Ausgabe 
(7.2.1896) 11
Seite
78
 
Einzelbild herunterladen

Treiben an's Tageslicht bringen konnte und er dannmit einem Schlag alles verlor! Unschlüssig schaute erzu dem gestirnten Himmel hinauf, als erwarte auch ereine Auskunft von dort. Dann zog er den Brief ausdem Koller und betrachtete ihn. Es war ein unschein-bares Stück Papier , und doch hing so viel davon ab.Ein plötzlich daherbrausender Windstoß riß es ihm ausder Hand. Bestürzt griff Donald danach, aber er kamzu spät. Doch vernahm sein scharfes Ohr den knistern-den Ton, mit dem es im Grase auffiel. Er stieg vornPferde und suchte das Verlorene. Der Vollmondscheinbegünstigte ihn. Dabei sprach er halblaut vor sich hin,und ein spöttisches Lächeln spielte um seinen Mund.Der Herzog thut nichts ohne die Winke einer höhernMacht; ich will mein Glück auch versuchen. Der Zufallmag entscheiden, was ich thun soll. Liegt die Adressenach oben, so wird das Schreiben bestellt, im umgekehr-ten Fall aber kämpft Pnppenheim schwerlich in der mor-gigen Schlacht."

Am Straßeurain schimmerte das weiße Papier. Eroückte sich und sah, wie der Brief mit der Kopfseite auf-recht zwischen schmalblättrigen Wallgräsern lag. Ver-blüfft hob er ihn auf.Da haben wir's", brummteer;selbst auf den Zufall hat, wie es scheint, ein armerTeufel kein Recht. Nun bin ich so klug wie zuvor!Doch", fügte er nach einigem Besinnen hinzu,ich ver-gesse, daß es auch einen Mittelweg gibt, der bei ge-ringerer Gefahr ebenfalls die Erreichung des Zieles ver-spricht." Er schwang sich wieder in den Sattel undritt im gemüthlichsten Tempo davon. In Merseburg sah er in einem Gasthause noch Licht. Ohne Be-denken stieg er vom Pferde, trank in Ruhe eine KanneWein und setzte erst dann den Weg wieder fort. DerMorgen graute, als er in Halle vor dem Hause ankam,in welchem, wie er von dem Thorwart erfuhr, der Gene-ral Pappeuheim sich einquartiert hatte.

Er gab den Brief ab und machte sofort die Wahr-nehmung, daß dessen Inhalt in der friedlichen Stadtungefähr die gleiche Wirkung hervorbrachte, wie der zün-dende Funke, wenn er in ein Pulverfaß füllt. Dievorher stillen Straßen wurden plötzlich belebt. Trommelnwirbelten, Trompetensignale schmetterten und das Pflastererdröhnte von dem Hufschlag der galoppirenden Pferde.

Donald hatte sich nach Ablieferung des Schreibensin eine Schenke begeben und schaute von da in keines-wegs behaglicher Stimmung zum Fenster hinaus. Eswar ihm bei der Sache doch nicht ganz wohl. Da er-fuhr er, daß von einem großen Theil der Offiziere,welche an die Möglichkeit eines nochmaligen ernstlichenZusammenstoßes mit dem Feinde nicht gedacht hatten,ein Ausflug nach Landsberg gemacht worden sei. Er-leichtert athmete er auf. Dieser Zufall war geeignet,seinem Schurkenstreich als Deckung zu dienen, wennman ihn je wegen des verspäteten Eintreffens der zuHilfe gerufenen Truppen zur Verantwortung zog.

Pappeuheim, der die Größe der Gefahr, in welcherWallenstein dem kühnen Schwedenkönig gegenüber schwebte,nur zu gut begriff, wartete die Rückkehr der abwesendenOffiziere nicht ab. Er gab den Befehl, daß daS Fuß-volk so schnell als möglich nachkommen solle, und jagteMit seinen Reitern auf dem Wege nach Lützen davon.

