„Was ist Wahrheit?" entgegnets Wollenstem mitdüsterer Miene, „nnd wer vermag in dem Drängen undWogen deS Lebens immer Gutes vom Bösen zu unter-scheiden? Was heute als ein Verbrechen erscheint, wärenach' hundert Jahren vielleicht eine Heldenthat, und denvon der Mitwelt Gepriesenen schlagen die Nachkommenoft mit grausamem Hohn an's Kreuz. Der Kaiser hat michan die Spitze eines Heeres gestellt, daS meinem Winkegehorcht, und mein fester Wille ist es, mit dieser Machtseine Feinde niederzuwerfen und ihn größer zu machen,als je einer seiner Vorfahren war! Ob dies Deutsch-land zum Wohl gereicht? Glaubst du, die Welt würdesich etwa schlechter befinden, wenn es mir nach Ver-nichtung der Gegner einfallen sollte, daß eine Herzogs-nnd eine Königs-Krone nicht sehr verschieden sind, unddaß der goldene Reif der Libussa auch dem Haupt meinesKindes passend st chanschließen würde?"
„Um Gottes willen, Albrecht," unterbrach ihn dieHerzogin erbleichend, „wo denkst du hin?"
„Sei ruhig," beschwichtigte Wallenstein , „es warnur ein Traum, der mir für einen Augenblick die Zukunftvorgaukelte.
„Wenn du mich liebst, wenn dein Herz für dieRuhe und das Glück der Deinigen schlägt, wenn deinSeelenheil dir mehr gilt als irdischer Tand," mahnteJsabella dringend, „so verbanne ein Gedankenspiel wiedieses! Nicht die That allein, sondern der Hochsinn,welcher selbstlos das Beste anstrebt, sichert die Bewun-derung und Anerkennung der Nachkommen. Auch vondir soll man nicht allein sagen, daß du den Kaiser unddas ganze Erzhaus gerettet, mau soll auch rühmend her-vorheben, daß du es ohne Eigennutz und Selbstsuchtgethan."
„Und wenn man mich dann trotz aller Versprech-ungen und Verträge abermals wegwerfen wollte, wie einschartiges Schwert, würdest du den gegebenen Rath nichtbereuen?"
„Nie," bekräftigte die Herzogin warm; „was immerfür die Zukunft von der Vorsehung beschicken sein mag,ich trage es muthig und ohne Murren mit dir. Nurweiche von dem Wegs der Wahrheit und des Nschtsnicht ab, auch wenn die Waagschale deines Glückes aber-mals sinkt. Mögen Bosheit und Neid triumphireu, ihrePfeile treffen uns nicht!"
Der Herzog schwieg. Nach und nach heiterte seinGesicht sich auf, und wie um den Nest der düstern Ge-danken wegzuscheuchen, strich er wiederholt über dieStirne.
„Mir ist nicht wohl in diesen Räumen," beganner nach einer Weile, „und ich gedenke nicht lange hierzu bleiben. Alles erinnert mich an Dinge aus ver-gangener Zeit. Es ist mir, als stände ich in diesemSchloß unter dem Einfluß eines bösen Dämons, der essich zur Aufgabe macht, meine Wege zu kreuzen. Hättenicht die Hoffnung auf Entdeckung der vermißten Papieremich bewogen, ich würde keinen Fuß mehr in die un-heimliche Burg gesetzt haben. Doch es ist Zeit zur Tafel.Sei heiter, Jsabella, und recht vorsichtig im Gespräch mitEggenberg !"
Sie verließen den Raum und schritten dem Speise-saale zu. Bei der Tafel herrschte fürstlicher Aufwand,und Alle sprachen mit sichtbarem Wohlbehagen dem Ge-botenen zu. Nur Wallenstein und Eggenberg bliebenmäßig und beobachteten eine auffallende Zurückhaltung.
Nur schwach wurde in das von Wallenstein auf denKaiser ausgebrachte Hoch eingestimmt, so daß der Ge-sandte desselben sich verletzt fühlen mußte, um so mehr,als bei Pappenheim's Trinkspruch auf den Herzog vonFriedland, als die Seele der Armada, lauter Jubel aus-brach. Wallenstein hatte Mühe, die Begeisterung, welcheihm von allen Seiten entgegengebracht wurde, uiederzuhalten. Er hob endlich, als Aeußerungen zu fallen an-fingen, die nicht für Eggenberg's Ohr bestimmt waren,die Tafel auf.
4 .
Georg war, um seinem speciellen Auftrag, der Auf-spürung des vermißten Kästchens, alle Zeit widmen zukönnen, vom Dienst beim Herzog dispensirt, und ärgertesich nicht wenig, daß er in Folge dessen das wichtigeEreigniß des Tages nicht Mitfeiern durfte. Um seinen Un-muth zu vertreiben, entfaltete er einen um so größeren Eifer indem vertraulichen Amt. Er sah jedoch nachgerade ein,daß er auf dem bis jetzt eingeschlagenen Wege zu keinemErgebniß kam. Wenn man das Kästchen absichtlich ent-fernt hatte, so mußte das offenkundige Vorgehen denoder die Diebe nur noch vorsichtiger machen. Er be-schloß, in mehr versteckter Weise auf Kundschaft sich zulegen, um mit List das zu erreichen, was ihm durch Ge-walt nicht gelang.
Aus den Mittheilungen Lenchens über die HeirathS-angelegenheit hatte er den Schluß gezogen, daß Leßliemit der Familie des Schloßvogts Ambrosius Kamatschin vertrautem Verkehr stehe. Diese Spur schien ihm fürseinen Plan nicht ohne Bedeutung zu sein. Vielleichterhielt er durch Ausforschung der geschwätzigen Vögtineinen Wink. Da er den ihm stets wohlwollenden Leutenohnehin einen Besuch schuldig war, machte er sich sofortauf den Weg.
Als er vor dem Eingang in das Wohnzimmer an-kam, hörte er eine männliche Stimme, die ihm bekanntschien. Er blieb nicht lange im Zweifel. Die Thüreging auf, und mit strahlendem Antlitz zeigte sich dieFrau des Schloßvogts. Die Augen der wohlgenährtenMatrone bekamen bet dem Anblick des jungen Manneseinen noch Hellern Glanz. „Ei, du meine Güte," riefsie und schlug'die Hände zusammen, „daist ja der JunkerGeorg. Denkt nur, mein Martin ist auch von Sagangekommen l Er bleibt ganze zwei Wochen oder am Endenoch länger bei nns. Spaziert nur hinein; ich gehe, umeinen Trunk und Imbiß zu holen."
Georg betrat das Zimmer und stand einem Mannegegenüber, der ungefähr in der Mitte der dreißiger Jahresich befand. Er trug, gleich dem Leibjäger, die Abzeicheneines kaiserlichen Lieutenants, nur statt des Degenseinen schweren Schleppsäbel. Der untere Theil deS Ge-sichtes war von einem dichten schwarzen Barte bedeckt.
„Es freut mich, Georg," sagte Martin, „dichwieder zu sehen; du kamst ohne Zweifel mit dem Herzoghierher?"
„Ja," erklärte dieser, „um wieder mit ihm zuziehenund zwar voraussichtlich sehr bald. Wie man hört, gehtder Tanz in den nächsten Tagen schon los!"
Ein Schatten flog über Martin's Gesicht. „Es isteine verwünschte Geschichte," brummte er, „daß ich aneuerm Siegeszug nicht Theil nehmen darf. Ich mußunthätig zuschauen, wie ihr euch mit Ruhm und Ehrebedeckt; denn ob die Herzogin hier bleibt oder ob sie