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wurde nur eine Summe von ungefähr hunderttausendThaler hinterlegt mit der Bestimmung, sie dem Mädchenauszubezahlen, wenn es sich verheirathe oder in das zwei-undzwanzigste Lebensjahr trete. Trotz alledem hatte dieGräfin sich vergebliche Hoffnung auf Erfüllung ihrerWünsche gemacht. Die Liebe des Herzogs hielt nur solange an, bis sein Zweck erreicht war. Mit jedem Tagewurde er dann kälter und rücksichtsloser gegen die Ge-mahlin und änderte sein Benehmen auch dann nicht,als er diese aus Gram dem frühen Grabe zuweilen sah.In ihrer Verlassenheit empfand die arme Frau das ameigenen Fleisch und Blut begangene Unrecht doppeltbitter, und eine heiße Sehnsucht nach dem verstoßenenKinde erwachte in ihrem Gemüth. Von dem Anblickdesselben, und konnte sie ihn auch nur heimlicherweisegenießen, versprach sie sich für die grausame Enttäusch-ung einigen Ersatz. Unter erborgtem Namen brachte ichdas Mädchen aus dem Hause meiner Schwester, welcherman dessen Erziehung anvertraut hatte, nach Großmese-ritsch zu dem damaligen Schloßhauptmann Lobau, dervon da an Vaterstelle an der armen Waise vertrat. —Er allein, die Gräfin und ich wußten, daß Magdalenedie Stieftochter Wallenstein's ist!"
Der Hauptmann hatte die letzten Worte langsamund mit Nachdruck gesprochen; nun machte er eine Pauseund beobachtete den Eindruck seiner Worte auf Georg'serglühtem Gesichte. Dieser war beim Schluß der über-raschenden Enthüllung in die Höhe gesprungen. Eineungeheuere Aufregung arbeitete in seiner Brust. „Wassagt Ihr, Hauptmann", rief er, „Magdalene, meineBraut, die Tochter des Herrn?"
„Ich bin noch nicht zu Ende", unterbrach Leßlieden Aufgeregten und drängte ihn wieder auf seinen Platz.„Das Mädchen wuchs heran. Es wußte nichts überden Ursprung seines Daseins und von seinen Rechtenfür die Zukunft. Aber auch Wollenstem hatte keineAhnung von seinen Beziehungen zu der PflegetochterLobau's. Die Gräfin wollte, daß man ihr Kind überseine hohe Abkunft so lange als möglich vollständig inUnkenntniß lasse. Nicht Glanz und Reichthum, welcheder schwer geprüften Frau die bittersten Lebenserfahr-ungen nicht erspart hatten, sollten einst im entscheiden-den Augenblick das Schicksal Magdalenens bestimmen,sondern ihr Herz. -— Lobau starb, und ich wurde anseine Stelle gesetzt. Unter meinen Augen erweiterte sichdie Kluft zwischen dem Herzog und dessen Gemahlin ineiner Weise, daß ein vollständiger Bruch unvermeidlicherschien. Ohne Zweifel wäre es auch so weit gekom-men, hätte nicht das herannahende Ende die Grä-fin zu wettern Schritten unfähig gemacht. WenigeTage vor ihrer Auflösung rief sie mich an ihr Bett.Sie sprach mit mir von ihren Hoffnungen, von ihrenEnttäuschungen und Leiden und übergab mir ein Ebenholz-kästchen, in dem sie ein Codicill, welches das erste Testa-ment umstieß, und die Bcsitztitel ihres Vermögens auf-bewahrt hielt, mit dem Auftrag, dasselbe sofort nachihrem Hinscheiden an einen sichern Ort zu verstecken, undzwar so lange, bis ihre großjährige Tochter mit Erfolgihre Rechte gegen den Herzog geltend machen könne. Ichmußte eidlich geloben, alles genau so zu besorgen, wiees von ihr bestimmt worden war. Ich leistete denSchwur und vollzog den Befehl in einer Weise, daßeine vorzeitige Entdeckung mir geradezu unmöglich schien.Doch es kam anders. Wie Ihr wißt, wurde all' meine
