Ausgabe 
(14.2.1896) 13
Seite
97
 
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unterrichtet würbe, welche das genannte Kloster im Laufeder Jahrhunderte erfahren mußte.

Wenn wir es heute unternehmen, auf die Geschichtedesselben zurückzukommen, so geschieht es nur, um dervielleicht hie und da auftauchenden Ansicht zu begegnen,als ob das Geschichtsbild Oberelchiugens bloß mit dendunkeln Tinten des Unglücks und der Heimsuchungenzu malen sei. Insbesondere möchten wir den historischenUeberblick, der an sich ja eine sehr daukeuswerthe Arbeitist, dahin ergänzen, daß in den ruhigeren Zeiten sichPartien in jener Geschichte finden, welche die Phantasiedes Beobachters geradezu mit Behagen erfüllen. Hiezuscheint uns die Friedeus-Aera, welche nach dem spanischen Erbfolge-Krieg für das Neichsgotteshaus eintrat, ganzaußerordentlich angethan zn sein. Diese Epoche enthältZüge, welche nicht nur das Stillleben des Klosterscharakterisieren, sondern interessante Streiflichter auf dieallgemeinen Culturzustände an der Neige des 18. Jahr-hunderts zu werfen geeignet sind.

Deßhalb, und weil die darin eine Hauptrollespielende Persönlichkeit durch ihre Stellung in der Literatur-geschichte, sowie zu der ganzen damaligen Zeitströmung vonBedeutung ist, greifen wir aus ihr eine Episode heraus.

Es war im Jahre 1786. Siebenzig Fricdcusjahrewaren vorübergegangen, seitdem das Haus schwere Drang-sale erlitten hatte. Dank der Umsicht in der Leitung unddem Fleiße seiner frommen Insassen hatte sich das Reichs-stift unverhältnißmähig rasch erholt, wenn es auch nichtmehr zu dem früheren Glänze oder dem der damalsnoch blühenden Stifter Tttobeuren, Weingarten oderSalmanusweiler gelaugte. Die Gefalle liefen wiederregelmäßig ein, der Boden gab seine Erzeugnisse her,ehe die Sense der Kriegsfurie über die grünen Halmehiuwegfuhr. Die Zahl der Capituiare hatte wieder ihrenormale Höhe inne. Die Mönche oblagen ihren Pflichtenals Priester, leiteten ihre Klosterschule, lehrten Sprachen,Physik und Mathematik, vergnügten sich an den harm-losen Freuden des Landlebens und hörten zuweilen vonWelthändeln, zuweilen von großen Herren und gewal-tigen Fürsten. Jetzt sollten sie einen solchen von An-gesicht zn Angesicht erblicken.

Heute (15. Dezember 1786) um 3 Uhr bekamenwir von Or. Heuucnberger aus Ulm (Hausarzt desKlosters) eine Privatrelation, daß Seine herzoglicheDurchlaucht (von Württemberg) zu uns kommen werde."Also schreibt I'. Benedict Baadcr, der Prior und damaligeArchivarius der Abtei, in sein Tagebuch. Doch ehe wirvon jenem Besuche handeln, der die ganze Bewohner-schaft des Neichsstiftes in eine Aufregung wie in dieeines gestörten Bienenvolkes versetzte, wollen wir einenBlick in das Tagebuch selbst werfen, dem wir den Be-richt über das Ereignis) verdanken.

Der Prior begann seine Aufzeichnungen, die ineinen starken Foliobaud eingetragen sind, im Jahre 1785.Zn langer Vorrede verbreitet er sich über den Werth,den Nutzen und die Nothwendigkeit eines Diariums fürein Kloster. Am Schlüsse derselben sagt er:Docu-meute, Instrumente, Authentica gehen oft verloren. Wennbaun noch ein Diarium im Archiv liegt, findet es wohlkeinen Glauben pro probatiouo; allein wenn man nach100 Jahren gesinnt ist, eine vollständige llistoriam voneinem Kloster herauszugeben, kann man unmöglich alleSchriften so genau durchgehen. Wie hilft man sich aber,oder, wie kann man sich anders helfen, als eben durchein Diarium?"

