Die Sonne.
Drs Anwendung des Fernrohrs auf die Himmels-körper seit dem ersten Viertel des 17. Jahrhundertsund der Spektralanalyse seit der Mitte unseres Jahr-hunderts haben zuerst einen so wesentlichen Einfluß aufdie Anschauungen über die Natur der Himmelskörper undganz besonders der Sonne ausgeübt, daß man die erstengrundlegenden Anschauungen über das Wesen der Himmels-körper, den mehr philosophisch begründeten der früherenJahrhunderte gegenüber, erst von diesen beiden Epochenan rechnen kann. Während die Sonne im Alterthumvon Anaxagoras für einen glühenden Eisenklnmpen, vonEuripides aber für einen Goldklumpen gehalten wurde,erklärte sie in neuerer Zeit der KönigSberger PhilosophKant für ein flammendes Feuer, einen wirklich flammen-den Körper, der sich nicht erschöpfe, sondern durch sichselbst mehr Stärke und Heftigkeit bekomme. Der großeHimmelsforscher W. Herschel stellte die Ansicht auf, daßder Sonnenkörper an sich dunkel sei, ähnlich den Planeten.Diesen dunklen Körper umgiebt aber eine dreifache Schichtgasartiger Umhüllungen. Die dem Sonnenkörper amnächsten liegende Schicht ist durchsichtig und elastisch,ähnlich unserer Atmosphäre, und ebenso von großer Höhe.Sie ist bis in sehr große Höhen durchsichtig, klar undfarblos und hat keine Wolkenbildnng. Die zweite, hier-über lagernde Schicht besteht aus einer Wolkendecke, derenTheile nahe, wie in unserer Atmosphäre, neben einanderlagern. Diese Schicht ist ebenfalls elastisch und durch-scheinend. Die dritte äußerste Schicht, ist von andererBeschaffenheit als die beiden innern; sie besteht ausleuchtenden Wolken, ein Lichtmantel, der uns die Durch-sicht nach dem eigentlichen Sonnenkörper verhüllt. Wennaber zuweilen Nisse in diesem Lichtmantel entstehen odergrößere Trennungsgebiete, so erscheint uns dadurch dieuntere, zweite Schicht graulicher Wolken fleckenweise sicht-bar, und wenn auch diese sich zeitweilig spaltet, so wirduns durch diese der eigentliche dunkle Sonnenkörper sicht-bar, und wir sehen durch die in der Lichtsphäre und derWolkensphäre entstandenen trichterförmigen Oeffnungendie dunkelgefärbten Landschaften, Berge, Gebirge deseigentlichen Sonnenkörpers. Es sind dies die großen,schwarzen Flecken, welche bald vereinzelt, bald in zahl-reichen Gruppen auf der Sonnenscheibe erscheinen undwieder verschwinden, die sogen. Sonnenflecken. Herschelwar aus religiösen Gründen zu der Ueberzeuguug ge-langt, daß die Sonne von organischen Wesen bewohnbarsei, und zwar sollte die dunkle Oberfläche des eigentlichenSonnenkörpers die Wohnstätte der Sonuenbewohner sein.Diese im Anfange dieses Jahrhunderts von W. Herschelaufgestellte Sonnentheorie hat sich fast ein halbes Jahr-hundert in der Wissenschaft unangefochten erhalten. Manhatte eben durch sie eine ebenso gute und vollständigeErklärung der auf der Sonne beobachteten Erscheinungen,wie sie nur eine der bis dahin aufgestellten Theorienleistete. Aber diese und jede andere auf die Annahmeeines festen Sonnenkerns gegründete Sonnentheorie —so jene von Lalande, der die Sonnenflecken für dieGipfel von Sonnenbergen hielt, welche sich, wie Inselnim Feuermeere, über die leuchtende Oberfläche erheben —mußte fallen, als die neuere Physik darthat, daß bei derhohen Temperatur der äußeren Sonnenschicht daS Innereder Sonne gasförmig sein müsse. Jetzt trat nun eswar im Jahre 1868 — eine neue, auf diese Errungenschaftder Physik gegründete Theorie auf, welche der Franzose
