Ausgabe 
(24.1.1896) 7
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knatterte es, wenn heute auch die Infanterie nur wenigerins directe Feuer kam. Das sah nicht nach Ruhe aus.

Die 3. Brigade, welche nördlich von Beaumont inBereiischaftsstelluug aufmarschirt war, wurde durchGeneral v. d. Tann um 10 Uhr ebenfalls gegen denrechten Flügel geschickt. Während nun gegen den vonVillermain anrückenden Feind die Nachts eingetroffenenErsatztruppen der 1. Division ein lebhaftes Feuergefechtführten, ging Hauptmann v. Schleich mit dem 1. Ba-taillon des 3. Regiments nach Schloß Coudray vor undließ es zur Vertheidigung einrichten. So war der rechteFlügel geschützt, zn dem auf Befehl deS Generals v. d. Tann hier eine stattliche Reihe von Batterien wirkten. Aberauch am heutigen Tage wurde eine Batterie gefechts-uufähig und mußte Hauptmann Stadelmann seine Ge-schütze zurücknehmen. Die Anforderungen an unsereArtillerie waren in diesen Tagen eben ganz unglaubliche.

Während wir Bayern also nur bestrebt waren, dieStellung zu halten, führte die 17. Division den eigent-lichen Kampf bei Origny durch. General Chanzy sahübrigens jetzt auch ein, daß heute das nicht mehr mitermüdeten Truppen zu erkämpfen war, was er seit dreiTagen mit großer Uebermacht nicht erreicht habe. Vielleichtwußte er, daß eben eine ausgeruhte deutsche Truppe,die 19. preußische Division, angerückt sei. Zu viel wußteer allerdings nie, aber er gab gegen Abend den Gedankenan weiteren Widerstand auf und befahl den Rückzug.

Als es dunkel geworden war, rückten wir Zehnerzur Ablösung der Brigade Orff nordwärts an der Straßevor. In der Höhe von Beauvert bezogen wir Vorposten,was bekanntlich im Dezember nicht sehr erfreulich ist.Nacht und Nebel lagerten über den Aeckern, und ichstolperte beim Aussetzen der Vedetten fortwährend übergefrorene kleine Hügel, die sich am andern Morgen alszusammengetragene Gefallene entpuppten. Die Nachtwar entsetzlich kalt, Feuer zu wachen war verboten, undso suchten wir uns durch Cognac zu erwärmen, wasbekanntlich nur für kurze Zeit hilft, und worauf mandann noch mehr friert. Die eisige Nacht verging nichtohne Trost, denn wieder erschien Kleemann mit seinemWägelchen, in dem sich die wollenen Decken MehrererOfficiere befanden.

Als die matte Wintersonne des 11. Dezember ihrLicht verbreitete, sammelte das I. Armee-Corps bei Nilly.Wir hatten Befehl stehen zu bleiben und nicht mehrschießen zu lassen. Man sah auch nur in der Entfernungeinrge Spahis herumreiten, was sich auf den Schnee-feldern recht interessant ausuahm. Ah nun kam dieNachricht vom Abzug des Feindes! Nun werden wirdie Thürme von Orleans wiedersehen! Und wirklich er-blicken wir bayerische Kolonnen, welche nordostwärtsziehen. Aber wir was ist's mit ^uns? Kommenwir denn gar nicht daran? Nein, wir kamen nichtdaran, sondern wir sammelten und marschirtenes thaute plötzlich auf grundlosen Wegen nach Josnes,nach dem Neste, in dem der Einäugige vor Kurzem seineGenerale angefeuert hatte. Es war nämlich die 4. Bri-gade Menburg nebst den Batterien Neu, Carl undGruithnisen ein Häuflein von 1700 Mann demGroßherzog zugetheilt geblieben. Der hohe Herr hatteursprünglich eine 3. Division aus Bayern zu bilden be-absichtigt, aber General v. d. Tann widersetzte sich demund legte dar, daß er Orleans , zumal ja die Straßevon BonrgeS her noch unsicher war, mit dem kleinen

Nest des Corps nicht vertheidigen könne. Hatten dochdie Bayern in den letzten Tagen 88 Officiere und 1986Mann eingebüßt und seit 1. Dezember überhaupt 245Officiere und 5506 Mann als kampfunfähig verloren!

