Anweisung gegeben und bin fest überzeugt, daß Leßlievon der alten Frau, die in Folge meiner entschiedenenWeigerung in sehr schlechter Laune sich befand, nicht vielAngenehmes zu hören bekam; wenigstens verließ er dasGemach in voller Wuth, und fast hätte die Zurückweisung,wie Du ja weißt, für uns recht schlimme Folgen gehabt."
Schon vorher — bei den Andeutungen des PaterViucenz — war in Georg eine Vermuthung erwacht;diese wurde durch Magdalenens Mittheilung bestärkt.Er dachte an die Verstimmung des Wachtmeisters Donaldund dessen Umgehen aller Personen und Verhältnisse,die mit seinem Besuch auf Großmeseritsch in Beziehungstanden. Was lag näher, als die Annahme, daß dessenfast ängstliches Ausweichen dem Aerger über getäuschteHoffnungen entsprang, und daß der Schloßhauptmannnicht für sich selbst, sondern für seinen Neffen den Frei-werber gemacht hatte? Wit diesem Schluß war dasRäthsel auf die einfachste Weise gelöst.
Der junge Mann zweifelte an der Richtigkeit dieserVermuthung nicht, hütete sich aber wohl, etwas davonzu verrathen und dankte im Stille» dem Zufall, durchwelchen die Angelegenheit zu einem so beruhigenden Endegeführt worden war.
„Du hast Deine Sache klug gemacht", lobte er,als Lene schwieg, und drückte die Hand des Mädchens.„Der Alte ist für seine Frechheit bestraft, und Du hastfürderhin Ruhe vor ihm."
Die hölzerne Wanduhr verkündete die zehnte StundeDie Base erhob sich und tastete nach dem Wandschrank,der ihr Gebetbuch enthielt.
„Es ist spät", wandte Lenchen sich, ebenfalls auf-stehend, an Georg, dessen Blicke deutlich erkennen ließen,daß er gern noch etwas gesagt hätte; „die Base ist müdeund gibt mir das Zeichen, daß sie die Vorlesung desNachtgebets wünscht."
Der junge Mann folgte dem Wink. Er verabschiedetesich und schritt dem ihm angewiesenen Schlafgewach zu.
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Trotz dem weiten Ritte fühlte Georg Selkow nochkeinen Schlaf. Die anregende Unterhaltung hatte Müdigkeitund Abspannung verscheucht. Er öffnete ein Fenster undschaute, ehe er sich ins Bett legte, wohl eine Stundelang gedankenvoll in das Thal, wo die Umrisse derHäuser des Städtchens gespensterhaft von dem dunkelnNachthimmel sich abhoben. Nach siebenjähriger Abwesen-heit war er heute zum ersten Mal wieder in die Heimathgekommen, wo er die goldenen Tage der Kindheit verlebthatte. Mit stiller Wonne dachte er an jene Zeit, ob-gleich das Glück, seine Eltern zu kennen, ihm versagtworden war. Die Mutter starb bei seiner Geburt, undder Vater, ein kaiserlicher Rittmeister, fiel ein halbesJahr später in der Schlacht. Ein Verwandter derMutter, Schloßhauptmann Lobau, nahm den verwaistenKnaben zu sich. So wuchs derselbe bis zu seinemzwölften Jahre unter der strengen aber liebevollen Zuchtdes Paters Vincenz mit Magdalenen, der Pflegetochterseines Wohlthäters, welche dieser einige Jahre späterebenfalls in seinen Schutz genommen, auf Schloß Groß-mxseritsch heran.
Schon damals hatte der kleine Georg für das zu-trauliche Kind eine herzliche Neigung empfunden und betden harmlosen Spielen stets dessen aufmerksamen Rittergemacht. Das Bild der Kleinen hatte ihn in die Fernebegleitet und die Erinnerung daran ihn vor mancher
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jugendlichen Thorheit bewahrt — kein Wunder, wennnun bei dem Wiedersehen die lieblich heraugeblühteJungfrau fast im Fluge einen hervorragenden Platz inseinem Herzen gewann.
Zum Besuch der hohem Schulen kam Georg nachPrag . Im zweiten Jahre seines dortigen Aufenthaltserlitt er einen schweren Verlust: sein Wohlthäter hattesich durch einen Sturz vom Pferdr eine schwere Er-krankung zugezogen, welcher er nach Verlauf einigerWochen erlag. Auf Georg's Lebensgang übte derTrauerfall vorerst keinen Einfluß. Die unbedeutendenErziehungskosten in der Klosterschule wurden von denErsparnissen des Paters Vincenz bestritten, so daß dasjugendliche Gemüth des aufgeweckten Studenten dieWirkungen der veränderten Verhältnisse nur wenig empfand.Dem Pater gelang es auch, die Aufmerksamkeit Wallen-steins auf seinen talentvollen Schützling zu lenken. NachAbsolvirung seiner Studien wurde der kräftig heran-gewachsene Jüngling, ohne vorher die üblichen Pagen-dienste gethan zu haben, sofort in daS Leibjäger-Corpseingereiht. Bei dieser Gelegenheit hatte er, achtzehnJahre alt, zum letzten Male die Heimath gesehen, ob-gleich er sich im unmittelbaren Gefolge des nachmaligenHerzogs befand, der wiederholt auf längere oder kürzereZeit nach Großmeseritsch kam. So oft dies jedoch ge-schah, hatte der Zufall den jungen Leibjäger nach einerandern Richtung geführt. Um so größer war seine Freudegewesen, als er dies Mal den hochwillkommenenDienst eines Boten des Gebieters erhielt.
Der schon seit mehr als einem Jahrzehnt Deutsch-land verheerende Krieg war damals an einem seinerHauptwendepunkte angekommen. Am 24. Juni 1630war der schwedische König Gustav Adolph, ohne eineKriegserklärung vorausgeschickt zu haben, in Pommerngelandet und hatte sich rasch durch die in Deutschland für ihn geworbenen Schaaren verstärkt, welche, vomKaiser entlassen, in ganzen Haufen den geheimen Werbe-Bureaux zugeströmt waren. Bald zeigte es sich, daß erden Truppen des Kaisers weit überlegen war. Er errangvon Tag zu Tag größere Erfolge und forderte auch dieentmuthigten Feinde des Kaisers in Deutschland zuerneutem Widerstand auf. Er predigte keinen taubenOhren.
So kam es, daß Kaiser Ferdinand schon nach kurzerZeit fast in der gleichen Lage wie bei seinem Regierungs-antritt sich befand, und den Herzog von Friedland, derihn schon ein Mal gerettet hatte, als seine letzte Hoffnungbetrachtete. Er sandte den Fürsten Eggenberg nachZnaim , wo der Herzog sich befand, und ließ ihn aus-forschen, ob er nicht geneigt wäre, abermals ein Heeraufzustellen und als General-Commandant an dessenSpitze zu treten. Mit berechnetem Zögern sagte derHerzog seine Dienste zu, aber nur theilweise, um siedesto theuerer verkaufen zu können. Bis künftigen März,erklärte er dem Fürsten , werde ein schlagfertiges Heerdastehen; die Befehlshaberstelle aber verbitte er sich.
Zum Erstaunen von ganz Europa war in der Thatbis zu der bestimmten Zeit ein Heer von vierzigiausendMann auf die Beine gebracht. Gustav Adolf selbsthatte gelächelt, als er von Wallenstein's Versprechungenhörte. Als er jedoch das Versprechen erfüllt sah, riefder König voll Verwunderung aus: „Das kann nurOesterreich und Meilenstein l"
Der Name des Herzogs und sein bei den Soldaten