen:aus dem Umzuge in's Städtchen wird nichts. Ihr habtdie Worte und, wie es mir faſt ſcheinen will, auch dieAbſicht des Schloßhauptmannes falſch aufgefaßt. Erbereut ſeine Heftigkeit und gab mir den Auftrag, Euchum Entſchuldigung zu bitten.

Gott ſei Dank, murmelte die Alte und faltetedie Hände,nun darf ich doch hier mein letztes Stündleinerwarten. Ich hatte alſo doch Recht.

Wie iſt denn das möglich! rief Magdalene.Wirwurden doch heute abermals auf's ſchärfſte von ihmbedroht.

Allerdings, erwiderte der Pater.Dies ſcheintder letzte Trumpf geweſen zu ſein, den er zur Erreichung

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ſeiner Abſichten ausgeſpielt hat. Ich redete ihm jedoch,meinem Verſprechen gemäß, mit allem Ernſt in's Gewiſſen, ſo daß er in ſich ging und ſchließlich nachgab.

Habt Ihr aber auch nichts vergeſſen, Hochwürden?fragte ängſtlich das Mädchen.

Sei ohne Sorge, beruhigte ſie der alte Herrlächelnd,es iſt alles in Ordnung. Nachdem Leßlieexrkannt, daß Du von ſeinem Plane ſo ganz und garnichts wiſſen willſt, tritt er zurück.

Das wollt' ich ihm auch gerathen haben! riefGeorg hitzig.Wie der alte Patron, der ſliets ein Geſichtmacht, als hätte er Gift und Galle im Mund, überhauptnur den Gedanken faſſen konnte, um Magdalene zu freien?Schon die Abſicht verdient eine Strafe, die ihm auchbei der exſten Gelegenheit zu Theil werden ſoll. Ichwill ſchon dafür ſorgen, daß dem grauen Sünder dieLuſt zum Scharmutziren vergeht.

Pfui, Georg, verwies der Pater mit ernſtemTon,Du wollteſt Dich rächen? Ach, er mag wohl derLiebe bedürfen! Leßlie ſteht allein in der Welt; er ſieht,mit welcher Sorgfalt und Opferfreudigkeit Frau Annavon Magdalene gepflegt wird, und iſt überzeugt, daßdieſe gegen ihren Gatten ſich ebenſo zeigen würde. Eriſt reich, ſie ohne Vermögen. Niemand kann ihm ſeineNeigung verübeln, wenn es ſich je um eine ſolche handelt,was noch nicht einmal beſtimmt ausgemacht iſt; dennMagdalene hat ſeinen Antrag gar nicht gehört.

Den jungen Mann ſchien dieſe Eröffnung ſtutzigzu machen; gleichwohl gab er ſein Vorurtheil nochnicht auf.

War das ein Grund, fiel er dem Prieſter heftigin's Wort,ſie und die Baſe ohne weiteres aus demHauſe zu werfen? Ihr ſeid viel zu gut, Hochwürden;Ihr entſchuldigt alles und ſeht alles in beſſerm Licht!

Ja, ich liebe die Menſchen, ſagte der Greis,und dieſer Mann iſt nicht ſo ſchlimm, wie Du meinſt.Körperliche Leiden, mit einem unverkennbaren Zwieſpaltder Seele vereinigt, mögen eine fortwährende Mißſtimmung in ihm erzeugen, die eine liebende Frauenfürſorgevielleicht zu verſcheuchen vermocht hätte!

Und dieſen Dienſt ſollte dem ſchlauen PatronMagdalene erweiſen! fuhr Georg fort;er meint eswirklich vortrefflich mit ihr. Ich bleibe dabei, Hochwürden, Ihr ſeid für dieſe Welt viel zu nachſichtig undgut. Ich glaube, ſelbſt den Ketzern würdet Ihr dasWort reden, obgleich aus dem heilloſen Unfug dieſerQuerköpfe alles Elend im Lande entſprang.

Warum denn nicht? entgegnete der Pater;ſindſie doch Ebenbilder Gottes und zur ewigen Freude berufene Geſchöpfe, wie wir.

Die ernſten Worte des Prieſters verfehlten ihreWirkung nicht. Selbſt Georg wagte keinen Widerſpruchmehr, obgleich die milde Nachgiebigkeit des alten Herrnin ſeinem feurigen, von dem Geiſt der Zeit beherrſchtenGemüthe nuur einen ſchwachen Wiederhall fand. Er lenktedas Geſpräch ab.

Iſt Leßlie immer noch? fragte er mit einerPantomime, welcher Pater Vincenz ſofort verſtand.

Derſelbe wie früher, erwiderte er,mißmuthig,düſter, und ſein altes Uebel, bei Nacht im Schlafe zuwandeln, hat ſich eher noch verſchärft, als vermindert.

Der Leibjäger dachte ſchon nicht mehr an die Rüge,welche ihm durch den geiſtlichen Herrn ertheilt wordenwar.Und ein ſolcher Menſch will heirathen! brach

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