Ausgabe 
(18.2.1896) 14
Seite
101
 
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Augsburger PostMung".

« 14 .

Dinstag, oen 18. Februar

1896 .

j?ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ür. Grabderr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler ).

Die Astrologen.

Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.

Von Max Benno.

(Fortsetzung.)

Nach zwei Tagreisen kam Georg in Reichenberg an.Dem Befehle des Herzogs gemäß nahm er sein Absteig-quartier im GasthofZu den zwölf Aposteln." Dort harrtebereits der Page, welcher in den Zweck und die Bedeut-ung seiner Sendung vollständig eingeweiht schien. Diezweideutigen Fragen und Winke des halb zurückhalten-den, halb zutraulichen Herrchens machten einen um sounangenehmeren Eindruck auf Georg, als dieser denSinn derselben zum Theil nicht verstand. Sein Arg-wohn steigerte sich noch, als der Page von einem zwi-schen Wallenstein und Arnim abgeschlossenen Waffen-stillstände zu erzählen anfing. Davon hatte man beiseiner Abreise von Prag noch keine Silbe gewußt. Erbehielt jedoch, nur seine Aufgabe verfolgend, seine Ge-danken für sich.

Am folgenden Morgen verließ er mit dem PagenReichenberg und ritt zu Arnim in das Feldlager hinaus.Da bekam er für die Behauptungen seines Begleiterseinen eben so eigenthümlichen als vollständigen Beweis.Verschiedene Gruppen von höher« Offizieren, darunterObersten und Hauptleute in den friedländischen Farben,kamen im kameradschaftlichsten Verkehr, theilweise sogarArm in Arm, mit sächsischen Offizieren auf der Straße daher.

Selkow traute seinen Augen kaum. Selbst derAbschluß eines Waffenstillstandes rechtfertigte nach seinerAnschauung eine solche Vertraulichkeit nicht.

Arnim's Hauptquartier befand sich in einem hüb-schen Landhause. Der Hauptmann wurde daselbst so-fort vorgelassen und übergab seinen Brief. Der Feld-marschall schien den Inhalt zu ahnen; schon bei derEmpfangnahme spielte ein beifälliges Lächeln um seinenMund. Er öffnete das Schreiben und las.

Selkow stand unterdessen ehrerbietig zur Seite.Welcher Sturm würde jedoch sein Gemüth durchtobthaben, hätte er den Inhalt des verhängnißvollen Pa-pieres gekannt!

Wenn der schwedische Reichskanzler", schrieb Wallen-stein ,dem Obersten Holk einige Regimenter anvertrauenwill, so wird der Herzog von Friedland dafür sechs Regi-menter zu dem Feldmarschall Arnim stoßen lassen undmit dem andern Theil seines Heeres durch Böhmen nachOesterreich Vordringen. Während dieser Bewegung wird

Holk nach Bayern ziehen, um den Herzog Bernhard vonWeimar zu unterstützen und dadurch den Marschall Hornin Stand zu setzen, die Spanier auS Deutschland zuvertreiben."

Arnim wußte sich zu beherrschen. Keine Mienebekundete was in seinem Innern vorging. Er faltetedas Schreiben zusammen und verwahrte es auf seinerBrust. Dann erhielt Georg die Weisung, sich zu ent-fernen, aber in der Nähe zu bleiben, um später zurEmpfangnahme der Antwort verfügbar zu sein. DreiStunden gab man ihm frei.

Diesem Befehle entsprechend, verließ der Hauptmanndas Haus. Vor ihm lag der weite Lagerplatz mit sei-nem Getümmel und verworrenen Lärm. So sehr desjungen Mannes Auge sich sonst an solch kriegerischenBildern ergötzte, heute fühlte er sich durch das Treibenbeengt.

Plötzlich hemmte er den Schritt: auf Steinwurf-weite gewahrte er in einer Kreuzung zweier Landstraßendie Akrobatenbude Leferrier's. Eine Flagge wehte obenauf der Spitze, aber diesesmal trug sie die sächsischenFarben. Die großen Plakat-Tafeln fehlten ebenfallsnicht, und auch das schimmernde Bild der Wahrsagerinwar schon von weitem erkennbar. Der Franzose hattesonach abermals die Rolle getauscht.

Zwei Offiziere friedländische, wie ihre Farbeverrieth traten eben heraus. Georg betrachtete sie.Auch die Beiden richteten ihre Blicke auf ihn, aber nureinen Augenblick, dann wandten sie sich schnell ab undschlugen einen Seitenweg ein. Georg hatte den Einensofort erkannt: es war Martin Kametsch. Auch dieGestalt des Andern, den Martin in auffallender Hastfortgedrängt hatte, rief in ihm eine dunkle Erinnerungwach. Schon stand er im Begriff, weiter zu gehen, datauchte der gleiche Offizier abermals ganz in seiner Näheohne Martin in einer Gruppe sächsischer Mannschaftenauf. Er fixirte ihn scharf, und diesmal war er glück-licher.Fritz Donald," rief er in seiner lleberraschungso laut, daß dieser ihn trotz dem Getümmel hören wußteDer Wachtmeister hatte zwar den rothen Vollbart ent-fernt; seine Augen jedoch, welche man schwerlich beieinem Andern ähnlich wieder fand, wurden zum Ver-räther an ihm. Wie war das möglich? Der gebrand-markte Ausreißer als Kapitän-Lieutenant in einem Regi-mente Octavio Piccolomini's , des Busenfreundes undVertrauten des Herrn?