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kommen, durch unmittelbares Eingreifen einen entschei-denden Schlag führen zu können, so säumt nicht. DasZiel ist Euch bekannt; je eher wir es erreichen, destobesser für Euch. Daß Ihr der vollkommensten Ver-schwiegenheit versichert sein dürft und im Nothfall anuns einen Hinterhalt findet, versteht sich von selbst."
„Hoffentlich!" stieß Donald heftig hervor. „Ichriskire ohnehin meinen Kopf, der mir keine vierund-zwanzig Stunden mehr zwischen den Schultern sitzt,wenn ein unbefugtes Ohr etwas von unserem Handelerlauscht. Doch Marion's Augen haben es mir einmalangethan! Für diesen Preis schlösse ich mit dem Teufelselbst einen Pact!"
Ein zufriedenes Lächeln spielte um Leferrier's Mund.„Ich gebe Euch die Versicherung", sagte er und drückteDonald die Hand, „wenn wir klug und vorsichtig sind,läuft die Sache zu unser Aller Zufriedenheit ab. Wasden letzten Punkt anbetrifft, so habt Ihr mein Wort!
Leferrier rief Marion an den Tisch. „Setz' Dich",befahl er, „und plaudere ein wenig; Du mußt Dich ohne-hin allmälig an die Gesellschaft des Herrn Wachtmeistersgewöhnen, der Dir durch seine Werbung eine großeEhre erweist."
Das Mädchen theilte diese Anschauung offenbarnicht. Sie warf dem Onkel einen Blick zu, der wenigNeigung für dessen Wünsche verrieth. Sie bezwäng sichjedoch und schwieg.
Marion war noch immer die blendend schöne Er-scheinung wie bei ihrem ersten Auftreten in Großmese-ritsch, nur lag jetzt in den großen Augen statt des her-ausfordernden Selbstbewußtseins ein zurückhaltender Ernst.
Donald brachte ihr sein Glas entgegen. Sie setztees an den Mund und nippte ein wenig; dann zog siesich, trotz der Aufforderung Leferrier's zum Bleiben, wie-der an ihr Tischchen zurück.
Ein Schatten flog über das Gesicht des Wacht-meisters, der seinen Zorn nur mit Mühe bezwäng.
„Geduld", flüsterte der Franzose, „wir machen dasTäubchen schon kirre, wenn es sich auch zu sträuben ver-sucht. Mademoiselle muß sich fügen, sie ist in meinerGewalt!"
Die Ankunft neuer Gäste unterbrach das Gespräch.Leferrier erhob sich, um seiner Pflicht als Wirth nach-zukommen, und Donald lehnte sich, Marion's Beweg-ungen folgend, mit halbgeschlossenen Augen in seinenSessel. Da sah er, wie eine hohe Gluth über dasAntlitz des Mädchens sich ergoß. Sie hatte einem jungenManne, der das Gewand des herzoglichen Leibjägers trug,ein Glas vollgeschenkt.
Gleichzeitig vernahm er Leferrier's Stimme, derdem neuen Gaste zurief: „Ah, ah, Monsieur, hier treffenwir uns? Das ist recht schön! Ich dachte unterdessenoftmals an Euch, wenn Ihr mir schon in Großmese-ritsch, Eurem Versprechen entgegen, nicht die Ehre einesBesuches geschenkt habt."
Donald sprang ungeduldig empor. Er stieß durchseine hastige Bewegung den Stuhl um, so daß ihm inFolge des dadurch verursachten Gepolters die Antwortdes Leibjägers entging. Dagegen bemerkte er, wieMarion mit glühenden Wangen und strahlendem Blickvor dem jungen Mann stand, der ihre Hand in derseintgen hielt. Rasch trat er vor. Er drängte dasMädchen unsanft zur Seite und schaute in Georg Sel-kow's Gesicht.
„Alle Teufel", rief er und suchte seine eifersüch-tige Wallung unter der Maske freudigen Erstaunens zuverbergen, „Ihr seid es, Herr? Euch hätte ich hier inder That nicht gesucht!"
Auch Georg erkannte den Wachtmeister wieder. Mitherzlichem Gruße reichte er ihm die Hand. Da Donald je-doch im gleichen Augenblick der sich abwendenden Marionfolgte und sich dadurch einer weiteren Ansprache entzog,setzte er die begonnene Unterhaltung mit Leferrier fort.
„Fast hätte ich Euch in dieser neuen Verwandlungnicht mehr erkannt", sagte er. „Warum habt Ihr denndas schimmernde Harlekinskleid mit der Aufwärterschürzevertauscht?"
Leferrier lachte. „Ich biv ein unruhiger Kopf,müßt Ihr wissen", entgegnete er; „auch gefiel mir dieangeworbene Gesellschaft nicht mehr. Um sie mir mitAnstand vom Halse zu schaffen, zog ich mich von derKünstlerlaufbahn zurück. Ganz ohne Beschäftigung mochteich nicht sein; deshalb habe ich die Gelegenheit zum An-kauf dieser'Bude benutzt."
Ein Streit, der zwischen zwei Gästen im Hinter-gründe des Zeltes ausbrach, lenkte die Aufmerksamkeitdes Franzosen dahin. Er eilte fort, und der wiederherantretende Wachtmeister nahm seinen Platz ein.
„Ihr wäret wohl indessen in Großmeseritsch nichtmehr auf Besuch?" fragte Georg diosen in übermüthi-gem Ton.
Donald fühlte recht gut den Spott. Sein Antlitzverfinsterte sich, und aus den halbverschleiertcn Augentraf den jungen Mann ein feindseliger Blick. Dennochsagte er möglichst gleichgültig: „Wie kommt Ihr zu dieserFrage? Soviel ich mich erinnere, sprach ich eine der-artige Absicht Euch gegenüber nicht aus, eher das Ge-gentheil !
„Ja, ja, Ihr habt Recht", fiel Georg ihm lachendin's Wort. „Eure Wuth auf Großmeseritsch und dessenBewohner hat mich damals nicht wenig in Erstaunenversetzt. Nachher erfuhr ich freilich so manches, das mirüber Euere Verstimmung Aufklärung gab. Es ist ebenein schlechter Spaß, wenn ein zuversichtlicher Freier miteinem Korbe abziehen muß."
Der Zorn trieb Donald das Blut bis an dieSchläfen hinauf, und seine Hand hatte unwillkürlich denGriff des Degens erfaßt. „Nehmt Euere Zunge inAcht, Herr", sagte er mit heiserer Stimme; „Ihr möchtetsonst Euern Vorwitz bereuen. Spott ertrage ich nichtund am allerwenigsten von Euch. Ihr wißt wohl warum!Nicht Jeder darf ernten, wo ein Anderer gesäet hat!"Damit wandte er sich ab und kehrte zu seiner Flaschezurück.
Georg war über die Antwort verblüfft und zumTheil auch beschämt. Er sah ein, daß er den Mannohne Grund gereizt hatte. Ueberdieß begann er zuahnen, daß der Wachtmeister bezüglich der letzten Ereig-nisse in Großmeseritsch auf dem Laufenden war oder dochwenigstens genug wußte, um ein unangenehmer Gegnerzu sein.
Einlenkend suchte er die Unterhaltung mit Donaldwieder aufzunehmen, doch dieser wich ihm geflissent-lich aus.
In seiner Verstimmung wandte der Leibjäger sichwieder an Marion, die ihm in ihrer einfachen Kleidungfast noch reizender als in dem frühern gleißenden Prunkeerschien. Vor den freundlichen Augen des Mädchens