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früher wieder auf. Die Mutter machte Vorstellungen;es half nichts. Im Gegentheil: der Durst des HerrnPapa nahm mit jedem Tage zu. Im gleichen Maßeging die Wirthschaft zurück. Bei dieser Wahrnehmungzog die Mutter ernste Saiten auf, wozu sie um so mehrein Recht hatte, als indessen meine Wenigkeit angerücktwar — olles umsonst. Es gab häufig sehr böse Auf-tritte, wobei mein betrunkener Vater sich einmal that-sächlich an der Mutter vergriff, und zwar in einer Weise,daß sie von der Stunde an kränkelte und schließlich denFolgen erlag. Damit verlor der Vater den letzten Haltund kam schon ein Jahr später in einem Raufhandelum. Wie Ihr seht, habe ichkeinen Grund, besonders stolzauf ihn zu sein, und Jeder-mann wird es begreiflich fin-den, daß mir der Name meinerMutter besser gefällt. Ichführe denselben auch aus An-hänglichkeit für meinen OnkelLcßlie, der Vaterstelle an mirvertrat und der sich zuweilenauch Donald schreibt. Ohnedie Hilfe dieses braven Man-nes wäre ich wahrscheinlichzu Grunde gegangen. Er hatmich gleich nach dem Todeder Mutter nach Deutschland geholt; er sorgte für meineErziehung und machte michzu dem, was ich jetzt bin.
Deshalb ergreift wich auchjedesmal eine maßlose Wuth,wenn ich daran denke, wiedieser Herzog von Friedlanomit dem Onkel verfuhr. Jahrelang hat Leßlie ihm mit sel-tener Treue gedient; aber stattAnerkennung wurde ihm vondem stolzen Herzog der schwär-zeste Undank zu Theil."
„Das alte Lied", sagte derFranzose mit einem verächt-lichen Lächeln; „es ist einmalso: Jeder sorgt nur für sich.
Wir Beide und viele tausendAndere ändern das nicht. Wo-zu auch? Es ist am vernünf-tigsten, man schwimmt mit demStrom und nimmt die Men-schen so, wie sie sind. Ihr
könnt zufrieden sein: die Zukunft liegt verheißend vor Euch I"
„Die Zukunft und immer die Zukunft", brummteDonald unmuthig; „wann wird es endlich einmal dieGegenwart sein?"
„Nicht so ungeduldig", mahnte Leferrier leise; „seies noch ein bis zwei Jahre, dann sind wir am Ziel!Nur Augen und Ohren hübsch offen halten, damit manden richtigen Augenblick nicht verpaßt. Es spinnt sichetwas zusammen, wie aus einem mir vom Cardinal zu-gekommenen Wink hervorgeht!"
Ein heiseres Lachen drang zwischen den bärtigenLippen Donald's hervor.
„Allen Respect vor Eurem Cardinal", sagte er dann;
„Nichelieu's Angelegenheiten ,'gehen mich zwar selbstver-ttändlich . nichts an, aber meine Verwunderung darf ichüber seine Manöver doch äußern. Er verfolgt die Ketzerin Frankreich und steht in Verbindung mit den Fein-, den des Kaisers, der doch die Sache des Papstes und! des katholischen Glaubens verficht."j „Wundert Euch das?" entgcgnete Leferrier. Riche-lieu ist in erster Linie Franzose und dann erst Cardinal.^ Frankreichs Interesse aber verlangt die Ausrottung derHugenotten ebenso wie die Schwächung der Habsburgi-schen Macht. In den Mitteln zum Zweck darf einDiplomat nicht wählerisch sein, und daß Richelieu den
Namen eines solchen verdient,ist genugsam bekannt. DieGröße seines Vaterlandes istfür ihn Lebenszweck. Es istihm augenblicklich sehr vieldaran gelegen, ein Zusam-menwirken Maximilian's mitdem Herzog von Friedlaud zuhintertreiben; überhaupt sollLetzterer für den Kaiser keineallzu großen Vortheile errin-gen, damit das Gleichgewichtder Parteien gewahrt bleibt.Das sind diplomatische Kunst-griffe, Freund, die unserStaatsmann wie kein Andererversteht. Ihr seht übrigens,wie Aehnliches auch inDeutsch-land geschieht. Haben nichtauch protestantische Fürsten zuWallenstein'sHeerContingentegestellt? Warum? Sie sahenfür sich einen größeren Vor-theil dabei. Mein lieber Do-nald, Ueberzeugungstreue istein sehr schönes Wort. Manbraucht es auch vielfach, abernur mit der Zunge oder allen-falls auf dem Papier. ZurThat wird es nie! Daherkommt es, daß das Wörtchensich nicht abnutzt. Doch lassenwir derartige Betrachtungendenen, derenHandwerksie sind,und ziehen wir für uns ein-fach eine Lehre daraus. Wirdürfen beim Cardinal aufreichlichen Dank und Erkennt-lichkeit rechnen, das sei unsgenug. Alles Weitere hängt von unserer eigenen Klug-heit abl"
„Ihr habt Recht", schmunzelte Donald; „seien wir.wie die großen Herren, auch — diplomatisch! Mir giltes wenigstens vollständig gleich, ob wein Arm der Bibeloder dem Rosenkranz dient, wenn ich nur dem über-müthigen Herzog ein Bein stellen kann und die Be-lohnung der Arbeit entspricht."
„Diese soll Euch werden", versicherte der Franzose,„in vollem Maße und bald! Setzt mich nur, wie seit-her, von allem, was bet dem Friedländer 'vorgeht, inKenntniß, auch wenn es Euch als nicht besonders wich-tig erscheint; und solltet Ihr je einmal in die Lage