Ausgabe 
(14.2.1896) 13
Seite
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Georg erzählte von seinen Erlebnissen, von der blu-tigen Schlacht bei Lätzen, von dem Hauptmann LeßlieMd der glücklichen Fügung, die es ihm vergönnt habe,den anscheinend unversöhnlichen Widersacher in einenwohlwollenden Freund zu verwandeln. Ein Schwedehatte schon zum Streich wider Leßlie's entblößtes Haupt,da dieser vom Pserde gestürzt war, ausgeholt, als Georgdessen gefährliche Lage bemerkte und den Hieb parirte.Von der Begegnung mit Fritz Donald, deren er sich beidem Gedanken an Marion nicht ohne eine kleine Ver-legenheit erinnerte, sowie von dessen schwerer Bestrafungschwieg er. Ebenso sagte er von den Enthüllungen desHauptmannes seinem Versprechen gemäß nichts. Einewachsende Sorge drückte sich während seiner Schilder-ungen in Magdalenens Mienenspiel aus.

Als Georg geendet, schmiegte Magdalene sich festeran ihn und schaute mit einem Blick voll ängstlicher Zärt-lichkeit in sein Gesicht.Ich beschwöre Dich, Georg",bat sie,nimm. Dich vor Leßlie in Acht! Laß Dichdurch das veränderte Benehmen dieses Mannes nichttäuschen, da es ganz sicher mit dessen wahren Empfind-ungen im Widerspruch steht! Durch einen Zufall wurdeich am Tage vor seinem Wegziehen von hier zur unfrei-willigen Zeugin eines Selbstgespräches Leßlie's gemacht,dessen Inhalt mich heute noch mit Angst und Schreckenerfüllt. Ich mußte so gräßliche Ausbrüche der Wuthund Rachsucht anhören, daß mir das Blut fast in denAdern gerann. Er hat dem Herzog blutige Vergeltunggeschworen und diesen selbst sowie dessen ganze Familieverflucht!"

Georg gedachte jener Stunde, wo der nunmehrigeOberstwachtmeister sich in leidenschaftlicher Selbstvergessen-heit ihm gegenüber zu ähnlichen Aeußerungen hatte hin-reißen lassen, und ein Verdacht stieg in ihm auf. Leßlie'splötzlicher Eintritt in's active Heer hatte bei seinem Alterallgemeines Staunen erregt. Es war damals schon dieRede davon gewesen, derselbe müsse durch ganz beson-dere Gründe zu diesem Schritte veranlaßt worden sein.Was lag näher als die Annahme, der entlassene Schloß-hauptmann sei nur zum Heere gegangen, um in derNähe des Herzogs zu sein und bei der nächsten günsti-gen Gelegenheit für die erlittene Schmach Vergeltung zuüben: eine Absicht, deren Leßlie bei seinem ohnehin schonverbitterten Gemüthe zweifellos fähig war. Die schimpf-liche Ahndung der That des Neffen, durch welche nachGeorg's eigener Beobachtung ein so niederschmetternderEindruck auf den Onkel gemacht worden war, hatte dieentfesselten Geister des Hasses und der Nachsucht schwer-lich zu bannen vermocht.

Dies waren in Verbindung mit den Wahrnehm-ungen Magdalenens so schwerwiegende Verdachtsgründe,daß die gute Meinung, welche Georg in Folge der letz-ten Unterredung mit Leßlie von dessen Charakter ge-faßt hatte, schnell wieder verschwand und er allen Ernstesfür den Herzog zu fürchten begann. Er beschloß, einwachsames Auge auf den Oberstwachtmeister zu habenund den Herzog zu warnen, sobald irgend eins Hand-lung des Erstern ihm hierzu die Berechtigung gab.

