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Ein neues Räthsel! Um sich Gewißheit zu ver-schaffen, drängte Georg sich in die Soldatengruppe hinein,wo er Donald erblickt hatte; doch der Gesuchte war ver-schwunden, er sah ihn nicht mehr.
In diesem Augenblick erschien die Musikbande aufder Estrade der Bude und begann ihr ohrenzerreißendesConcert. Der Harlekin — diescsmal nicht Leferrierselbst — trat vor und sprach den üblichen Prolog.Georg glaubte das liebliche Gesicht Marion's auf einigeSekunden durch eine Spalte des Vorhanges gesehen zuhaben. Nasch trat er ein. Er fand das hübsche Cabinetschon von mehreren Offizieren besetzt. Das Glöcklein er-tönte, und Marion kam. Als ihr Blick auf den Haupt-mann fiel, begann die zarte Gestalt zu zittern, und einetiefe Blässe überzog das schöne Gesicht. Zwei Offizierefertigte sie kurz ab, dann winkte sie Georg heran, ergriffschnell ein Blatt Papier und schrieb, nachdem sie sichscheu umgesehen, einige Worte darauf. Als sie ihm dasZettelchen reichte, sprach sie kein Wort, aber in den gro-ßen Augen dagegen lag ein Ausdruck, der dem jungenManne wie eine Warnung erschien. Er fühlte denleisen Druck ihrer Hand; als er sie jedoch anreden wollte,legte sie den Finger mit einem bezeichnenden Wink ausden Mund. Er verstand sie und schwieg.
Mittlerweile hatte sich die Bude gefüllt. Es ge-lang ihm, noch einen flüchtigen Blick von Marion zu er-häschen, dann begab er sich wieder hinaus. In begreif-licher Spannung entfaltete er hier den Zettel und las:„Nehmt Euch in Acht! Ihr seid von Feinden undSpionen umringt! So Ihr etwas Wichtiges bei Euchführet, verwahrt es gut. Verrathet mich nicht!"
Aus den wenigen Zeilen ging deutlich hervor, daß dieSchreiberin Kenntniß von seiner geheimen Sendung be-saß. Aber woher? Sollte in der That eine geheimeKraft existiren, die sein Geschick mit der Person diesesMädchens verband? Georg war trotz seinem hellen Kopfein Kind seiner Zeit. Die ganze Umgebung, in welcherer lebte, war mit dem Glauben an solche geheime Be-ziehungen und Gewalten erfüllt, und die Anschauungendes Herzogs, den er fast wie einen Halbgott verehrte,blieben nicht ohne Wirkung auf ihn. Indessen war diegestattete Frist abgelaufen, und der Hauptmann eilte indas Landhaus zurück. Der Page erwartete ihn, under wurde ohne Verzug zu Arnim geführt.
Dieser nahm ein auf dem Tische liegendes Schrei-ben und gab es ihm in die Hand. „Ihr brechet",sagte er, „von diesem Zimmer aus nach Reichenberg auf,verlasset den Gasthof Zu den Zwölf Aposteln, wo Ihrüber Nacht bleiben werdet, heute nicht mehr und machetEuch morgen mit Tagesanbruch nach Prag auf den Weg.Diesen Brief werdet Ihr wohl verwahren, und sobaldIhr in dem Lager des Herzogs ankommt, bestellen, eheIhr Euch einen Trunk oder eine Speise vergönnt. Ver-hütet ja, daß ein fremdes Auge ihn sehe und noch mehr,daß er in unrechte Hände gelange. Eher vernichtet Ihr ihnund bringt Euerm Herrn für diesen Fall die mündlicheBotschaft: Gegen entsprechende Garantien sei alles bereit.Ich verpflichte Euch bei Euerem Ehrenworte, auch dieseWorte keinem Menschen zu sagen, als dem Herzog vonFriedland.
Georg hatte sich nachgerade an das Außerordentlicheso sehr gewöhnt, daß er über diese Anweisungen desFeldmarschalls kaum mehr in Erstaunen gerieth. Er
verbarg den Brief im Koller, gab sein Ehrenwort undverließ das Gemach.
