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kalten Weltenraum verloren haben, sinken sie wieder aufdie Photosphäre herab und bilden Vertiefungen in ihr,welche von den dunkleren, absorbirenden Gasen angefülltwerden. Indessen auch diese Theorie, nach welcher manein viel zerstreuteres Auftreten der Fleckenerscheinungenerwarten müßte, und einige weitere neuere mit Umsichtund Scharfsinn aufgestellte Theorien über das Wesen derSonne und die Entstehung der auf ihr beobachteten Er-scheinungen waren noch nicht im Stande, alle Vorgängeauf der Sonne so befriedigend zu erklären, daß mandas Problem als wirklich gelöst betrachten konnte. Immer-hin konnte man annehmen, mit den neuesten Sonnen-iheorien sich der Wahrheit wenigstens soweit genähert zuhaben, daß der Bau des Sonnenkörpers in großen Zügeneinwurfsfrei skizzirt erschien, und daß die auf der Sonnebeobachteten wcchselvollenErscheinungen inUeberetnstimmungmit den Beobachtungen auf die äußere Sonnenoberflächezu verlegen seien.
Um so größer war die Überraschung, als die Astro-nomen jüngst durch eine neue, von Herrn Gymnasial-professor Schmidt herrührende Sonnenthcorie beschenktwurden, welche die auf der Sonne beobachteten Erschein-ungen unter einem ganz neuen Gesichtspunkte erklärte.Schmidt suchte durch mathematisch strenge Beobachtungenund unter der Annahme, daß die Sonne ein Gasballfei, dessen Dichte vom Mittelpunkte nach dem Rande zuabnimmt, zu beweisen, daß die Strahlenbrechung aufder Sonne in ganz anderer Weise wirksam ist, als manbisher für die Himmelskörper annahm, und daß demzu-folge die zum Theil verwickelten Erscheinungen, welchewir an der Sonnenoberfläche beobachten, sich gar nichtdort abspielen, vielmehr durch eine eigenthümliche Strahlen-brechung als Boten aus den tieferen Schichten desSonnenkörpers an die Sonnenoberfläche gespiegelt werden.So werden die Sonnenflekken als Gleichgewichtsstörungenim Innern der Sonne, die bekannten Auszackungen amSonnenrande auf Nefraktionserscheinungen zurückgeführt.Die prachtvollen Lichterscheinungen am verdunkeltenSonnenrande (bet totalen Sonnenfinsternissen) sollenihren Ursprung lediglich in außerordentlichen Refraktionenhaben, während man doch allgemein diese hoch über denSonnenkörper emporschießenden farbig leuchtenden Wolkenals eine reale Erscheinung ansah und sie dahin versetzte,wo man sie sah. Schmidt dagegen verlegt das Licht,das die Protuberanzen schafft, in ein Gebiet der Sonne,welches unter ihrer scheinbaren Grenze liegt. Auch dieSonnenfackeln, intensiver glänzende Stellen der Sonne,erklärt Schmidt als Produkte unregelmäßiger Strahlen-brechung. So wie er nun ferner den Sonnenball alsdurchaus gasartig ansteht und also eine Grenze zwischeneinem Sonnenkörper und einer Sonnenatmosphüre ver-neint, so erklärt er auch die scharfe äußere Grenze, denSonnenrand, für das Produkt regelmäßiger Strahlen-brechung in einer Atmosphäre, deren Dichtigkeit an derscheinbaren Grenze viel geringer ist, als die Dichtigkeitder Luft an der Oberfläche der Erde.
Es hat einige Zeit gedauert, bis von fachmännischerSeite kritische Aeußerungen über diese neue, umstürzlerischeSonnenthcorie erfolgten. Auf der einen Seite erschienendie streng exakten Betrachtungen und mathematischen Be-gründungen der Neuen Anschauungen, deren Grundlagensich noch an den Namen des berühmten MathematikersKummer knüpften, nicht geeignet, kurzer Hand widerlegtzu werden; auf der anderen sträubte sich das wissen-
schaftliche Denken gegenüber der Zumuthung, lange Jahr-zehnte regelmäßig auf der Sonne beobachtete reale Er-scheinungen plötzlich als Gesichtstäuschungen, hervorgerufendurch Vorgänge im inneren Sonnenkörper, erklären zusollen, um so mehr, als dem naturwissenschaftlichen Denkeneine Vorstellung, wonach Bildungen durch Lichtstrahlendurch die Masse eines Himmelskörpers hindurch an seineOberfläche reflektirt werden können, ganz fremd war.