Es sind mehr als 100 Jahre dahingegangen, seit-dem der fleißige Archivar diese Worte niederschrieb. Undwenn auch aus dem Tagebuch, das jetzt in der Bibliothekdes historischen Vereins in Augsburg aufbewahrt ist,keine Geschichte des Klosters geschrieben werden soll, soerweist sich dasselbe doch als eine recht verdienstlicheQuelle für das Studium der Culturzustände jener Zeit,und nicht nur im Hinblick auf den engbegrenzten Raum,dem das Buch bestimmt war. Abgesehen von den Schil-derungen der Kirchen- und Hausfeste in Lberelchingen,der kleinen und großen Fastnacht die kleine ging demAdvent voraus, den ersten Spaziergängen im Früh-ling und dem Scheibenschießen bei verschiedenen Ehrungen,bringen sie daukeswerthe Angaben über das Schulwesenund das wissenschaftliche Streben der Hausgenossen, so-wie sie Reflexionen über die Erscheinungen in der zeit-genössischen Welt enthalten. Jedenfalls zeichnet sich derVerfasser des Tagebuches, das mit ebenso großem Rechteine Chronik jener Tage genannt werden kann, durchNechtsinn und Freimuth aus. Ohne jede Bitterkeit undTadelsucht, mit feinem Beobachtungssinu und zuweilennicht ohne Jovialität und Humor bespricht er die Vor-kommnisse, von denen uns manche kleinlich erscheinenmögen, die aber in jener Welt für sich doch vonBedeutung waren. Wir müssen uns ausführliche Probendaraus versagen und uns darauf beschränken, unter denPersonen der klösterlichen Genossenschaft eine Umschau zuhalten.

Abt war der im Jahre 1736 zn Deggingen ge-borene RobertI., der im Jahre 1766 erwählt wordenwar. Der Prior und Archivar schildert ihn in seinemTagebuch folgendermaßen:

Robertus I., mit dem Zunahmen Kolb, ein Müllcrs-sohn aus dem Wieseusteigischen Thäle, Studierte theilshier im Closter, theils zu Cllwaugeu. Vor dem Antrittseines Amtes war er Ollori ro^eus einige Jahr undauch Urokessor pllilosoplliao, überhaupts ein gelehrterKops und auch ästimiert, wizig, aufgeweckt, geschickt undbeliebt: eifrig in seinen geistlichen Funktionen, ein großerOekouom; sehr besorgt für das wohl seiner untergebenenund von Allen gefürchtet lind geliebt."

Der Conveut bestand im Jahre 1785 aus zwanzigPatres, fünf Novizen und einem Laienbruder, welchealle sich in die geistlichen und weltlichen Geschäfte theil-ten. Unter den letzteren, den rein materiellen, warendie des Kasten-, Speise- und Kellermeisters von derBedeutung einer Lebensfrage; die Novizen oblagen denStudien und bereiteten sich für das Lehramt vor, oderstudierten, wenn sie sich hiezu nicht eigneten, bloß Theo-logie und Philosophie; nebenbei betrieb ein jeder Musikund lernte irgend ein Instrument; der Laienbruder warSchneider. Diese sämnttlichcn Mitglieder des Conventswerden nun von dem I?. Prior in seinem viario nachFähigkeiten und Charakter geschildert; und wir unsrer-seits können es uns nicht erlassen, einige köstliche Ab-schnitte daraus mitzutheilen.

So heißt es z. B. von 1?. Gregorius Zieglauer:Gebürtig zu Bozen in Tyrol, eines WechsclherrnSohn, 30 Jahre alt, hat hier und in Freysing schon4 mahl das jns cauonisniw dociert, ouin applaumi, wieer solches auch wirklich bei uns dociert: ein excellentesTalent, guonck inFsnium st msinciriLm, welches unserCloster uit bald gehabt: sonst in oouver8ations sehraüastsl, liebreich, charitativ und eines guten Herzens."

Nicht alle Confratres kommen bei der Schilderung