Leßlie blickte noch eben so ernst und finster wie früherum sich, und dos Antlitz des Leibjägers war starkgebräunt, hatte aber an seiner Frische und Offenheitnichts eingebüßt.
Nachdem dem köstlichen Nektar sein Recht angethanwar, nahm der Hauptmann das Wort. „Also morgengeht's los! Wahrlich ein lustiges Schauspiel für unsereOfficiere, von denen keiner auch nur einen Tag sicherist, ob es ihm nicht ebenso geht!"
„Wie, morgen schon?" fragte Georg, und seineheitere Miene wurde sofort durch einen düstern Schattenverdrängt.
„Ja, morgen", bejahte Leßlie, „so hat der unversöhn-liche Zorn des Herzogs bestimmt. Oberstlieutenant von Ha-gen und von Hofkirchen , die Hauptleute von Burg und Klee-blatt, der Kapitän-Lieutenant Graf von Gandendom,der Rittmeister von Wornstein, die Lieutenants Walden-burg und Tortel, sowie der Cornet Kaschering werdenenthauptet und etwa hundert gemeine Soldaten gehenkt.Mit den Namen der entwichenen Offiziere wird derGalgen verziert. ES ist unerhört, aber ebenso unwider-ruflich beschlossen; denn der Herzog nimmt bekanntlichsein Wort niemals zurück. Ich bin jedoch fest überzeugt,daß die grausame Maßregel ihm mehr schaden wird, alsdie verlorene Schlacht. Es befinden sich zahlreiche Ver-wandte und Freunde der Verurtheilten im Heer, welchedadurch tödtlich verletzt werden. Zudem weiß Jeder-mann, daß die nicht geflohenen Offiziere an dem Miß-erfolg bei Lätzen unschuldig sind. Wer vermöchte auchbei dem theilweise aus der Hefe des Volkes zusammen-gewürfelten Heere die Massen in Ordnung zu halten,wenn einmal der Schrecken sie ergreift. Das persönlicheInteresse und die Furcht vor dem Stock des Profoßenreichen nicht hin, um tüchtige Soldaten zu schaffen; alleindem Stolze des Herzogs wurde eine tiefe Wunde ge-schlagen, das ist ein Verbrechen, welches natürlich nichtstreng genug bestraft werden kann. Wallenstein ist sichrecht gut bewußt, daß er eine schwere Niederlage erlitt,wenn er es auch nicht gesteht. Nur der Erschöpfungder Schweden hat er eS zu danken, daß das Mißge-schick nicht einen noch größer» Umfang bekam. In seinerWuth darüber läßt er nun die armen Offiziere dafürentgelten, ganz einerlei, ob er Schuldige oder Unschul-dige trifft. Er zeigt sich auch in diesem Fall wie immer:kaltherzig, grausam, ohne Erbarmen!"
Georg hatte, während der Gefährte sprach, sich er-hoben und war an'S Fenster getreten. Er war durchdas harte Urtheil Leßlie's über den Oberfeldherrn sicht-lich verletzt. „Ihr seid unverbesserlich", rügte er, alsjener schwieg, „und ungerecht. Gerade Ihr habt amwenigsten Ursache, den Herzog grausam zu nennen! Denktan jene schwere Stunde in Großmeseritsch!"
(Fortsetzung folgt.)
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Ein noch wenig bekanntes Holbein-Vild.*)
L?r 3n dem Häuserverzeichniffe der Stadt Augsburg vom Jahre 1801 sind die Häuser L 7—9 unter der Be-zeichnung „Kaysersheimer Hof" eingetragen. Dieser Häufer-Complex, in welchem sich jetzt die Eisenhaudlung des Hrn.
*) Skizze aus einem Vertrag deS Herrn StadtvfarrcrsFricsencggcr im kathcl. kaufmännischen Verein „Lätitia" inAugsburg .