so —
Fähe uno ver Italiener Secchk inaugurirten, und diein der That so einfach uns bestechend erschien, daß siedie dominirende Stellung unter den Sonnentheorien ein-zunehmen begann» als die inzwischen herangereiftenFrüchte der Spektralanalyse der Gestirne auch ihr denBoden entzogen. Nach ihr sollten die SonnenfleckenOeffnungen in der die zentralen Theile der Sonnen-körper umgebenden Schicht, der Photosphäre, sein, durchwelche Gasmassen aus dem Innern hervorbrechen. Mannimmt gegenwärtig mit gutem Grunde an, daß der zentraleTheil der Sonne hauptsächlich aus einer Gaswaffe vonungeheuer hoher Temperatur besteht, während der sicht-bare Theil der Sonne, um jenen gelagert, die Photo-sphäre heißt; dicht über dieser leuchtenden Oberflächezeigt sich noch eine roseufarbige Schicht gasförmigerMaterie, die Chromosphüre, die sich hier und da überdas allgemeine Niveau erhebt und die Proiuberauzen,jeue bei totalen Sonnenfinsternissen hell hervortretendenfarbigen Lichierscheinungen, bildet. Es müßten nun dieKerntheile der Sonneuflecke deshalb dunkler erscheinen,weil die aus dem Innern hervorbrechenden Gaswaffenein geringeres Strahlungsvermögen besitzen, als jeneleuchtenden Theile, aus denen die Wolken der Photosphärebestehen. In diesem Falle müßte aber das Spektralbildder Sonnenflecken aus hellen Linien bestehen. Da nundie Spektralöeobachtnng aber im Gegentheil ergab, daßdas Spektrum der Kernflecken aus dunklen Absorptkons-bändrrn besteht, so können es auch nicht glühende gas-förmige Massen sein, die aus dem Innern hervorbrechen,sondern es muß herabsinkende, kühlere und wenigerleuchtende Materie aus den oberen Schichten der Sonneu-atmosphäre sein, welche die Fleckenerscheinung hervorruft.
Es haben dann Fähe und Secchi zwei verschiedeneTheorien über die Sonnenflecken aufgestellt, welche beideauf verschiedenen Seiten Anklang fanden. Nach Fayesind die Sonnenflecken durch Stürme auf der Sonneerzeugt. Die Photosphäre wird aus den Niederschlügender aus dem Innern der Sonne aufsteigenden Dampf-massen gebildet. Sie kommen also aus Schichten derSonnenkörper, die eine sehr verschiedene Entfernung vonder Umdrehungsachse der Sonne haben. Dadurchentstehen dem Aequator parallel gerichtete Strömungen,so daß die verschiedenen Theile der Photosphäre ver-schiedene relative Geschwindigkeiten haben. Diese in denmittleren Zonen am stärksten auftretenden verschiedenenGeschwindigkeiten bewirken nun eine Wirbelbewegung, diezu Cyklonen oder trichterförmigen Strudeln führt, wiebei den irdischen Tornados, die ebenso wie auf derSonne oben beginnen sollen und auf die feste Oberflächeheruntersteigen. Diese Theorie erklärt die Verthetlnngder Sonnenflecken in zwei zum Aequator parallelenZonen, und sie findet in der thatsächlich verschiedenenrelativen Geschwindigkeit benachbarter Theile der Photo-sphäre eine starke Stütze. Auch die vielfach auf derSonne beobachteten Theilungen der Flecken und die Weise,in der diese geschieht, wird durch Fayes Theorie gut er-klärt. Dagegen widersprechen die Thatsachen, daß nurwenige Flecken der Sonne jene Wirbelbewegung zeigen,und die mangelnde Regelmäßigkeit in der Rotations-richtung der Flecken der Theorie vollständig.
Scechi nahm dagegen zuletzt an, daß durch Eruptionenmetallische Dämpfe aus dem Innern die Photosphürevielfach durchbrechen und an die Oberfläche gelangen.Nachdem sie einen großen Theil ihrer Wärme an den