Dem Nachtrab schloß sich der Wachtmeister an, dertrotz seiner Keckheit der vollendeten Thatsache gegenüberbezüglich seines fernern Verhaltens in nicht geringer

Verlegenheit war. Er beschloß in erster Linie, ein Zu-sammentreffen mit dem Oberfeldherrn zu vermeiden undsich so schnell als möglich jenes Hinterhaltes zu ver-sichern, der ihm durch Leferrier bei einer drohenden Ge-fahr in Aussicht gestellt worden war.

In der Nähe von Merseburg vernahm man schondeutlich den Donner der weiter südwärts tobenden Schlacht.Es dauerte nicht mehr lange, da kamen den Pappen-heimern versprengte Theile des friedländischen Heeresentgegen. Sie befanden sich in wilder Flucht.Allessei verloren", berichteten sie,der Schwedenkönig habegesiegt." Pappeuheim verlor den Muth nicht. Er zwangdie Feiglinge zur Umkehr und stürmte mit seinen Ge-treuen nur noch ungestümer gegen den Feind. Der Abendbrach herein, als er endlich auf dem Schlachtfelds an-kam. Es war die höchste Zeit. Die Herzoglichen hiel-ten fast nirgends «ehr Stand. Eine allgemeine Panikhatte um sich gegriffen da brausten die Pappenhei-mer wie der Sturmwind heran. Sie warfen die sieges-trunkenen Schweden zurück und verliehen auf's neueden Verzagenden Muth. Wild tobte die Schlacht. Hinund her schwankte der Sieg bis endlich das herein-brechende Dunkel die Ringenden schied.

Donald hatte beim ersten Anprall einen Streif-schuß bekommen. Er zog sich hinter die Gefcchtsliniezurück, wo er im Pulver dampf und dem aufsteigendenNebel verschwand.

Der blutige Kampf war vorüber. Die Schweden behaupteten die Wahlstatt, Wallenstein zog sich nachLeipzig zurück. Tausende und Abertausende hatten diezweifelhaften Lorbeeren des heißen Tages mit dem Le-ben bezahlt.

Ueberdieß war hüben und drüben durch den Fallhervorragender Männer eine Lücke gerissen worden, diesich nicht mehr ausfüllen ließ. General Pappenheim,dem Wallenstein die Rettung aus der schweren Be-drängnis; verdankte, fand im wildesten Handgemenge ander Spitze seiner Reiter den Tod. Mit ihm ging dertapferste Offizier, der ehrlichste und gewissenhafteste Strei-ter für Glauben und Ueberzeugung im kaiserlichen Heeredahin!

Durch einen noch härteren Verlust sahen die Schwe-den sich in Trauer und Schrecken versetzt. Das Schick-sal hatte Gustav Adolph, ihren König und Feldherrn,mitten in seiner Siegeslaufbahn ereilt! DaS Donnernder Kanonen auf dem Lützener Schlachtfelde wurde zumGrabgeläute für ihn und seine hochfligenden Pläne, derenVerwirklichung ihm nach den großartigen Erfolgen be-reits in verheißungsvoller Nähe vorgeschwebt hatte.

Der Herzog von Friedland beschloß, um seine zer-streuten Regimenter zu sammeln, eine Zeit lang in Leipzig zu bleiben. Für die Winterquartiere hatte er Böhmen bestimmt. In Folge dessen war die ganze Stadt mitSoldaten gefüllt. Hoch und Nieder war in mehr alsunangenehmer Weise mit den unruhigen Gästen bedacht.

In einem kleinen Zimmer des Capuziuerklosterssaßen zwei verwundete Offiziere bei einer Flasche Wein,die der ihnen befreundete Bruder Kellermeister über diegewöhnliche Nation aus der unter strenger Clausur ge-haltenen Separat-Abtheilung des gestrengen Herrn Abtesherbeigebracht hatte: Hauptmann Leßlie und Georg Sel-kow. Der Erstere trug eine Binde um den Kopf undGeorg den Arm in der Schlinge. Im Uebrigen nahmman an den Beiden keine auffallende Veränderung wahr.