Eine freudige Ueberraschnng rief die Nachricht Georg'svon der beabsichtigten Uebersiedelung der hohen Familienach Großmeseritsch und der Wahl dieser Burg zum stän-digen Wohnsitz bei seinen Zuhörern hervor. Magdalenemalte sich im Geiste schon die schöne Zeit aus, welche

die Verwirklichung dieses Planes ihr im Umgang mitder lieben kleinen Freundin Maria versprach.

Es gab gar Vieles zu fragen, um so mehr, alsnach dem abgelegenen Waldschlosss von dem Kriegsthea-ter nur selten eine sichere Kunde sich verlor; Mitternachtnahte, ehe man sich zur Ruhe begab.

Den folgenden Morgen benutzte Georg zur Begrüß-ung der Base, des Schloßvogts und anderer Bekannten.

Bei dieser Gelegenheit wurde er durch eine bittereErfahrung schmerzlich berührt. Er fand bei den ElternMartin's, dessen feindselige Stimmung er früher schonerkannt hatte, eine so zurückhaltende und frostige Auf-nahme, daß er über die vollständig veränderte Gesinnungderselben gegen ihn nicht in Zweifel bleiben konnte.Und doch war er sich keiner Schuld an dem peinlichen Ver-hältniß bewußt. Auch nur ein Versuch von seiner Seite,durch Verzichtleistnng auf die übertragene Schloßhaupt-mannsstells den Hoffnungen Martin's Rechnung zu tra-gen, hätte bei den bekannten Grundsätzen Wallenstein'sdie Sache voraussichtlich nur noch viel schlimmer ge-macht. Das muhte der Schloßvogt so gut wissen alsGeorg, und wenn er dennoch zürnte, so bewies dies nur,daß sein Aerger über die erfahrene Enttäuschung größerals sein Sinn für Gerechtigkeit war. Der Hauptmannschüttelte deshalb auch die unangenehme Empfindung kurz-wrg von sich und hielt sich an seine Braut und PaterVincenz.

Nur zu schnell verflog die gestattete Frist. In derFrühe des fünften Tages stand Georg's Pferd gesatteltim Hof. Pater Vincenz und Magdalene begleiteten denScheidenden bis an das Thor. Der alte Herr war tiefbewegt, und aus den Augen des Mädchens brachen dieThränen gewaltsam hervor, als sie die Arme zum Ab-schiedSkuß um den Hals des Bräutigams schlang.Georg,Georg", schluchzte sie,mir ist das Herz heute so schwer,als müßte es unter einem namenlosen Weh brechen, alsgälte es eine Trennung für dieses Leben, als sähe ichDich nimmermehr! Ich habe gekämpft und gerungen,um die gräßlichen Gedanken und Bilder von mir zudrängen: es war alles umsonst; nur um so hartnäckigerund drohender verfolgen sie mich! 3ch hatte einen Traum,den ich fast keinen Traum nennen kann; denn jede Scene,jedes Gesicht stand wirklich und lebendig vor mir! Ichsah den Boden mit blutigen Leichen besäet; Dn standestweinend daneben, und hinter Dir grinste Leßlie trium-phirend und hohnlachend auf das gräßliche Bild! Nocheinmal bitte ich Dich, Georg, nimm Dich vor diesemMenschen in Acht! Er brütet Böses!"

Sanft wand Georg sich aus den Armen des Mäd-chens.Rege Dich nicht unuöthig auf", mahnte er.Ichweiß wohl, daß die Gefahr allenthalben lauert; aber soschlimm, wie Du fürchtest, wird es hoffentlich nicht.Was sind Träume? Spiele unserer aufgeregten Einbild-ungskraft! Die Vorsehung wacht über uns. Auf sievertraue und bete, bete recht viel . . . auch für mich!"

Georg schwang sich, nachdem er Beiden die Händegereicht, in den Sattel.Der Herr sei mit Dir, meinSohn", rief Pater Vincenz und machte über den Schei-denden das Zeichen des Kreuzes. Dieser winkte nocheinmal stumm, dann sprengte er zum Thore hinaus.

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(Fortsetzung folgt.)