Diese Forderung der Schmidtschen Sonnenthcorieist es nun hauptsächlich, daß, trotzdem ihr inzwischen insehr eingehenden mathematischen Abhandlungen neue Be-gründungen von anderer Seite erwachsen sind, sie inden Kreisen der Fachleute nur wenige Anhänger findet.Man widerlegt die entwickelten Anschauungen und dieMöglichkeit der Existenz von Himmelskörpern, welche sichin den Nahmen der Schmidtschen Folgerungen einfügen,nicht Prinzipe!!, aber man hält es für sehr unwahrschein-lich, wenn nicht für ausgeschlossen, daß gerade bei unsererSonne jene Voraussetzungen zutreffen. Erscheinungen wiedie periodischen Sonnenflekken, die anhaltenden Sonnen-fackeln, die Protuberanzen als Reflexe von gewissenSpannungsflächen im Sonneninnern anzusehen, scheintbei der leichten Beweglichkeit der Sonnenmaterie so un-wahrscheinlich wie die ungehinderten Durchgänge der Licht-strahlen durch den Sonnenkörper an seine Oberfläche.
Eine größere Aussicht, die an der Sonne beobachtetenVorgänge und Erscheinungen in einer den wahren Ver-hältnissen auf der Sonne entsprechenden Weise ausreichendzu erklären, bietet nun aber eine jüngst von E. v.Oppolzer in Wien ausgestellte Theorie. Sie hat dasmit den zuletzt genannten neueren Anschauungen überden Sonnenkörper gemein, daß sie die Dichtigkeit derGase des Sonnenkörpers vom Mittelpunkte nach denNandschichten zu in starker Abnahme voraussetzt, und sienimmt für die äußersten Schichten, von der Photosphärenach außen, eine ganz enorm dünne Sonnenatmosphürean. Unter dieser Annahme behandelt nun Oppolzer dieBewegnngsvorgänge auf der Sonne nach den Gesetzender mechanischen Würmetheorie und versucht die an unsererErdatmosphäre studirten Bewegungserscheinungen auf dieVorgänge in der Sonnenatmosphüre zu übertragen. Ssist es ihm in der That gelungen, die Entstehung undalle Erscheinungen der Sonnenflekken als Vorgänge inder Sonnenatmosphüre nach allgemeinen Bewegungsgesetzender Atmosphären zu erklären. Wie die in unserer Erd-atmosphäre nachgewiesenen absteigenden Luftströmungen,die in aufsteigenden und umlaufenden Strömungen zu-nächst begründet sind, müssen solche auch auf der Sonnen»atmosphäre auftreten, und sie erzeugen dann an einerbestimmten Stelle oberhalb der Photosphäre eine Tem-peraturerhöhung — Oppolzer nimmt die Temperatur derPhotosphäre nach älteren Strahlungsbeobachtungen zwischen20,000 bis 100,000 Grad an; es ist aber nach demVerhalten gewisser Spektrallinien nach neueren Pots-damer Messungen anzunehmen, daß die Temperatur deräußeren Photosphärenschicht unter 20,000 Grad liegt undwahrscheinlich nicht 10,000 Grad übersteigt — wodurchdie verdichteten Stellen der Photosphäre aufgelöst wer-den und so eine starke Aufklärung entsteht, die als eineEinsenkung in die Atmosphäre der Sonne erscheint; dieStelle, an der nun eine stärkere Ausstrahlung aus denunteren Theilen und Abkühlung stattfindet, erscheint alsdunklere Stelle, als Sonnenfleck. Während aber derabsteigende Strom eine Erwärmung hervorruft, findet