Stumpf (vormals Gastcigrr) befindet, war damals im Be-sitz des berühmten Klosters Kaisheim , nach dessen Säku-larisation er in den Besitz der Bnchhändlersamtlie Wolfsund später in Cotta'sches Eigenthum zum Betrieb der„Allgemeinen Zeitung " überging. In den Chroniken Kais-hcims wird schon sehr frühe dieses „Kastenhanses" ge-dacht. Im Jahre 1488 baute Abt Georg das Haus vonGrund aus wieder neu auf und verschönerte die St.Elisabethen-Kapelle, welche noch steht. Bei dieser Gelegen-heit wohl ward auch der herrliche Flügelaltar erbaut, derbei der Uebersiedelung der „Allgemeinen Zeitung " nachMünchen vom Bildhauer Gedon an ein Kölner Museumverkauft worden sein soll. Die Altarflügel waren schonvorher entfernt und durch Sägschnitt in 4 Theile: zweiWerktags- und zwei Feiertagsbilder, getrennt worden.Die letzteren stellten den Tod Mariens und die KrönungMariens dar, während die ersteren, wenn der Altar ge-schloffen wurde, gemeinsam nur eine Darstellung, „dasBegräbniß der hl. Afra", bildeten. Der Tod Mariensist im Baseler Museum^ die Krönung Mariens im Besitzdes hochwürdigsten Herrn Bischofs Leonrod von Eichstütt,der auch einen Flügel der Werktagsseite besaß, währendder andere im Besitz der Frau Amalia Finsterlin inMünchen sich befand. Schon im Jahre 1886 in derschwäbischen Kreisairsstellung dahier (Kat.-Nr. 15, 16)vorübergehend vereinigt, sind sie seit kurzer Zeit durchdie erfolgreichen Bemühungen des hochwürdigsten HerrnBischofs von Eichstäit für immer zu einem einzigen Bildeverbunden worden. Unser Mitbürger, Herr Gemälde -Restaurateur Sesar, dem diese nicht leichte Aufgabezugefallen war, hat sie so vortrefflich gelöst, daß es selbstdem Kennerauge kaum möglich sein wird, die Stelle zuerkennen, wo die Flügel zusammengefügt wurden, ja nichteinmal, wo früher Abgesägtes ergänzt werden mußte.
Das Altargemäloe ist ein Werk unseres großenAugsburger Meisters Holbein des Aelteren (14 65—1524);auf dem Weihwasserkesscl steht die Inschrift: Holbain.I^eo. 0. Da es einen Leo Holbein nicht gibt, auch dieNachstellung des Taufnameus zu jener Zeit gänzlich un-gebräuchlich war, es damals auch keinen Augsburger Bild-schnitzer mit dem Namen Leo gab, wie Woltmann meinte,so dürfte es wahrscheinlich sein, daß I-eo. 0. den An-fang eines Psalmverses bedeutet, der um den Weihwasser-Kessel herumlaufend gedacht ist; auch am oberen Randedes Leuchters stehen die Worte Xvö Llaria und sind aufder Rückseite fortlaufend gedacht. WaS die Darstellungselbst betrifft, so ist sie echt holbeinisch und meisterhaftdurchgeführt: Während die hl. Afra im offenen Sarkophagliegt, steht zu ihren Füßen ihre Mutter Hilaria mit einerder Mägde (Digna, Eunomia, Eutropia), während aufder Kopfseite der hl. Bischof Dionysius, Afra's Oheim,sich betend niedergelassen hat an der Seite einer andernMagd. Oben erscheinen bereits die Schergen des römischenStatthalters Gajus, Feuer anzulegen an das Grab, dasdie Angehörigen der hl. Martyrin trotz des Verbotesbetend umstehen. Auf der rechten Seite des Sarkophags,steht eine später hinzugefügte Inschrift in drei Distichen,welche besagt, daß eine von einem schwedischen Soldatenbeabsichtigte Zerstörung des Bildes wunderbarerweise ver-hindert wurde; aus dieser Inschrift geht auch hervor, daßman damals die Darstellung für den Tod Mariens hielt,es müßte denn sein, daß der Inhalt der Verse sich aufdie Rückseite des Bildes bezog, die ja den Tod Mariensdarstellt.