So blieb es der 4. Brigade vorbehalten, auf offenemFelde nochmals vor den Feind zu kommen. Am 14. Dez.waren die Mecklenburger auf hartnäckigen Widerstandgestoßen. Die 17. Division hatte zwar Frsteval be-hauptet, sah sich aber dann genöthigt, nachts den Ortaufzugeben. General von Rauch war mit einem De-tachement bis Morse gekommen und hatte sich zwischendieser Stadt und La Nuelle am 15. Dezember gehalten.Am 16. gedachte der Großherzog den Uebergang überden Loir-Bach zu forciren und befahl zn diesem Zweckedas Heranrücken aller seiner Abtheilungen.

Schon während des Anmarsches wurde Majorv. Schönhueb mit seinem Bataillon nach Moisy entsendet.Es war nicht ausgeschlossen, daß der Uebergang miß-linge, und von diesem Dorfe aus konnte dann derRückzug gedeckt werden. Die Brigade selbst stand um9 Uhr in einer Terrainmulde bei La Guiconniöre.Später führte Hauptmann v. Kraft das 2. Bataillonder Zehner nach rechts hinaus und besetzte einige Höfe,welche ungünstig in der Flanke lagen. Der ganze Vor-mittag verging mit Zuwarten. Wir sahen den preußischenUlanen zu, wie sie vor dem Waldsaum Achter ritten,wir horchten nach der Richtung hin, in der es knallte,die Stunden wurden uns entsetzlich lange. Ich unter-hielt mich dann mit einem Lieutenant des 10. preußischenUlanen-Negiments über das Walzertanzsn, und wir er-örterten die Frage, ob Sechsschritt auf vornehmen Bällenerlaubt sei. Er hatte aufgesprungene Stiefel an, und ichwar von oben bis unten voll Schmutz beide alsonicht im Mindesten ballfähig.

So um 1 Uhr traf dann der Befehl des Groß-herzogs ein, das Detachement Rauch bei Morse abzulösen.Den Vormarsch begann das Bataillon Heeg der Zehner.Das Feuer, welches bisher dumpf und vereinzelnt ausdem Thalgrunde heraufgeschallt hatte, verwandelte sichjetzt in ein heftiges Geknatter. Das waren die Truppendes Generals Chanzy, der seine Armee auf der LinieVendömeCloyes vereinigt hatte, und sie waren augen-blicklich daran, Morse zurückzuerobern. Auf der Straßekonnte man nicht marschiren, denn sie wurde vom jen-seitigen Ufer aus durch Geschütze beherrscht.

Major v. Heeg führte nun fein Bataillon in einermit Gras bewachsenen Mulde vor und stellte es bei LaRuelle als Unterstützung der Preußen auf. Bald er-schienen aber auch nördlich bei La Bliniöre und an derSüdlisiöre des Waldes von St. Claude die Franzosenmit Infanterie und Geschützen. Da sollte nun Haupt-mann Meier mit dem 3. Bataillon der Zehner rechtsder Straße Stellung nehmen. Es war ein Plateau,das nach rechts der Wald begrenzte, das gegen dieStadt hin tief an den Bach abfiel, und das aus demlehmigsten Ackerboden bestand, den ich je gesehen habe.

Ja, was ist denn das?" rufen wir Officiere aus,aber da steckt auch schon der eine unserer Stiefel imBoden. Vielen Leuten wurde das ewige Stiefelanziehenund -Verlieren zu langweilig, und sie wateten in Sockeneinher. Die Strumpfschlacht haben wir später das Gefechtbei Morse getauft. Endlich haben wir die Stellungerreicht und bilden gegen den Wald hin eine lange,dünne Plänklerlinie. Ich hatte Glück, denn gerade bei