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Areitag, den 7. Februar
1896.
Kür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr, Max Huttler ).
Die Astrotogen.
Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.
Von Max Benno.
(Fortsetzung.)
Kaum waren einige Secunden vergangen, da kamder Page schon wieder. „Die Herren geben keine Ruhe",meldete er; „sie behaupten, eS sei die höchste Gefahr imVerzug." Gleichzeitig drang durch die halb offen geblie-bene Thüre ein verworrenes Stimmengesumm in dasastrologische Zimmer herein. „Gustav Adolf", „die Schwe-den ", unterschied man deutlich zwischen andern unver-ständlichen Worten.
Wallenstein hob betroffen das Haupt. Er legte dasPapier weg und trat einen Schritt vor. „So sollen siekommen", befahl er. Der Page verschwand, und dreiOffiziere, von denen zwei der Piccolominischen Abthei-lung und einer dem Terzky'schen Corps angehörten,traten herein. Ihre erhitzten Wangen und die bestaub-ten Kleider thaten kund, daß sie einen scharfen Ritt ge-macht hatten.
„Hoheit", nahm einer derselben das Wort, „dieSchweden ziehen in hellen Haufen an der Saale herauf.Ihre Vorhut hat Nanmburg schon heute Mittag passirtund dürfte jetzt in WeißenfelS sein. Bis morgen frühsteht Gustav Adolf vor uns!"
Wallenstein erschien über diese Nachricht im erstenMoment ernstlich verblüfft, sofort aber kehrte seine Fass-ung zurück. Er stand im Begriff, den Offizieren Befehlezu geben, da wandte sich Seni, der längere Zeit auf-merksam durch ein Fernrohr geschaut hatte, in augen-fälliger Hast an ihn.
„Der Stern, Herr, der Stern", jubelte er unddrängte den Herzog an'S Fenster, „er ist wieder da undstrahlt wie gestern in majestätischer Pracht l"
Wallenstein bewaffnete sein Auge mit einem Instru-ment und blickte in fieberhafter Spannung zum Himmelhinauf. Nach einer Weile drehte er sich um, und eintiefer Athemzug rang sich aus seiner Brust. Das sonstimmer so ernste Antlitz strahlte, wie von einem über-irdischen Entzücken verklärt. „Ja, es ist der Stern,«ein Stern!" rief er begeistert. „Die himmlischenMächte selbst haben mir dieses Zeichen gesandt, nun binich gefeit! Mag der Schwede kommen, er rennt in seinVerderben l"
Schnell traf der Herzog nun die umfassendsten An-stalten, um zum Empfang des heranziehenden Feindes
gerüstet zu fein. Courriere, Staffelten und Leibjägerflogen mit dem Befehl, sich bei Lützen zu sammeln, nachallen Richtungen zu den Commandanten der verschie-denen Abtheilungen fort.
Pappenheim, der sich auf dem Wege nach West-falen befand, um daselbst die Winterquartiere zu be-ziehen, wurde durch den Obsrfeldherrn schriftlich von demunerwarteten Zwischenfall in Kenntniß gesetzt und auf-gefordert, sofort umzukehren und mit seiner ganzen Mann-schaft zum Hauptheer zu stoßen. Mit der Ueberbring-ung dieser wichtigen Botschaft wurde der WachtmeisterDonald betraut.
„Schont Euch und Euern Gaul nicht", schärfteWallenstein diesem ein, „damit Pappenheim, den Ihr inHalle einholen werdet, noch rechtzeitg zu dem bevor-stehenden Kampfe erscheint. Ich mache Euch mit EuermKopfe verantwortlich dafür!" Donald nahm den Briefin Empfang und machte sich auf den Weg.
Er sprengte mit verhängtem Zügel zum Thore hin-aus. Bald jedoch ließ er sein Pferd im Trab gehen,und nach einer Weile ritt er bloß noch im Schritt.Ohne Rücksicht auf die Dringlichkeit des ihm ertheiltenAuftrags hing er seinen Gedanken nach und fand wach-sendes Wohlgefallen an den verführerischen Bildern,welche seine Phantasie ihm so verlockend vorgaukelte.Die kurz vorher mit Leferrier gepflogene Unterhaltungund alles, was sich daran knüpfte, stellte sich lebhaftvor ihn. „Wenn sich dir eine Gelegenheit zum selbst-ständigen Handeln darbietet, dann greife zu", hatte derFranzose gesagt — hielt er diese Gelegenheit nicht inder Hand? Eine große Schlacht stand bevor. Wallen-stein, der, mit den Bayern und der Pappenheim' schenAbtheilung verstärkt, den Schwedenkönig nicht anzugreifengewagt hatte, konnte nach dem Wegzug dieser Truppennoch viel weniger auf einen Erfolg hoffen, der seinenWünschen entsprach. Wie, wenn Pappenheim zu spätkam und der Herzog eine tüchtige Schlappe erlitt? Dannwar ja Nichelieu's Absicht erreicht. In Donald'S Handlag das Mittel dazu! Er brauchte nur den erhaltenenAuftrag nicht zu besorgen, und er hatte den Preis seinergeheimen Verbindung mit dem Agenten verdient! Aberwas dann? Der Gedanke an die möglichen Folgen undseine eigene furchtbare Verantwortlichkeit ängstigte ihndoch. Er war aber schon zu weit gegangen; sollte erjetzt noch zurück s Dieser eine Schachzug brachte ihn viel-leicht an das Ziel, während anderseits ein Zufall sein