Vorsicht und Mühe durch höhere Gewalt zu nichtegemacht I"
Leßlie schwieg und bekümmerte sich nicht weiterdarum, wie Georg mit dem durch das Vernommene inseinem Innern heraufbeschworenen Sturm sich zureichtfand. Diesem war es in der That seltsam genug umdas Herz. Er, der arme Kriegsmann, Eidam des mäch-tigen Herrn! Ob nicht Magdalene, wenn sie ihren wahrenNamen und ihre Herkunft erfuhr, das Jawort bereute?Ob sie nicht das Verlöbniß rückgängig machte, welchesunter ganz andern Voraussetzungen und Verhältnissenentstanden? Dieser Gedanke hielt jedoch nur einen Au-genblick Stand. Dann trat das Bild der Geliebten vorseine Seele mit ihrem unschuldigen, frommen und de-müthigen Sinn, und jeder Zweifel wurde durch die festeUeberzeugung, durch das glückliche Bewußtsein verscheucht,daß das edle Herz seiner Braut um schnöden Mammonswillen eines Verrathes nicht fähig war. Die Wogenseines Wonnegefühles gingen so hoch, daß er gedanken-los zu dem so oft gerügten Muthwillen gegen den Haupt-mann sich abermals hinreißen ließ. „Ihr seid ein Schlau-kopf", rief er, „der seinen Vortheil versteht! Das alleswußtet Ihr? Nun wundert's mich nicht mehr, daß IhrEuch um den Besitz Magdalenens oder vielmehr derengute Thaler so abgeplagt habt!"
Leßlie maß den jungen Mann mit einem finsternBlick. „Euch mag dieser schlecht angebrachte Spott hin-gehen", entgegnete er rauh, „ein Anderer möchte sichhüten! Was ich gewollt und gethan habe, kann ich vorJedermann verantworten, da es in der besten Absichtgeschah. Ich achtete und liebte das Mädchen I Warumauch nicht? Sie hatte es nicht nur als Tochter meinerHerrin, sondern auch wegen ihrer Häuslichkeit und Tu-gend verdient. Gleichwohl befindet Ihr euch Alle ingroßem Irrthum, wenn ihr meint, ich sei willens ge-wesen, für mich alten Mann um die liebliche Magdalenezu freien. Das fiel mir nicht ein. Dagegen wollte ichihr eine Zukunft verschaffen, die mit ihren Anschauungen,ihrer Erziehung und ihrem ganzen Wesen in nicht allzugroßem Widerspruch gestanden und sie doch in eine be-vorzugte Stellung gebracht hätte. Zugleich wäre da-durch meine Schwester für die vielen Mühen und Sor-gen belohnt worden, die man ihr durch die Erziehungdes Mädchens auferlegt hatte. Ihr einziger Sohn, FritzDonald, mein Neffe, war von mir zum Gemahl Magda-lenens bestimmt. Er ist ein wackerer Bursche", fuhrLeßlie fort, und seine Stimme wurde fast weich, „dieeinzige Freude, welche mir das Geschick übrig ließ, derStolz meines Alters und einstens der Erbe meiner kleinenErsparnisse, wenn ich von dieser Welt scheiden werde.Durch die Verbindung mit dem mir anvertrauten bravenMädchen hätte ich ihm einen neuen Beweis meiner Liebezu geben vermocht — es sollte nicht sein, ich habe michvergeblich gefreut I"
Der Hauptmann machte eine Pause, dann fügte er,in seinen alten trockenen Ton fallend, hinzu: „Ich willnicht in Abrede stellen, daß mein Vorgehen damals etwashitzig und selbstsüchtig war; doch meinte ich jene Droh-ung, die Euch so sehr in Harnisch gebracht hat, nichternst. Einen Jahre lang verfolgten Plan gibt mannicht gern auf. Ich that, was ich konnte, um meinZiel zu erreichen, zog mich jedoch, als ich fand, daß dasHerz Magdalenens schon einem Andern gehörte, zurück.Fritz, der das Mädchen kaum zu sehen bekam, machte