Ausgabe 
(14.2.1896) 13
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Vsn Friedrich Koch-Breuberg.

(Schluß.)

Wir haben das Corps v. d. Taun verlassen, alsihm nach schweren Tagen für einige Zeit wohlverdienteRuhe zu theil wurde. Schon vor Neujahr 1871 hatteman gehört, daß die Franzosen neue Heereskräfte in derGegend von NeverS vereinigten. In Folge dessen solltedas in der Cernirungslinie stehende II. preußische Corpsgegen Montargis entsendet werden und das I. bayerischeCorps zur Ablösung desselben vor Paris Heranmarschiren.Die Frontausdehnung für unsere Vorposten war einerecht stattliche. Sie reichte von Ormesson bis Choisyle Roiund trafen bei ungefähr 10,000 Schritten und 17,000Mann Truppenstärke auf einen Schritt nicht einmal 2Mann zur Vertheidigung. Unsere Nachbarn zur Rechtenwaren die Württemberger, zur Linken schlössen wir andas VI. preußische Corps an.

Die Ablösung der Pommern erfolgte am 3. Januar,indem die 4. preußische Division bei Boissy St. Legersammelte und unsere 3. Brigade bei Limeil zur Ueber-nahme deS Vorpostendienstes aufmarschirte. Unsere We-delten standen jenen des Feindes auf wenige hundertSchritt gegenüber und begannen an der Mündung desMorbraSbaches in die Marne. Bei La Folie Ferme ander Seine war der linke Flügel. Fast in der Mitte lagder Mont Mesly, eine wichtige Höhe, welche, weil etwasvorgeschoben, starker NepliS bedurfte.

Hinter der vorderen Linie zog von der Marne nachder Seine hin eine dominirende Höhe, welche für denFall eines Angriffes eine sehr günstige Stellung bot. Inden Ortschaften auf dieser Höhe lagen die ruhendenTruppen des Corps im Quartier. Such hatten uns diePommern nicht im besten Zustande hinterlassen. Imganzen Dorfe befand sich keine ganze Fensterscheibe, undes war doch bitterkalt. Es wurde damals ein Befehlausgegeben, Glaserdiamantcn in Brie anzukaufen, aberdas Städtchen des berühmten Käses scheint nicht vielesolche Edelsteine besessen zu haben. Einstweilen verklebtenwir die Fenster mit Papier, und um nicht zu frieren,heizten wir mit allem ein, waS noch übrig war einKlavier, Mahagonimöbel und dergleichen mehr.

Da man immer einen letzten Gewaltausbruch derFranzosen erwartete, geschah alles, um ihm gehörig ent-gegentreten zu können. Ich erinnere mich noch, wie wirZehner nachts 1 Uhr lautlos nach dem Mont Meslymarschirten, um unter Leitung des GenichauptmanncsKörbling Erdarbeiten auszuführen. Man grub bei derGelegenheit ein Paar gefallene Franzosen aus und mußtesie neu beerdigen. Unsere Artillerie war genau über dieeinzunehmenden Stellungen und über die Distanzen in-formirt worden und überhaupt waren alle Anordnungenso getroffen, daß beim Vordringen der Franzosen jederMann selbst bei Nacht seinen Platz gefunden hätte.

Bei einen! Nccognoscirungsritt sagte mir ein ältererHerr, als ich mein Pferd etwas gegen die Marne hingetummelt hatte, ich möchte dies, weil entschieden gefähr-lich, in Zukunft unterlassen. Auf weitere Fragen hinwurde mir erklärt, man erzähle sich, daß am jenseitigenUfer der Menschsnjäger seinen Anstand habe. Es solltenämlich, so ging die Sage, ein Amerikaner von denParisern die Erlaubniß erhalten haben, auf Deutsche zujagen. Am anderen Tage ritt ich derselben Stelle zu,denn ich glaubte nicht an die Geschichte. Kein Nebel trübte

