Ausgabe 
(7.2.1896) 11
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beschossen, erstieg das 1. Bataillon die Höhe und begannden Angriff. An der Straße Fontenay-Bagneux brachaber jetzt Oberstlieutenant v. Hecke! gegen das Dorf vorund von Haus zu Haus kämpfend wurde es zu-rückerobert.

Um 8 Uhr gab General Vinoh, der einsehen mutzte,daß ihm die Bayern überall mit genügenden Kräften ent-gegenzutreten vermochten, den Befehl zum Rückzug. Nocheinmal brüllten die schweren Geschütze der Forts, um denAbzug der Franzosen zu decken, dann mit Einbruch derDunkelheit nahmen auch die Bayern wieder die altenStellungen ein. Die Letzteren hatten Oberlieutenant Prand, die Unterlieutenants Thanner, Noth und Wildund 356 Mann verloren. Die französischen Berichte er-wähnten, daß von den 59 gefangenen Bayern absolutnichts zu erfahren sei ein großes Lob für unsereLeute, die nur leider in Paris etwas hungern mußten.Am folgenden Tage begehrten die Franzosen einen Waffen-stillstand zur Beerdigung ihrer Gefallenen, welche die Zahl400 betragen haben mögen.

Der Ausfall vom 30. November richtete sich haupt-sächlich gegen das VI. preußische Corps. Da das eigent-liche Gefechtsfeld bei l'Hay war, alarmirte unsere DivisionBothmer. Das am bayerischen rechten Flügel im Biövre-grund stehende Piket unter Lieutenant Mörschell vom 9.Regiment hatte Gelegenheit, in das Gefecht einzugreifenund ließ sich trotz feindlicher Uebermacht nicht vertreiben.Einer erfolgreichen Thätigkeit begegnen wir auch beiunserer Artillerie. Auf der Straße von Sceaux nachBourg la Reine befand sich die Batterie Ebner in gutenEmplacementS, und sie beschoß Arceuil und feindliche Co-lonneu. Als sie um 9 Uhr aus der Schanze am Aquä-duct selbst Fcuer erhielt, unterstützten sie die BatterienHerold und Jamin. Die Thätigkeit unserer Artillerie kamhauptsächlich den bet l'Hay fechtenden Preußen zu gut,indem sie das Frner von der Infanterie ab und auf sichlenkte. Gegen 10 Uhr waren die Franzosen schon wiederin ihre Verschauzungen zurückgeworfen. Der Verlust der

Division Bothmer betrug 11 Mann und 5 Pferde. -

(Schluß folgt.)

Dem Meere lierschrieven.

lNaHdruü «erröten. ,

Eine Pause war eingetreten in der animirten Unter-haltung unseres kleinen Kreises. Der erste Officier, unserliebenswürdiger Wirth, hatte soeben seine farbenprächtigenSchitdernngen, die wie ein Hymnus auf die See-Fahrtklangen, mit langsamer werdender Stimme geendet, gleich-sam, um deren nachhaltige Wirkung zu erhöben. Wäh-rend er die grünen Gläser von neuem füllte und diezuletzt geleerte Flasche in kühnem Bogen durch das rundeFenster der Kajüte fliegen ließ, betrachtete er mit Be-friedigung und Nengier den Eindruck, den seine Worteauf meinen ihm gegenübersitzenden Freund H. zu machenschienen.

Dieser, ein geborener Binnenländer, war auf seinerersten See-Neise begriffen und seit deren Beginn von einemwahrhaft fieberhaften Enthusiasmus für das See-Lebenergriffen worden. Nn» hatte in den Worten des inter-essanten Erzählers ein in scinemJnnern glimmender Funkeeines gewissen phantastischen Zuges vollends das richtigeMaterial gefunden, um in hellen Flammen aufzulodern.Mit einer Art Ehrfurcht beobachtete auch ich diese mächtige

Erregung meines Freundes, zumal sie sich in so, ichmöchte sagen, edler und jedenfalls in sehr vom Gewöhn-lichen abstehender Weise kundgab.

Während Andere in solcher Exkase gleich mit über-schwenglichen Worten losbrechen, war H. verstummt undsaß unbeweglich da; aber der lächelnde und wie entrückteAusdruck seines dem Meere zugewandten Gesichteser erinnerte mich an den Blick, den der fromme Pilgerzu seinem Heiligthum erhebt, der Glanz seiner Augen,die all' das Erhabene und Reizvolle bis zur Neigeschlürfen und auch den intimsten der zuströmenden Ein-drücke genießen zu wollen schienen, ließ uns die Tiefeseiner Ergriffenheit erkennen.

Ich wußte, wie unangenehm meln Freund werbenkonnte, wenn man ihn in solchem Versunkensein störte,und wagte deßhalb in Rücksicht auf unseren Wirth nicht,die Unterhaltung fortzuführen. Dieser mochte ähnlichdenken und lehnte sich behaglich in seinem Feldstuhlezurück.

Während dieses Schweigens bemerkten wir erst denfeierlichen Zauber, der uns umsponnen hatte. Ohne daßwir uns eigentlich dessen in der lebhaften Conversationbewußt geworden waren, hatte sich die Juli-Nacht mitihrem sammetweichen, dunkelvioletten Schleier hernicder-gesenkt. Der laue, angenehm abkühlende See-Windströmte durch die geöffneten Fenster des Steamers hereinund verband sich mit dein etwas muffigen Gerüche desrothen Plüsch-Cophas und den Ausdünstungen desdunklen Getäfels der Wände zu einem eigenthümlichberauschenden Dufte. Dazu mischte sich das von Zeitzu Zeit durch ein keckes Lüftchen aufgewirbelte Aromader Orangen, die, ihres dereinstigen Heimganges alsPunsch-Ingredienzien harrend, die Mitte des Klapptischeseinnahmen und sich prächtig von dessen dunkel polirterFläche abhoben. Die große Moderateur-Lampe ver-breitete durch ihren auf rothem, transparentem Seidenpapiergestickten Schirm wahrscheinlich das Geschenk einerhübschen Passagierin ein gedämpftes Licht, eine zart-farbige, blaßrothe Dämmerung auf die Umgebung. Diegrünen Gläser, die blanken Messing-Schrauben am Tischebekamen dadurch einen seltsam weichen Schimmer, dieOrangen, direct unter der Lampe geschaart, erglühtenin sattstem Purpur kurz, es umwebte uns in derkleinen, anheimelnden Kajüte eine beinahe exotischeStimmung.

Ich trat an's Fenster und sah bald in's Zimmer,bald anf's Meer. In der Ferne tauchten die Lichteran der englischen Küste bei Dover aus und projicirtenschmale, zitternde Silberstrcifchen auf die Flnthen.

Die See ging ruhig; das Leben auf Deck desSteamers klang nur gedämpft herunter. Aus einerPassagier-Kajüte ertönte leise in abgebrochenen SätzenFlötenspiel. Bei einem Crescendo erkannte ich baldMelodien aus der herrlichenTraviata ", Germonts: I7uäi, gnanclo lcr vonsri terupo avrä. kuAackv, danndas ergreifende Adagio der Oboe aus der nennten Scene,das er fortwährend mit wachsendem Gefühl wiederholte.Der Spieler besaß keine sonderliche Fertigkeit, aber ichmußte seinen Geschmack loben. Denn diese Klänge ver-schmolzen sich wunderbar mit der fremdartigen Stimmung,die uns gefangen hielt.

Sie strömten uvie aus den Wogen heraus, herbund doch so berauschend duftend gleich einem locken-den Sirenengesang. Mein Freund trat ebenfalls an'sFenster und lauschte.