Es war noch nicht spät, und der junge Mann wäregar zu gern, um sich Aufklärung zu holen, noch ein-mal nach der Bude des Franzosen geeilt; aber der Be-fehl Arnim's lautete so bestimmt, daß ihm das Pflicht-gefühl irgend eine Deutung zu seinen Gunsten verbot.So ritt er denn Reichenberg zu und suchte seine Her-berge auf. Die untern Gelasse in den „Zwölf Aposteln"waren mit zechenden Soldaten gefüllt. Das geräusch-volle Treiben paßte ihm nicht; das Haus zu verlassen,war ihm verboten; deshalb zog er sich auf sein Zimmerzurück. Hier warf er sich auf's Bett und dachte überdie letzten Erlebnisse nach.
Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als erdurch halblaute Stimmen, die aus dem anstoßendenZimmer kamen, aus seinem Sinnen geweckt wurde. An-fangs schenkte er dem Gespräch keine Beachtung; denLauscher zu machen, war ohnehin seine Art nicht. Dadrangen jedoch Worte und Namen zu ihm herüber, dieunwillkürlich ein wachsendes Interesse an der Unter-haltung in ihm erregten.
„Der Herzog", hörte er sagen, „zögert zwar noch,er ist jedoch entschlossen. Er hat sich bei mir wiederholtüber die lange Dauer des Krieges bekkagt und die Noth-wendigkeit eines baldigen Friedens betont. Er meinte,man müsse sowohl die Liga als den Kaiser dazu zwingen,wenn die Anwendung anderer Mittel nicht hinreichendsei. Wer sollte dies thun? Mein Herr Vetter ist zwarzu schlau, um seine geheimsten Gedanken zu verrathen;allein ich fühlte doch zwischen seinen Worten recht gutheraus, daß er auf die Gefahr eines Bruches mit demKaiser hin der Rolle eines Friedensstifters nicht abge-neigt ist. Zudem weiß ich bestimmt, daß er Ferdinandwegen seiner Absetzung immer noch grollt."
„Sie mögen Recht haben, Herr Graf", wurde ihmmit etwas fremdländischem Accent erwidert. „Schon beider Uebernahme des zweiten Generalats durch Wallen-stein, da dieser dem Kaiser unerhörte Bedingungen ab-drang, hat Richelieu's weitblickender Geist erkannt, daßder Herzog selbstsüchtige Absichten verfolge. Solche For-derungen stellt kein Privatmann, sondern ein Landes-herr und selbstständiger Bundesgenosse. Unser Hof istbei der Sache in hohem Grad interessirt, und ich willIhnen mit der Bitte, es den Herzog wissen zu lassen, gestehen,daß ich von König Ludwig den Auftrag erhielt, Wallen-stein nicht nur des Wohlwollens meines Monarchen, son-dern auch der Hilfe Frankreichs zu versichern, um ihmdie Krone Böhmens und noch mehr zu verschaffen, wenner zum Frieden im Reich und der Christenheit, zur Er-haltung der Religion und öffentlichen Freiheit beitragenwolle. Der so plötzlich mit Arnim abgeschlossene Waffen-stillstand hat ohne Zweifel keinen andern Zweck, alsWallenstein die Unterstützung Sachsens für seine gehei-men Pläne zu sichern, mag dieser auch hundertmal vor-geben, er wolle dadurch die Kurhäuser Sachsen undBrandenburg von den Schweden trennen und durcheinen Separatfrieden auf die Seite des Kaisers ziehen.Die Anwesenheit so vieler friedländischer Offiziere imsächsi^chenLager widerspricht diesem Vorgeben zwar nicht;aber sie ist doch zu auffallend und überdies so raschund so augenfällig veranstaltet worden, daß dadurchsicherlich nur ein anderes geheimes Spiel verdeckt werdensoll, um so mehr, als über die gut kaiserliche Gesinnung