die Aussicht, und die von der Marne in weitem Bogenumflossene Halbinsel interessirte mich durch ihre hübschenVillen und Dörfer ungemein. Jenseits des Flusses lagein Gebäude mit kleinem Kuppelthürmchen, das einemmaurischen Schlößchen glich. Während ich das alles be-trachte, pfeift plötzlich ein Geschoß au meinem Ohr vor-bei. Mein Pferd herumwerfend, reite ich im Galopp derHöhe zu und verliere meinen Neitstock. Das war zwarnur ein abgebrochener Peitschenstiel von Orlöans her-über er war mir, denn auch im Kriege wird man aber-gläubisch, kostbar wie ein Amulett. Ihn missen nim-mermehr! Links und rechts schlagen die Geschosse ein,trotzdem springe ich vom Pferd und rette das lächerlicheHeiligthum, dann erreiche ich unverletzt die schützende Höhe,und einige Tage darauf geht der Peitschenstiel wirklichauf Nimmerwiedersehen verloren.

Mein Piket lag am Fuße des Mont Mesly. Manzog bei einbrechender Dunkelheit auf Vorposten, schickt-die Feldwachen, welche in fast ganz zerschossenen Häusernim Keller campirteu, hinaus, und diese wieder die Ve-dettcn in ihre Erdlöcher. Als ich meinen Dienst beendethatte, sah ich mir den Uuterkunftsort der NepliS genaueran und fand zwei Strohhütten, eine für mich und dieandere für die Mannschaft. Kleemann hatte Stuhl undTisch herausgcschleift, zündete eine Lampe an und ich be-gann in meinem Wigwam zu lesen. Aber alle zehn Mi-nuten theilte sich sausend das Stroh der Wände, und Ge-schosse, die mir gar nicht galten, durchsausten den Raum.Zornig eilte ich hinaus und befahl, daß keine Patrouille,geschehe was immer, schießen dürfe; dann hatte ich Ruhe.Unsere Leute mußten sich eben in diesem Dienst aucherst zurechtfinden. Nach der langweiligsten Nacht brachein nebeliger Morgen an, aber kaum war es sonnenklargeworden, so sauste eine Granate von unglaublichem Ka-liber daher und wühlte den Boden einige Schritte vomPiket auf. Dieser ersten folgten genau elf Schwestern,und nach dem vollen Dutzend war wieder Ruhe. Auchan das gewöhnten wir uns, und ein Tag glich dem andern.

Die Beschießung von Paris sollte am 4. Januarbeginnen, aber dichter Nebel hinderte jede Fernsicht. DiePariser hatten wohl keine Ahnung davon, denn sie machtenweder einen Ausfall, noch verstärkten sie ihr Feuer. Beiunserem II. Corps hatte man vor der Beschießung Cla-mart, welches den Oberst von Trcnberg als ständigenCommandanten erhielt, besetzt. Auch die Vertheidigungs-linie war vom Plateau von Chutillon nach vorwärts ge-legt worden, denn nach Armirung der Batterien sollte dieInfanterie den Feind im Vorterrain abhalten können.Hinter dem II. Corps befand sich in Villaconblay derVelagerungspark. Morgens 8 Uhr am 5. Januar don-nerten zum ersten Male die deutschen Geschütze gegen dieRiesenstadt, und es war ein recht angenehmes Gefühl zuwissen, daß nun nicht allein heraus-, sondern auch hinein-geschossen wurde. Unser Erfolg war vorerst freilich keinzu großer. Die Pariser besserten eben Nachts die unterTags von uns demolirten Batterien aus. Später aberbewährte sich die Ueberlsgenheit unserer Artillerie, unddas Feuer des Feindes nahm nach und nach an Heftig-keit ab.

Noch einmal, in der Nacht vom 13/14. Januar,wurden in Clamart die Vorposten der Fünfzehner an-gegriffen. Oberst Dortu ging mit 2 Bataillons Mobil-gardru und Marincsoldaten gegen die Feldwache III mitgroßer Entschiedenheit vor, wurde aber von unseren Bayer»