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Kreilag, den 14. Februar
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler) .
Die Kstrokogen.
Historischer Neman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.
Von Max Benno.
(Fortsetzung.)
Monate gingen indessen vorüber, ohne daß auf demKriegstheater etwas Nennenswerthes geschah. Währendein großer Theil deS Heeres sich längs der sächsischenGrenze aufgestellt hatte, befand sich das Hauptquartierdes Herzogs in Prag. Die schwedisch- sächsische Streit-macht stand weiter südlich, nur wenige Meilen entfernt.Man erwartete von Tag zu Tag eine entscheidendeSchlacht. Die beiden Gegner beschränkten sich jedoch aufgegenseitige Beobachtung und wichen jeder ernster« Ver-wicklung fast geflissentlich aus. Das Terzky'sche Regi-ment war für die Dauer des Aufenthaltes in der Mol-dau-Stadt zu des Herzogs persönlichem Dienst comman-dirt. In Folge dessen befand Georg Selkow sich in derNähe seines Herrn. Wiederholt hatte der Dienst ihnsogar in unmittelbare Berührung mit diesem gebracht,und jedesmal erhielt er von dem hohen Gönner einfreundliches Wort; aber gerade das, was er so sehnlichwünschte: die Wiederholung jenes verschobenen Auftra-ges, schien von Wallenstein ganz vergessen zu sein.
Da beschied man den Hauptmann — Anfang Juni— wieder in den Hradschin. Die Art der Botschaftweckte eine frohe Ahnung in ihm. Eine freudige Zuver-sicht durchglühte sein Herz, als er die breiten Marmor-stufen der alten Königsburg hinanschritt. Sie täuschteihn nicht. Wieder erhielt er ein versiegeltes Schreiben,und wieder gab ihm der Herzog die fast ganz gleichlau-tenden Anweisungen wie das erstemal mit aus den Weg.Eine Wiederholung der Aufträge der Herzogin bedurftees, wie diese ihm des öftern versichert hatte, nicht.
Diesesmal hielt Niemand ihn zurück. Noch amAbend des gleichen Tages ritt ex wohlgemuth zum Thorehinaus.
Für einen einzelnen, wenn auch gut bewaffnetenMann war es in jenen KriegSzeiten keine Kleinigkeit,allein durch's Land zu ziehen, und erforderte keinen ge-ringen Muth. Allenthalben wimmelte es von Maro-deuren und zersprengten Soldaten, die in größer» undkleinern Banden das arme Landvolk brandschatzten undsich auch nicht scheuten, friedlich des Weges ziehendeReisende zu überfallen und auszuplündern, wobei es sel-ten ohne Mord und Todtschlag abging. Georg's Herzkannte keine Furcht, und überdieß war es noch von der
Sehnsucht nach dem Wiedersehen der Geliebten geschwellt.'— Wider alles Erwarten wurde er auf dem ganzenweiten Wege nicht belästigt, und am Abend des sechstenTages ritt er die gleiche Waldstraße hinauf, wie ehedem,da er die Nachricht von der Ankunft des Herrn nachGroßmeseritsch gebracht hatte. Der Anblick des einsamstehenden Wirthshauses rief ihm unwillkürlich jenen klei-nen Unfall in's Gedächtniß, durch den er zum erstenmalemit dem Wachtmeister Fritz Donald in Berührung ge-bracht worden war. Der Wunsch desselben war in Er-füllung gegangen; sie hatten sich wieder getroffen, aberunter Umständen, daß Georg ein noch viel geringeresVerlangen nach einer Erneuerung ihrer Bekanntschaft alsdamals empfand.
Doch wollte es ihn jetzt fast bedünken, als ob dessenPersönlichkeit bestimmt sei, in seiner eigenen Zukunftnoch eine Rolle zu spielen, obgleich Donald durch dieentehrende Strafe für immer aus der Nähe des Herzogsund dem kaiserlichen Heere verbannt war. Diese Ahnungmochte auf Täuschung beruhen, er glaubte selbst nichtdaran; allein sie war eben da, und er wurde ihrer mitdem besten Willen nicht los.
Ein feiner Regen fiel schon seit länger denn einerStunde von dem graubewölkten Himmel herab, und eSdunkelte bereits, als er das verwitterte Gemäuer desSchlosses vor sich auftauchen sah. Aus dem wohlbe-kannten Zimmer der alten Leibdienerin Anna schimmerteein Lichtstrahl: er brachte den Willkommgruß von ihr,deren Bild ihm auf der ganzen Reise vor der Seele ge-schwebt hatte. Ein kurzer Ritt noch, und Georg passirtedas offene Thor. Eine Minute später lag er in denArmen der Braut, die ihn mit lautem Jubelrufe empfing.
Der junge Mann war anfangs befangen. DasBewußtsein der hohen Abkunft Magdalenens hielt füreinige Augenblicke den vollen Ausbruch seiner Gefühlezurück. Als er jedoch in ihr reines, von hingebenderLiebe verklärtes Auge blickte, als er sah, wie vertrauens-voll sie sich an ihn schmiegte, da fielen die Bedenken,und in überwallendem Gefühl feines Glückes schloß erdie lang Entbehrte stürmisch an's Herz. Da Frau Annawegen Unpäßlichkeit schon die Ruhe gesucht hatte, wurdesie von den Glücklichen nicht mehr gestört, aber Handin Hand eilten sie zu Pater Vincenz, dessen freudigeUeberraschuug bei dem Anblick des schmucken Kriegs-mannes fast derjenigen Magdalenens gleichkam. Plau-dernd saßen die Drei noch lange beisammen.