« 12
1896.
„Augsburger PostMung".
Dinstag, den 11. Februar
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Berlag des üiterarii'chen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler) .
Die Astrologen.
Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.
Von Max Venno.
(Fortsetzung.)
Wie von einer Viper gebissen, sprang Leßlie em-por. Seine Augen funkelten gleich denen eines gereiztenRaubthieres, und der Gefichtsausdruck wurde so wildund drohend, daß Georg erschrak. „Glaubt Ihr", riefer mit dröhnender Stimme, „ich habe sie jemals ver-gessen? Vergessen, als unschuldiges Opfer der Eitelkeiteines Menschen wie ein gemeiner Verbrecher in Kettengelegt uno von Henkershand zur Richtstätte geführt zuwerden? Tausend Jahre vermöchten den Eindruck jenerentsetzlichen Pein in meiner Seele nicht zu verwischen,doch . . ." Er brach plötzlich ab, wie aus Furcht,etwas zu verrathen, was nicht für eines Andern Ohrbestimmt war.
„Ich begreife Euere Unversöhniichkeit nicht", ent-gegnete Georg. Er drängte das beängstigende Gefühl,welches Leßlie's maßlose Heftigkeit in ihm geweckt hatte,gewaltsam zuruück. „Der Herzog beabsichtigte ja, wieer selbst sagte, von Anfang an unsere Hinrichtung keines-wegs, sondern wollte uns nur eine heilsame Lehre geben,die wir wahrlich genugsam verdient hatten."
„Das könnt Ihr glauben, ich nicht", fiel ihm derHauptmann bitter lachend in's Wort; „ich kenne denHerzog von Friedland besser als Ihr! Ich sage Euch,unsere Häupter wären gefallen, hätte nicht der Blitz-schlag seine abergläubische Seele erschreckt." Georg'sMtenenspiel drückte deutlich sein peinliches Empfinden obdieser Wendung des Gespräches aus. Er suchte das-selbe auf einen andern Gegenstand abzulenken.
„Eigenthümlich war es", sagte er mit einem schar-fen Blick in Leßlie's Gesicht, „daß gerade in jenemAugenblick die Documenten-Kiste zum Vorschein kam,nach der wir so lange vergeblich gesucht hatten."
Wieder brach der Hauptmann in ein grimmigesLachen aus. „Eigenthümlich, meint Ihr", grollte er;„warum denn? Die Großmuth mußte ja durch einehöhere Macht belohnt werden und wurde belohnt! Odernicht? Ihr scheint an des Herzogs Worte wie an dasEvangelium zu glauben und werdet Euch erinnern, daßer auch das gesagt hat. Daß dadurch eine arme, ver-stoßene Waise um ihr Erbtheil gebracht wurde, fiel beidieser „Schickung" nicht in's Gewicht!"
Den Argwohn, welchen Georg niemals ganz zu ver-
drängen vermocht hatte, stieg auf's neue in seinem Ge-müthe empor, „hört, Leßlie", nahm er das Wort, „ichwill nur gestehen, daß ich Euch damals ollen Ernstesfür den Documentendieb hielt. Auch heute nock kommt esmir vor, als ob Ihr die beste Auskunft darüber gebenkönntet, wer das Kästchen hinter die Wand versteckt hatte.Seid so gut und schenkt mir reinen Wein ein. Ich ver-rathe Euch nicht!"
Der Hauptmann gab nicht sofort eine Antwort. Inunverkennbarer Aufregung durchmaß er eine Zeit langden Raum. Dann blieb er vor Georg stehen, und einnicht zu erklärendes Lächeln spielte um seinen Mund.„Euere Offenheit", sagte er, „ist der meinigen werth.Ihr wäret mir von Anfang an ein Dorn im Auge, undwenn ich zugebe, daß ich Euch wohl hundertmal in'sPfefferland oder an ein ähnliches hübsches Plätzchen ge-wünscht habe, so wird es nicht weit gefehlt sein. Esgeschah nicht ohne Grund, denn Ihr triebet, mit Ver-laub, Euern Muthwillen mit mir etwas zu stark. —Das ist jetzt anders geworden. Ihr hieltet den Schwe-denhieb, der mich unfehlbar zu einem todten Mann ge-macht hätte, mit eigener Lebensgefahr auf und habt da-durch ein Herz gezeigt, dem man nicht zürnen kann.Damit Ihr nun seht, daß ich auch kein schlechter Kerlbin und wohl zu ermessen weiß, was ich Euch schulde,sollt Ihr eine Erzählung hören, die Euch gewiß inzer-essirt. Vorher aber müßt Ihr mir bei Euerer Solda-ten-Ehre geloben, von dem, was ich Euch sage, an keinenMenschen auch nur ein Wort zu verrathen, bis von mirselbst Euch hierzu die Erlaubniß ertheilt wird."
Georg gab das verlangte Versprechen, und derHauptmann begann: „Die traurige Geschichte des Her-zogs mit seiner ersten Gemahlin ist Euch bekannt. Einesaber wußtet Ihr und Alle außer mir auf Großmeseritschnicht: daß die Gräfin ein Töchterchen aus erster Ehebesaß. Der Herzog hatte eine unüberwindliche Abneig-ung gegen das unschuldige Wesen gefaßt. Er verhehltesie der Mutter nicht und machte die Entfernung desKindes zur Bedingung seiner Verbindung mit ihr. Dieverblendete, leidenschaftlich liebende Frau brachte dasfurchtbare Opfer. Die Kleine wurde unter die Obhutfremder Leute gebracht. Ja noch mehr: auf Betreibendes ehrgeizigen Gemahls errichtete die Gräfin ein Testa-ment, welches ihr ungeheures Vermögen dem Herzogvöllig preisgab. Nach ihrem Tode sollte er die Besitz-titel erhalten. Für ihr Kind, die rechtmäßige Erbin,