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einen Augenblick die Schwäche anderer Menschen getheilthabt, mag Euch jetzt vielleicht eine Genugthuung sein.Aber aus diesem unschuldig vergossenen Blut wird einRache-Engel aufsteigen, der drohend sein Schwert biszu dem letzten Athemzuge über Eurem Haupte schwingt!"
Wallenstein war mit verschränkten Armen vor denPater getreten. Der Blick des gewaltigen Mannes warfest auf ihn gerichtet. Das blaue Auge desselben blicktejedoch ruhig zu ihm auf.
(Fortsetzung folgt.)
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Bor fünfundzwanzig Jahren.
Von Friedrich K o ch - B r c n b c rg.
(Fortsetzung.)
Während wir vom Corps v. d. Tann an der Loire uns in offener Feldschlacht herumschlugen, hatten die Of-fiziere und Mannschaften des II. bayerischen Armeecorpsvor Paris nicht minder beschwerliche Tage zu bestehen.
Vom 19. September an war die Capitale derarteingeschlossen, daß sie höchstens vermittelst Luftballonsverlassen werden konnte. Natürlich kamen jetzt auch dieBrieftauben sehr zu Ehren; der Vorschlag eines schlauenKopfeS aber, die wilden Thier des furcüu äe8 xlantssgegen uns loszulassen, datirt erst aus späteren Tagen.Die Civilisation war, wenn sie auch bald durch die Com-mune eine heftige Quetschung erfahren sollte, doch imJahre 1870 schon so weit vorgeschritten, daß man dieBestien, um sie auf den Feind zu dressiren, nicht einst-weilen mit gefangenen Preußen oder Bayern fütterte.
Das „?a.ri8 ns 86 rsnäsra zumahl" ertönte all-überall, und inner- und außerhalb der Stadt war jederFranzose überzeugt, daß die Deutschen unter der Enceinteihr Leben aushauchen mußten. Ja, diese Deutschen standennun in einem Zeitraum von kaum 60 Jahren zum drittenMale vor der Seinestadt. Diesmal waren sie allein ge-kommen und wurden nicht wie 1814 von den Damen desAdels mit offenen Armen empfangen; diesmal war keinsüßlicher Alexander, kein lustiger Regent von England, kein gutmüthiger Friedrich Wilhelm mit einer UnzahlDiplomaten erschienen, es gab keine Bälle, keine Soiräen,keinen Pudding ü 1a Nesselrode, es herrschte auf beidenSeiten bitterer Ernst, der sich nur innerhalb der Mauernmanchmal etwas excentrisch äußerte. Man sollte sich aufdeutscher Seite in der Annahme, daß die verwöhntenPariser in kurzer Zeit ausgehungert seien, doch etwasgründlich täuschen. Warum war man am 19. Septemberauch nicht einfach zwischen den Forts durch in die Stadtmarschtrt!
Paris bildete damals wohl die größte BefestigungEuropas. Die Stadt war mit einem Hauptwall, der allen-falls ein Siebeneck bildete und aus 94 Bastionen be-stand, umgeben. Diese Walllinie, welcher jedoch alle forti-fikatorischen Verstärkungen fehlten, war in 9 Abschnittewährend der Vertheidigung eingetheilt worden. Der 45Fuß breite Graben vor dem Wall hatte 18 Fuß Tiefeund die Brustwehr besaß eine Stärke von 21 Fuß. 7Stunden betrug aber der volle Umfang der Umwallung,vor welcher 16 größere Forts lagen, deren aneinander-gereihte Umfassungslinie wieder 12^ Wegstunden aus-machte. Das sind recht anständige Zahlen, wenn man be-denkt, daß zur Vertheidigung der Enceinte und der Fortsmehr als 2500 Geschütze zur Verfügung standen.
