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meiner Compagnie befand sich der einzige TannenLaumauf weitem Gefilde, und unter ihm befand sich ein trockenesGraSfleckcken. Links drüben lagen mehrere Gebäude,zu deren Besetzung nun das 1. Bataillon der Dreizehneranrückte. Auch diese Mannschaften haben die Stiefel-noth, und der tapfere Oberst Isenburg, der im heftigstenFeuer seinen Schimmel nicht verließ, war heute genöthigt,zu Fuße einherzuwandern, weil die Pferde zu tief ein-sanken. Unter diesen Verhältnissen konnte unsere Artillerienicht verwendet werden. Während wir ein hinhaltendesFeuergefecht führen, hören wir, wie t« Thale um dieStadt lebhaft und lebhafter gekämpft wird. OberlieutenantDaser eilte mit zwei Compagnien des Bataillons nachlinks an die Straße und dann inS Thal nach der Stadt.Auch ein Halbbataillon Dreizehner nahm den gleichenWeg und brachte den Neunundachtzigern Unterstützung.Die Franzosen waren schon bis an die ersten Häuserherangekommen, nun gelang es, sie gehörig heimzuschicken.
Unterdessen wurde am Plateau das Feuer schwächer,und ich beobachtete, wie sich eine Art militärischenWunders vor weinen Augen vollzog. Unsere braveArtillerie hatte fortwährend das Auffahren versucht, undjetzt war es nach nicht beschreibbaren Mühen auf einemganz schmalen Raine endlich gelungen, jetzt blitzte es —direct hinter mir — aus 14 Geschützen auf. „O Tannen-bauml" kam's von meinen Lippen, denn augenblicklicherwiderte die feindliche Artillerie das Feuer, und ihreerste Lage ging gerade auf meinen Tannenbaum zu.Das wechselte dann ab. So und so viele Granaten anden arg zugerichteten Baum — die anderen immer inden Lehmboden vor unsern Batterien, und ich sah, nach-dem ich mich vor den Baum gelegt hatte, gemüthlich zu,wie die eisernen Kegel unschädlich im Koth stecken blieben.
Es war dunkel geworden, und wir sammelten ander Straße, um nach der Stadt zu marschiren, dieGeneral Rousseau nicht hatte erobern können. DieQuartiere waren sehr gut, aber man fand auch in derganzen Stadt nichts zu essen. Durch die Fenster eineshübschen Salons sah ich auf den moudbeschienenenMarktplatz hinab. 10 Uhr Nachts, und ich hatte michnoch nicht entschließen können, in die saueren Aepfel zubeißen, welche mein Hauswirth als einzig Genießbaresherbeigebracht hatte. „Wäre der Kleemanu da!" dachteich und da vernahm ich Wageugerassel und erkannte imMondschein meinen Schimmel. Ja, man mußte sichstärken, denn es hieß, daß die die Stadt beherrschendeHöhe mit 100 Kanonen besetzt sei, und daß am Morgeneine fürchterliche Schlacht entbrenne. Zudem sollte icham Morgen mit der Compagnie eine Stellung am Loir-bach vor der Stadt beziehen.
So brach der 17. Dezember an, und dichter Nebellagerte über dem Thal. Mit der Karte in der Handeilte ich herum und zeigte den Unterosficieren ihreStellungen.
„No", sagte einer hinter mir zu seinem Kameraden,»jetzt sind mir so lang dnrchkomma, aber heut sän miralle hin."
Als ich dann in der Stadt Meldung erstattete,brach sich gerade die Sonne Bahn, und man sah vonder Straße in das reizende Thal hinaus. Krachte esdenn noch nicht aus hundert Schlnnden? Da fährt dergrüne Landauer des Generals N. v. d. Tann einher,und schmunzelnd begrüßt uns der Brigade- Anditeur.
«Ja, da sind doch die Franzosen sicher abgezogen!"riefen wir aus und es war so.
Bald überschritten wir den Loir und zogen diesteile Halde hinan. Friedlich lag das Städtchen imWtntersonnenglanze hinter uns. Ich sah zurück, undmein Blick flog bachaufwärts, dahin, wo eine meinerWachen hätte stehen sollen. Dort befand sich ein kleinesHaus, das im gestrigen Kampfe die französischen Granatenarg zugerichtet hatten. Eine Granate hatte sich mit deneisernen Warzen gerade ober der Thüre in den Mörtelgegraben und hing nun als gefährlicher Hausschild solange fest, bis eine kundige Hand sie entfernen konnte.Machte man einige Schritte bachaufwärts, dann gelangteman an eine im Gebüsch versteckte Kapelle. EntlaubteSträucher, mit rothen Beerendolden behängen, umgabensie, hinter ihr murmelten die Wellen des klaren Baches.Die Thüre war heute morgens halb geöffnet gewesen,und es hatte mich gedrängt, das kleine Gotteshaus füreinen Augenblick zu betreten. Vor Allem fiel mein Blickauf einen Feind, der an den Stufen des Altars, dieRechte wie Rettung suchend und nach dem Heilandgreifend, noch erhoben, kauerte. Nun gewahrte ich, daßer todt war. Unbeschreibbarer Friede lagerte über denwachsbleichen Zügen und ich ging sinnend von bannen. —
Nach einigen Tagen führte Oberst Graf Menburgdie 4. Brigade nordwärts der ersehnten Ruhe entgegen.Der Kronprinz von Preußen begrüßte durch einen Tages-befehl das I. bayerische Corps bei feinem Wiedereintrittin den Verband der III. Armee und General v. d. Tann erhielt den im Kriege 1870 nur selten verliehenen Ordenxonr 1s msrits.
Wir hatten gehofft, daß an Weihnachten auch dieMenschen „Friede auf Erden I" singen würden, wir hattenuns getäuscht. Auch am Sylvesterabend ließen wir inArpajon die Punschgläser mit dem Wunsche „BaldigeHeimkehr!" erklingen. Es war umsonst. Noch solltenwir das Bild der großartigsten Belagerung in diesemJahrhundert schauen — doch davon das nächste Mal.
(Fortsetzung folgt.)
Sonne und Mond.
Die beiden Hauptgestirne des Himmels, die Sonne,der wir das Bestehen allen organischen Lebens auf derErde verdanken, und der Mond, dessen Erscheinen be-sonders die Bewohner der Polarzonen der Erde in denmonatelangen Polarnächten mit neuer Lebensfreude er-füllt, haben zu allen Zeiten, in denen Menschen dieErde bewohnen, den Forschnngstrieb angeregt, und sehrmannigfaltige Ansichten über ihre Natur haben die Geisterin den verschiedenen Jahrhunderten beherrscht. Wennman die Geschichte der verschiedenen Sonnen- und Mond-theorien verfolgt, so erkennt man wieder die auf denverschiedenen Gebieten der Naturwissenschaft auftretendeErscheinung, welche darthnt, daß die Fortschritte, welcheviele Jahrhunderte in der Erforschung der Natur-erscheinungen gezeitigt haben, minimal sind im Vergleichezu jenen, welche uns besonders die letzten Jahrzehnteunseres Jahrhunderts gebracht haben. Und weiter hakgerade die jüngste Vergangenheit so durchgreifende neueAnschauungen über das Wesen der beiden Hauptgestirnegezeigt, daß man sie der allgemeinen Antheilnahs» ver-sichert halten darf.