Es ist hier nicht Raum, aller Armeccorps zu ge-denken, welche den anstrengenden Dienst vor Paris ver-sahen, denn die Beschreibung der Belagerung würde, selbstkurz gefaßt, ein Buch füllen. So muß ich mich daraufbeschränken, die Thätigkeit der Bayern zu erwähnen, vonwelcher dann leicht auf das Uebrige zu schließen ist. DieStellung der Bayern war durch das eroberte Plateau vonChutillon eine wichtige geworden. Anfänglich gab es An-sichten, welche dahin gingen, die Bayernschanze einzuebnenund die Vertheidigungslinie mehr rückwärts an die Straßenach Versailles zu verlegen. Im Corps-Quartier warman dagegen, und äußerte der Feld-Geniedirector, Oberst-lieutenant Fogt, der vielen Lesern noch als mannhafterMagtstratsrath von München in anderer, schwerer Zeitbekannt sein wird, daß er ein vollständiges Einebnen nichtvor drei Monaten verbürgen könne.
Der allzeit im Herzen schwarze Fogt, der aber blondund bleich war, leistete überhaupt als Feld-Geniedirectordie vorzüglichsten Dienste und ist wie vielleicht kein andererder Beweis dafür, was felsenfeste Katholiken als deutscheSoldaten 1870 geleistet haben. Noch sehe ich den Mannin seiner schwarzen Uniform mit dem Eisernen Kreuz1. Klasse geschmückt bei der Fronleichnamsprozession zueiner Zeit, da hinter dem Allerheiligsten öde Leere herrschte.Ehre dem Andenken eines Mannes, der nicht allein Muthals Krieger — der den Muth der Ueberzeugung besaß!
Das Plateau von Chutillon, da? an die 80 Meterhöher als die gegenüberliegenden Forts liegt, bot Einsichtin das Vorterrain bis an die Enceinte hin. Hätte manes frei gelassen, man hätte die umliegenden Orte auchnicht besetzen können. Außerdem waren seine Hänge sobeschaffen, daß es sich leicht vertheidigen ließ. Es lagalso vor allem daran, die Schanze gewissermaßen um-zudrehen, dann mußten Jägergräben hergestellt, Straßenverbarrikadirt und Häuser und Mauern zur Vertheidigungeingerichtet werden. Einen großen Theil der Thätigkeitnahm auch das Sichern der Oertlichkeiten, an welchenFeldwachen, Pikets und Replis aufgestellt waren, in An-spruch. Wer Glück hatte, den traf ein Standpunkt, anwelchem ein Haus oder ein festgemauertes Gebäude vor-handen war, oft aber mußte sich die Compagnie in einemErdloch oder Steinbruch aufhalten und trotz des impro-visirten Bretterdachs durch Nässe und Kälte leiden.
Die Stellung des II. Cmps erstreckte sich von derBisvre bis südlich von Meudon, und hatte die DivisionWalther das ganze Plateau, die Division Bothmer dasGelände östlich desselben zu besetzen. Bei Meudon schloßdas V. preußische Corps, bei l'Hay das VI. an dieBayern an. Bei der ersteren Division versahen die Bri-gaden im Wechsel den Vorpostendienst und gaben jedes-mal 6 Compagnien für Feldwachen und Pikets, ebensoviele als Unterstützungen und Replis und 2 Compagnienzur Besatzung der Schanze, in welcher einer der Negi-ments-Commandanten als Vorposten-Commandant seinenSitz zu nehmen hatte. Die dienstfreien Truppen der Di-vision waren in Plessis-Piquet, Malabiy, Biävre undJgny untergebracht, wo man sich natürlich behaglichereinzurichten suchte.
Die Stellung der Division Bothmer war durch dieim Halbkreis liegenden Orte Bourg la Reine, Bagnenxund Chutillon, in deren jeden sie ein Bataillon auf Vor-posten entsendete, von selbst bestimmt. Die Unterstützungs-Bataillone lagen in Bourg la Reine, das sich an derOrläanser Straße weit nach Süden erstreckt, Croix de